Das Townhall-Desaster

Es gab eigentlich nur einen, der gestern noch schwächer war als Frank-Walter Steinmeier: Peter Kloeppel. Der RTL-Moderator ist seit Jahren der wichtigste „Ankermann“ des seriösen Teils der deutschen Privatsender. Gestern schien er Valium geschluckt zu haben. Vielleicht wollte er sich ja auf das Geschwindigkeitsniveau des SPD-Kanzlerkandidaten begeben.

Die Sendung war ein Flopp für Steinmeier und weckt Erinnerungen an Edmund Stoibers Auftritt bei RTL im Wahlkampf vor sieben Jahren. Der bayerische Ministerpräsident kam damals so spröde rüber, daß immer mehr Unionsanhängern die Lust am Wählen vergangen ist.

Gestern hätte Steinmeier seine Chancen nutzen müssen. Vergessen Sie jetzt mal alles, was im Fernsehen gesagt und in Zeitungen geschrieben wird: Zunächst einmal sind Inhalte total unwichtig bei diesen Polit-Shows. Ein Typ kann den größten Blödsinn erzählen. Solange er Publikumsliebling ist, wählen ihn die Leute. Das ist Politik im Medienzeitalter. Es bedurfte keines Horst Schlämmers, um diese Tatsache zu beweisen, aber da er nun mal da ist, sei er als Beweisstück „Nummer eins“ erwähnt.

Am Wahlabend widerlegt

Gerhard Schröder hat 2005 nicht mit der Agenda 2010 oder dem Erneuerbare- Energien-Gesetz oder irgendwelchem anderen Quatsch die Zuschauer für sich begeistert, sondern mit dem Satz: „Und dafür liebe ich sie.“ Es ging um Doris Schröder-Köpf, die Angela Merkel vorher offen angegriffen hatte. Wissenschaftler haben ermittelt, daß Schröder mit dieser öffentlichen Liebeserklärung die Sympathien gewonnen hat. Und zwar gegen die ganzen „Expertenmeinungen“, die hinterher Merkel als Siegerin des TV-Duells gesehen haben wollen. Sie wurden am Wahlabend alle widerlegt, als die SPD viel besser abgeschnitten hat als prognostiziert. Dank Schröder.

2002 hätte Stoiber Kanzler werden können, wenn er statt Michael Spreng Rosamunde Pilcher als Beraterin gehabt hätte. Hatte er aber nicht. Und Steinmeier auch nicht. Er hatte ganz am Anfang eine lichte Phase, als der erste Zuschauer erzählte, er sei ehemaliger Hertie-Mitarbeiter und nun arbeitslos. Steinmeier hat ihn nicht gelangweilt mit makroökonomischen Daten, sondern gleich gefragt: „Wie ist Ihre persönliche Situation? Darf ich das fragen?“ Als er erfuhr, daß der Mann Kinder habe, ergänzte er: „Wenn man Kinder hat, ich kenn das …“ Dann hat er dem Mann richtig Mut gemacht, ihm gesagt, er solle nach vorne schauen, sei doch gut ausgebildet und so weiter. Gut angefangen. Stark nachgelassen.

„Sehr persönlich“

Ganz am Schluß wurde Steinmeier gefragt, ob er seinen Sohn nach Afghanistan schicken würde. Warum hat er nicht einfach „nein“ gesagt? Steinmeier blieb die Antwort schuldig. Er redet Blabla über sorgfältige Entscheidungen und das Risiko des Einsatzes. Peter Kloeppels Antwort dazu war der Hammer des Abends: „Sie haben die Frage sehr persönlich beantwortet.“ Sieht so kritischer RTL-Journalismus aus?

Da überrascht es nicht, daß die ganze Sendung vorher aufgezeichnet worden ist. Sie war gar nicht live, obwohl die übergroße Mehrheit der Zuschauer genau das gedacht haben dürfte. Wer weiß, was da noch alles glattgebügelt worden ist! Es kam nur heraus, weil vor Beginn der Sendung auf Spiegel online bereits der Bericht über die Sendung zu lesen war, wo es fälschlicherweise auch noch unkritisch hieß, Steinmeier sei im Laufe der Sendung zu immer besserer Form aufgelaufen. Das Gegenteil war der Fall.

So haben sich gestern RTL und Spiegel noch mehr blamiert als Frank-Walter Steinmeier.

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