Die den Ratten folgte – Miru Kim in New York, Berlin und Paris

Als die Künstlerin Miru Kim 1999 nach New York kam, erschien ihr die Stadt wie ein großer, lebender Organismus. Vor allem: Die Allgegenwart der Ratten – im Abwassersystem, in den Kellern, zwischen Hauswänden, in Lagerhallen – erregte das Interesse der Achtundzwanzigjährigen. Sie begann die Tiere zu zeichnen. Dokumente einer biologischen Großnische inmitten der künstlichen (Menschen-) Welt.

Als Miru Kim eines Tages in einem U-Bahnhof fotografieren wollte, erklärte ihr ein Angestellter, daß dies verboten sei. Wieder sah sie die Ratten, die vom Bahnsteig in geheimnisvolle, dunkle Schächte rannten. Und die junge Fotografin folgte ihnen – in die Zukunft unserer Welt. Ja, diese Nagetiere – für George Bataille das schweigende Unbewußte symbolisierend – führten Miru Kim in die gigantischen Nekropolen westlicher Zivilisation: In ausgediente U-Bahnschächte, dunkel und dem Verfall preisgegeben.

Moderne Ruinen, die ahnen lassen, wie unsere Welt einmal zukünftigen Generationen erscheinen wird: Den Trümmern antiker Paläste nicht unähnlich. Hier wie da bricht die Natur wieder ein, durch kleine Pflanzen und Tiere. Miru Kim fotografierte und fotografierte – aber etwas fehlte.

Am Ende der (westlichen) Welt

Etwas, das die Bilder vom Status purer Dokumentation befreite, einen Kontrast aufriß. Und den fand sie in sich selbst. Nackt wie ein Frühmensch, wie ein wildes Tier inmitten zerfallener Zivilsation, durchschreitet sie die Denkmäler der Moderne. Sie wurde, mit eigenen Worten, „wieder zum Kind“, kletterte in einer Fotoserie durch den ältesten Aquädukt Amerikas, errichtet im Jahre 1837. Der letzte Mensch am Ende der (westlichen) Welt.

An dieser Stelle sollte jeder, der Miru Kims Werk nicht kennt, die Lektüre unterbrechen, auf ihre Website gehen und eine Auswahl ihrer Fotografien anklicken, bevor er fortfährt.

Miru Kims Parallelwelten verströmen die Melancholie der Vergänglichkeit – bei gleichzeitigem Wissen, daß das Leben Wege finden wird, zu überdauern. Sich zu erneuern. So verkörpert sie die letzte Utopie im Kosmos ewiger Vergänglichkeit.
Inzwischen gehört auch Berlin zu Miru Kims liebsten Städten, hier hat sie zahlreiche Fotos in unterirdischen Bunkeranlagen geschossen.

Der Not ihrer Zeit bewußt

Während am Boxhagener Platz, im ehemaligen Ostteil der Stadt, die Yuppi-Elite auf frisch verchromten Stühlen grinsend ihre Cocktails trinkt, durchläuft Miru Kim – nur wenige Meter tiefer – deren künftige Vergangenheit: In lichtschwachen Trümmergängen.

Auch die Pariser Katakomben – mit Graffiti aus dem 18. Jahrhundert – hat sie auf Fotofilm gebannt. Die Serie trägt den Titel „Naked City Spleen“ und ist eine Hommage an Charles Baudelaires Prosadichtung „Le spleen de Paris“.

Heutzutage beschränken sich Künstler selten auf eine Ausdrucksform. So hat auch Miru Kim unlängst ihre erste Theaterinszenierung vorgelegt: „Ein Traumspiel“ von August Strindberg.

Das verwundert nicht, handelt es doch von der Tochter des Gottes Brahma, die in den Trümmern der Menschenwelt watet. Die Parallele zu ihrer eigenen Kunstfigur ist überdeutlich.

Bleibt zu hoffen, daß ihre Fotos späteren Generationen überliefert werden. Als Ausdruck modernen Unbehagens und als Beweis, daß wenigstens einige Menschen sich der Not ihrer Zeit bewußt waren.

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