Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Bayreuth oder Die Lust am Verschwinden

Und wieder starten die Bayreuther Festspiele. Seit ihrer Gründung 1876 in jedem Sommer – Kriegsjahre ausgenommen. Das Festspielhaus gilt nach wie vor als Ausnahmeerscheinung. Wo sonst hat ein Opernkomponist eine Stätte errichtet, die ausschließlich seine Werke spielt? Mit Bayreuth hat sich Richard Wagner endgültig zum Monument erhoben. Zu einem Mythos, der jährlich unzählige Gäste lockt und endlos lange Wartelisten provoziert. Mag sich die Aufführungspraxis seit Wagners Tod bis ins Unerkennbare gewandelt haben –  trotzdem ist hier „echter“ Wagner zu sehen. Ein Aberglaube, denn schon zu dessen Lebzeiten gab es dort höchstens nur den „halben“ Wagner.

Noch in den letzten Jahren bat der greise Komponist seine Frau Cosima, das verdammte Haus dichtzumachen und die Opernrechte an Angelo Neumann – für Aufführungen in den USA – zu verkaufen. Nicht weil der Betrieb im Festspielhaus soviel Mühe kostete. Nein, für Wagner war es vor allem ein Monument seines Scheiterns. Cosima aber wollte ihre Alterssicherung nicht wegflattern sehen, redete dem Ehemann die Verkaufsidee aus – und inszenierte nach seinem Tod den Mythos Bayreuth in Eigenregie. Was aber war für Wagner so schrecklich am Bayreuther Festspielhaus?

Nur eine Seite in Wagners Charakter wollte monumentale Selbstvergötterung, die andere sehnte sich nach Lebensfluß, nach Vergänglichkeit, nach dionysischer Auflösung. Letztere dominierte zur Jugendzeit, als er 1848 – Hegelianer und Freund des Anarchisten Michael Bakunin – auf der Dresdner Barrikade die alte Welt in Schutt und Asche bomben wollte. Zwei Jahre später entstand der Plan zu einem Festspielhaus für das Opernprojekt „Siegfrieds Tod”. Aus Holz sollte es sein und nach drei bis vier Vorstellungen müsse es wieder abgerissen werden; der Eintritt sollte kostenlos sein, und die Partitur sei anschließend zu verbrennen. Nichts bewahren, nichts konservieren. Im Fluß bleiben. Keine apollinische Monument-Kultur.

„Schafft neues, Kinder”

Ein Vierteljahrhundert später war es soweit – und doch ganz anders. Das Festspielhaus in Bayreuth entstand. Der einstige Anarchist war zum verbitterten Kunstgott gewandelt. Und das Holzgebäude kein Provisorium mehr, sondern für die Ewigkeit bestimmt. Auch kostenfreien Eintritt gab es nicht. Zu sehr hatten Schuldenberge den alten Sozialromantiker entmutigt. Die Realität des Business: Selbstinszenierung, Repräsentation mit verhaßter Tagesprominenz – die Wagner-Mumie war perfekt. Aber wenn Cosima zuletzt seine Wiederbelebung sabotierte – wohin floß die Sehnsucht nach Vergänglichkeit?

Zum einen erklärte Wagner seine Aufführungen nie für mustergültig. Das versuchte erst die Nachwelt. Seine legendären Aussprüche „Nächstes Jahr machen wir alles anders” und „Schafft neues, Kinder” waren Antidote gegen das Erstarren. Aber zurückgezogen in Villa Wahnfried ging er noch wesentlich weiter: Er änderte sein Geschlecht und sein Weltbild. Zwischen parfümierten Kissen, in weiblicher Spitzen- und Rüschenkleidung saß er da und komponierte buddhistische Erlösungsphantasien. Visionen des Zerfließens, des Verlöschens. Seine Buddha-Oper wurde nie vollendet, sein Nirwana-süchtiger „Parsifal” (1882) erst in letzter (Lebens-)Sekunde. Das Weibliche, die langen fließenden Stoffe – das waren die Wellen, in denen die Flußtöchter aus „Rheingold“ tollten. Die Parfüms, das sind die „wonnigen Düfte“, in denen Isolde sich auflöst. Ausgesucht von seiner Geliebten Judith Gautier in Paris.

So entzog sich der alte Komponist seiner eigenen Monumentalisierung, seinem Marketing-Image, wie man heute sagen würde. Gerade als er seinen Essay „Über das Weibliche im Menschen” verfaßte, kam die tödliche Herzattacke.

Wer dieses Jahr keine Karte für Bayreuth erhalten hat, sollte nicht verzagen. Wagner ist da nicht mehr. Er war dort nie wirklich. Wo man ihn antrifft? Im Nirwana, überall und nirgendwo. Diese Raumlosigkeit aber findet in der virtuellen Kunstwelt eine adäquatere Ausdruckssphäre als auf der Bühne. Wagner, lebenslanger Avantgardist, hätte dieses neue Medium gewiß verwendet. Und seine Urenkelin Katharina Wagner läßt die Bayreuther Aufführungen inzwischen live ins Internet übertragen.

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