Putin
Rußlands Präsident Wladimir Putin Foto: picture alliance/dpa/TASS | Alexei Nikolsky

Putin als Historiker
 

Geschichtspolitik als Waffe im Informationskrieg

„Wann hat dieser Scheißkrieg eigentlich ein Ende?“ Man ist in diesen Tagen geneigt, Ernst Jünger mit diesen Worten zu zitieren, wenn es auch nicht um einen heißen Krieg geht, sondern um einen Informationskrieg. Den Krieg um die Deutungshoheit des zwanzigsten Jahrhunderts und die Berechtigung des Status quo in Europa.

In der Politik sind Meinungen bekanntlich Fakten. Was der Mensch über heutige Zustände oder frühere Ereignisse zu wissen glaubt, das beeinflußt sein Handeln und es läßt ihn ein Stück weit für andere berechenbar werden. In vielen Staaten werden deshalb von Regierungsseite große Anstrengungen unternommen, um dem eigenen Volk sowie dem Ausland ein bestimmtes Bild der Vergangenheit einzupflanzen.

Was die Bundesrepublik Deutschland angeht, so mündete dies in die allbekannte „Vergangenheitsbewältigung“, von der die Staatsführung gern suggeriert, ihre Basis sei wissenschaftlich gedeckt. In Rußland geht man etwas anders vor. Wladimir Putin, russischer Präsident und seit zwei Jahrzehnten auch sonst die führende Person ebendort, hat die Geschichtspolitik zu seiner höchst eigenen Chefsache erklärt.

Ausschließlich positive Betrachtung erlaubt

Und Putin macht hier keine halben Sachen. Anfang Juli unterzeichnete er eine Ergänzung zu jenem Gesetz, das laut Titel den „Sieg des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg unsterblich“ machen soll. Dieses Gesetz verbietet nun zum Beispiel, die entscheidende Rolle des sowjetischen Volkes beim Sieg über NS-Deutschland zu „leugnen“ und noch mehr: Es verbietet auch, den Vormarsch der Roten Armee durch Osteuropa als etwas anderes als eine „humanitäre Mission“ zur „Befreiung“ dieser Länder zu bezeichnen.

Zu diesem Zweck wurde in einer weiteren Ergänzung dieses Gesetzes nun auch gleich noch verboten, irgendwelche Äußerungen von Menschen oder Personen zu verbreiten, die in Nürnberger Prozeß nach 1945 als „verbrecherisch“ verurteilt worden waren. Das sei samt und sonders „extremistisches Material“. Womit denn auch nun sämtliche Forschung zum Zweiten Weltkrieg künftig wohl auskommen muß, ohne den deutschen Gegner zitieren zu dürfen, denn akademische Ausnahmen scheinen nicht vorgesehen zu sein. Im Gegenteil legt der Wortlaut sogar nah, daß auch der private Besitz bereits strafbar ist.

Ob man diese Maßnahmen noch als entschlossenes Vorgehen sehen kann, oder angesichts des wirklichen Ablaufs des Zweiten Weltkriegs und der blutigen Verbrechensgeschichte der Roten Armee nicht eher als dreiste Geschichtsfälschung einstufen muß, lassen wir an dieser Stelle einmal als Frage stehen. Die Kenntnis dieser Dinge ist jedoch wichtig, um die weiteren Aktionen Putins im geschichtspolitischen Raum angemessen zu würdigen.

Polen als Unterdrücker

In einem Aufsatz vom 12. Juli postulierte er die historische Einheit von Ukrainern und Russen, genaugenommen sogar die der russischen Föderation als „Großrußland“, der Ukraine als „Kleinrußland“, zusätzlich von „Weißrußland“ und „Neurußland“. Mit letzterem war die Krim gemeint, denn Putin machte keinen Versuch, die Halbinsel im Schwarzen Meer unter rein historischen Perspektiven als Urrussisch zu vereinnahmen.

Man habe sie wie andere Regionen am Schwarzen Meer Ende des 18. Jahrhunderts von den Türken erobert und anders besiedelt. So entstand dann eben Neurußland. Ähnliches dürfte wohl für den allergrößten Teil der russischen Föderation gelten, denn fast alles östlich von Moskau bis hin zum Pazifik ist letztlich erobertes Land fremder Völker. Einer Argumentation, die historische Ansprüche aus angeblich früheren Volks- und Sprachidentitäten zwischen Kiew und Moskau herleiten will, könnte das eigentlich im Weg stehen.

