Streiflicht

Ja, ich bin ein Sitzenbleiber!

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Das Sitzenbleiben abzuschaffen befeuert die wachsende Epidemie von Unreife und Unfreiheit Foto: Manfred Jahreis/pixelio.de

Seien wir doch einmal ehrlich: Es gibt fleißige Schüler und es gibt weniger fleißige. Und es gibt faule Schweine. Ich war so ein Kandidat – „immer so durchgemogelt“, wie Walter Kempowski es für seine Schulzeit formulierte. In allen Fächern reichte es mir, dem Unterricht zu folgen, damit schrieb ich die Prüfungsarbeiten, ohne vorher zu lernen.

Bei den Sprachen genügte das nicht mehr, da hätte ich büffeln müssen. Auf dem bayerischen Gymnasium anno 1978 fing ich mit Latein an, in der sechsten Klasse kam ich schon auf eine Fünf, weshalb mich mein Vater nötigte, beim Umzug nach Baden-Württemberg diese Klasse freiwillig zu wiederholen, da ich sowieso in einen neuen Schulverband kam.

Wachsende Epidemie von Unreife und Unfreiheit

Doch dabei blieb es nicht. Obwohl ich schon mit Latein kämpfte – die Tochter des Militärhistorikers Horst Boog rettete mich hier durch Nachhilfe –, wählte ich dann in der Mittelstufe als dritte Fremdsprache auch noch Altgriechisch. Eine Schnapsidee, geboren aus pseudoelitärer Bildungshuberei und Protest gegen meine frankophile Mutter, die zu Französisch riet. Ich habe nichts getan. Ende der zehnten Klasse die Quittung: Eine Sechs in Griechisch. Sitzengeblieben.

Die jetzt von Kultusministern der deutschen Länder geplante generelle Abschaffung des Sitzenbleibens hilft den Schülern nicht, sondern befeuert die wachsende Epidemie von Unreife und Unfreiheit. Es muß ein klares Oben oder Unten, Gut oder Schlecht, Schön oder Häßlich, Drinnen oder Draußen geben, damit wir uns orientieren können.

Die Abschaffung des Sitzenbleibens ist eine konsequente Entscheidung für eine Gesellschaft, die Konsequenzen generell abschaffen will. Es paßt zu einer grassierenden und im Zuge der Euro-Krise auch die gesamtgesellschaftliche Moral erschütternde Ethik der Verantwortungslosigkeit. Alles wird irgendwie „aufgefangen“, notfalls durch „Sonderbetreuung“ nachbehandelt. Banken gehen nicht mehr pleite, und Schüler bleiben nicht mehr sitzen.

Tritt in den Hintern

Ich bestreite, daß die irrwitzigen Pläne der Kultusminister im Interesse betroffener Schüler sind. Ich behaupte, daß sich Schüler nach einem strengen Regiment sehnen. Sie wollen eine ehrliche Information, ob sie faul oder fleißig sind. Sie wollen kein Wischi-waschi und keine „Spiele ohne Verlierer“. Sie verachten Lehrer, die sich ranschmeißen und Noten verschenken. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht 1988, sondern 1986 mein Abitur gemacht hätte.

Jeder Mensch, dem Genie, Fleiß und Talent nicht in den Schoß gefallen sind, braucht irgendwann einen Tritt in den Hintern, damit er sich anstrengt. Mir haben die zwei „Ehrenrunden“ geholfen, obwohl ich noch oft davon träume, irgendeine Abiprüfung versäumt zu haben. Wer uns die Möglichkeit nimmt, richtig auf die Nase zu fallen, will uns in Wirklichkeit am aufrechten Gang hindern.

JF 9/13

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