Pegida
Pegida-Demonstration vor der Frauenkirche: Die Sachsen sind störrisch Foto: picture alliance / AP Photo

Streiflicht
 

Das sächsische Phänomen

Dresden bewegt seit Monaten die Republik. Es wird viel gerätselt über den Eigensinn der Bürger der sächsischen Elbmetropole. Gespottet wurde von überheblichen Politikern und Journalisten über das „Tal der Ahnungslosen“ – eine Anspielung auf die Zeit, als westdeutsche Fernsehsender terrestrisch im Südosten Sachsens im Gegensatz zum Rest der DDR nicht zu empfangen waren.

Man glaubte, ein Teil der Sachsen lebte deshalb „hinterm Mond“. Den Sachsen zeichnet ein markanter Dialekt aus, der das Mißverständnis befeuert, dieser Menschenschlag sei besonders „gemütlich“. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem niedlichen Idiom ein besonderer Widerstandswille, der sich mit Traditionsbewußtsein und Heimatliebe paart.

Und so hatten die ersten Massenproteste 1989, die „Montagsdemonstrationen“, im sächsischen Leipzig ihren Ursprung. Nicht zufällig haben die SED-Erben der Linkspartei hier den schwersten Stand im Gegensatz zur CDU, die zwischen Plauen und Görlitz nicht nur am stärksten, sondern obendrein am konservativsten ist. Sachsen ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht so eine Art Bayern des Ostens.

Sinnbild des alliierten Bombenkrieges

Dresden findet sich nun immer zum 13. Februar im Blickpunkt geschichtspolitischen Gedenkens. Der Untergang der Barockstadt 1945 wurde zum Sinnbild des alliierten Bombenkrieges gegen deutsche Städte, von denen Hunderte ähnlich ausgelöscht wurden. Dresdens Schönheit und ihre Vernichtung gaben der Sinnlosigkeit jedoch den ergreifendsten Namen.

Die meisten Dresdner gedenken des Untergangs und ihrer Toten im stillen. Seit Jahren gelingt es nämlich nicht mehr, daß die Stadt ein würdiges offizielles Erinnern durchsetzen kann. Ideologische Grabenkämpfe entbrennen immer wieder um die Deutung, bei Kundgebungen kommt es zu Krawallen und Blockaden, prallen Parolen vom „Bombenholocaust“ auf „Bomber Harris do it again“.

Stellvertretend ringt Dresden mit dem Verhältnis zur Geschichte

In diesem Jahr verzichtet die Stadt nun auf die traditionelle Kranzniederlegung auf dem Heidefriedhof. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen beklagte „Opfermythos“ und „Selbstbezogenheit“ der Stadt und forderte gar anstelle von Gedenkveranstaltungen ein Fest „wie ‘Dresden ist bunt’ … für ein weltoffenes und demokratisches Dresden“.

Stellvertretend für das ganze Land ringt Dresden mit dem ungelösten Problem kollektiven Erinnerns und dem neurotischen Verhältnis zu unserer Geschichte. Lenkt wirklich vom „Weg in den Abgrund“ des NS-Staates ab, wer auch die Bombentoten angemessen ehren will?

Die Dresdner lieben ihre Stadt. Ihre Liebeserklärung ist die mit inniger Leidenschaft betriebene Rekonstruktion des im Feuersturm zertrümmerten historischen Zentrums. So heilen langsam Wunden, und die Schönheit der sächsischen Residenzstadt erlebt eine bezaubernde Wiederauferstehung.

JF 08/15

Pegida-Demonstration vor der Frauenkirche: Die Sachsen sind störrisch Foto: picture alliance / AP Photo
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