Von solchen Fragen unbeirrt reist Putins Aufsatz durch ein Jahrtausend osteuropäischer Geschichte. Dabei kommen vor allem Polen und Litauen schlecht weg, deren gemeinsames „Commonwealth“ (so Putin) ja zeitweise Weißrußland und die Ukraine mit umfaßte. Putin macht beide für die Entfremdung der dortigen Russen mit verantwortlich. Es habe eine Polonisierung und Latinisierung seit dem 16. Jahrhundert gegeben.

Dadurch seien die orthodoxen Wurzeln des dortigen Volks abgeschnitten worden. Vor diesem Hintergrund rechtfertigt er dann auch die polnischen Teilungen des 18. Jahrhunderts, mit der man endlich russische Erde zurückgeholt und die dort von Polen „unterdrückte“ Bevölkerung befreit habe. Mit erkennbarem Bedauern erwähnt Putin, Galizien sei als ebenfalls früher „russische Erde“ damals leider zu Österreich gekommen. In der Folge sei es von Österreich-Ungarn „gnadenlos ausgebeutet“ worden.

Terror und Verbrechen werden abgestritten

So will Putin denn auch keine Basis für eine eigenständige ukrainische Nation erkennen. Das sei ein Kunstprodukt Polens und von Teilen der kleinrussischen Eliten, das seit dem 19. Jahrhundert in die Welt gesetzt worden sei. Dann hätten es auch die Österreicher aufgegriffen, um es nun ihrerseits gegen polnische Ansprüche in Stellung zu bringen. Die heutige Ukraine sei letztlich ein Produkt der sowjetischen Ära.

An diesem Punkt trifft Putin dann auf die zahlreichen trüben Gewässer dieser Ära und weigert sich meist, sie auch nur Kenntnis zu nehmen. Eine Verantwortung der UdSSR für die Ermordung von Millionen Ukrainern durch Massenerschießungen und Hungertod in den 1930er Jahren streitet er allerdings rundheraus ab. Das seien bloße Geschichten, die bei jeder Gelegenheit von den gegenwärtig Regierenden in Kiew und ihren auswärtigen Unterstützern präsentiert würden.

Mit diesen Ausführungen beleuchtet der russische Präsident zugleich die eigene Haltung gegenüber allen Massenmorden des Sowjetregimes auch auf russischem Territorium. In seiner geschichtspolitischen Strategie sind sie schlicht zu vergessen. Das Rußland, das er herbeischreiben will, hat damit nichts zu tun, es sei von den Bolschewiken „kristallklar“ beraubt worden. Was Putin zugleich nicht daran hindert, Sowjetdiktator Josef Stalin als untadeligen Führer des Großen Vaterländischen Krieges darzustellen.

Da hier der Präsident des größten Landes der Welt nun so gar keinen Grund für die Existenzberechtigung des Nachbarstaats Ukraine sehen will, kann man diesen Aufsatz kaum anders ansehen, als eine Attacke auf den nach 1991 erreichten Status quo in Europa. Das Abkommen, mit dem russische Föderation seinerzeit die territoriale Integrität der Ukraine anerkannt hat, erwähnt Putin in seinem Aufsatz nicht. Schließlich hat er es durch seine Krim-Politik und die Förderung des Separatismus in der Ostukraine gebrochen. Stattdessen macht er sich die Forderung zu eigen, die Ukraine solle, wenn sie schon selbständig sein wolle, auf die Grenzen von 1922 reduziert werden.

Aber das soll an dieser Stelle gar nicht so sehr tagesaktuell eingeordnet werden. Sicher ist jedoch, mit dieser Geschichtspolitik des russischen Präsidenten ist weder für die historische Wahrheit noch für ein angemesseneres deutsches Geschichtsbild viel zu gewinnen. Sie läutet aber eine neue Runde in einem seit Jahrzehnten dauernden Informationskrieg ein, der sich immer mehr zu radikalisieren scheint.

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