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Streiflicht
 

Als mein Vater seine Sprache verlor

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JF-Chefredakteur Dieter Stein (rechts) salutiert vor seinem Vater, Oberstleutnant Hans-Peter Stein. Ein Foto aus dem Jahr 1988. Foto: Privat

Mein Vater war nur noch ein Skelett, als er im Oktober 1994 starb. 57 Jahre war er alt geworden. Seine letzten drei Jahre lag er in einem Krankenhausbett in unserem Wohnzimmer. Einmal am Tag kam stundenweise eine Pflegekraft, ansonsten war meine Mutter rund um die Uhr bei ihm. Ihre Haare wurden grau in dieser Zeit.

Kein Herzinfarkt, kein Schlaganfall hatte ihn von heute auf morgen aus der Bahn geworfen. Es war ein acht Jahre währender, schleichender Prozeß, der einen markanten, starken Mann in ein hilfloses, stummes Wesen verwandelte. Nicht schockartig, sondern in einer knapp acht Jahre währenden Zeitlupe. Die späte Diagnose der Ärzte: „Morbus Pick“, eine dem Alzheimer verwandte unheilbare Demenz-Erkrankung, die bereits Menschen trifft, die jünger als 60 Jahre alt sind.

Erste Schwierigkeiten beim Sprechen

Mein Vater war Berufsoffizier und Militärhistoriker gewesen, ein schlanker, aufrechter Mann, geradeaus, Preuße. Er sagte in unserer Familie, wo es langging. Und so ist es ein Tag im Hafen von Neapel im Juli 1986, der mir als Moment haftenblieb, als er erstmals nicht mehr wußte, wo es hingehen sollte. Er stand für auffällig lange Minuten ratlos da, blätterte ziellos in seinen Reiseunterlagen, bis er dann erleichtert doch den Ableger für unsere Fähre nach Ischia fand.

Wir Geschwister meinten damals amüsiert, nun wird unser strenger Vater endlich genügsamer, er läßt jetzt auch einmal fünfe gerade sein. Doch dann traten Schwierigkeiten beim Sprechen auf. Auch das fiel zunächst nicht auf, weil mein Vater ohnehin wortkarg war. Er besuchte eine Weile eine Logopädin, die jedoch nichts ausrichten konnte. Als ich 1988 in Lüneburg mein Rekrutengelöbnis hatte, war ich stolz, meinen Vater in der Uniform eines Oberstleutnants unter den Zuschauern dabeizuhaben.

Seine letzten Worte sprach er, als 1989 die Mauer fiel

Im Offizierscasino konnte er sich dann schon nicht mehr sein Gericht bestellen. Er hatte sich immer gesträubt, zu Ärzten zu gehen. Als diese schließlich sein Gehirn durchleuchteten, sah man auf dem Bildschirm Regionen, die bereits im fortgeschrittenen Zerfall begriffen waren: Sprache und Antrieb. Meine Mutter erlebte einen Nervenzusammenbruch, als ihr klar wurde, daß der Mann, mit dem sie alt werden wollte, sich zu einem Kind zurückentwickeln und sie mit fünf Kindern, davon vier in Ausbildung, allein lassen würde.

Seine damaligen Historikerkollegen am Militärgeschichtlichen Forschungsamt tuschelten über eine vermeintliche Alkoholkrankheit. Sie konnten sich seine Sprachlosigkeit und Apathie nicht erklären. Seine letzten Worte sprach er, als 1989 die Mauer fiel. Über die von ihm so ersehnte Wiedervereinigung konnte ich mit ihm nicht mehr sprechen. Dann folgten Stürze, Lungenentzündungen, Bettlägerigkeit, Intensivpflege. Die letzte Erinnerung: sein suchender Blick. Manchmal träume ich, daß er noch einmal mit mir spricht.

JF 41/12

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