Protest gegen Springer-Medien
Protest gegen Springer-Medien (Archivbild) Foto: picture-alliance/ dpa | Gero Breloer
#HaltdieFresseBild

Digitale Zeitungsverbrenner

Die Druckerzeugnisse des Axel-Springer-Verlags und ganz besonders die Bild-Zeitung waren für die politische Linke in Deutschland seit jeher ultimative Haßobjekte. Unvergessen sind die Blockade-Aktionen und öffentlichen Zeitungsverbrennungen der 68er-Bewegung, die in ihrem „antifaschistischen“ Eifer schon damals nicht kapiert hat, daß sich das Verbrennen von Zeitungen nicht allzu sehr von dem Verbrennen von Büchern unterscheidet und ebenso einer der ersten Schritte in Richtung einer totalitären Katastrophe sein kann.

Der Typus Mensch, der damals in Berlin Lastwagen in Brand setzte, um die Auslieferung der sich darin befindenden Zeitungen zu verhindern, entfacht heute Shitstorms in den sozialen Netzwerken, mit dem Ziel jedes Wort, das ihm nicht gefällt, im Keim zu ersticken.

So wurde das alte APO-Motto „Enteignet Springer!“ auch längst als sogenannter Hashtag auf Twitter wiedergeboren. Da es heute aber immer noch eine Spur plumper sein muß und, zumindest wenn es von Links kommt, auch immer noch eine Ecke haßerfüllter sein darf, ist ein weiteres Schlagwort dort noch viel erfolgreicher und landet regelmäßig in den Twitter-Trends: #HaltdieFresseBild, schallt es einem aus dem vermeintlichen Netzwerk der neuen intellektuellen Elite immer wieder entgegen.

Auch die billigsten Kalauer nicht selbst ausgedacht

Immer dann, wenn die Bild-Zeitung mal wieder mit einer ihrer klassisch plakativen Überschriften auftrumpft oder der digitale Mob eine Kampagne wittert, die nicht er losgetreten hat und die nicht in seinem Sinne ist, hämmert der erboste digitale Zeitungsverbrenner den Hashtag „Halt die Fresse, Bild“, in sein Smartphone und empört sich darüber, wie primitiv und hetzerisch das Springer-Medium doch daherschreibe.

Um die Ironie darin zu erkennen, müßten die Verfasser solcher Tweets zumindest einen Hauch von Selbstreflexion besitzen, doch sind die meisten von ihnen auf diesem Gebiet gänzlich verarmt. Bei ihnen reicht es intellektuell gerade noch dazu, das Blatt „Blödzeitung“ umzutaufen – und selbst diesen billigen Kalauer haben sie sich nicht selbst ausgedacht.

Konnte man den Demonstranten von einst zumindest noch zugutehalten, daß ihren Anti-Springer-Protesten tatsächlich etwas Oppositionelles innewohnte, steckt hinter der Empörung der heutigen „Halt-die-Fresse-Bild“-Fraktion häufig das genaue Gegenteil. Sie steht heute meist stramm auf der Seite der Kanzlerin. Und die Springer-Journalisten sind der wütenden Twitter-Meute zu regierungskritisch.

Wiederholung der Flüchtlingskrise

In der Corona-Krise wiederholt sich gerade auf ziemlich allen Ebenen das, was sich so ähnlich schon einmal während der Flüchtlingskrise 2015 abgespielt hatte. Das Boulevardblatt berichtet im wahrsten Sinne des Wortes groß und laut über das Thema und schwankt dabei in einer Art bipolarem Emotionsjournalismus zwischen zwei Extremen hin und her. Zwischen absurder Panikmache, die Corona als die große Schwester der schwarzen Pest erscheinen läßt und dem Leser gleichzeitig signalisiert: „Wir schaffen das – Diesmal sogar von vom heimischen Sofa aus“ und dem kämpferischen Anprangern übertriebener Schutzmaßnahmen, so als hätte man selbst nie auf etwas derartiges gedrängt, liegt oft nur ein Tag, manchmal sogar nur eine Seite.

All das kann man durchaus kritisieren. Wie so Vieles am heutigen oft sehr oberflächlichen Journalismus, der, nicht nur wenn er aus dem Hause Springer kommt, häufig vor allem auf Gefühle und aktuelle Stimmungen frei von Fakten setzt.

Die meisten Tweets, die man unter dem Hashtag „Halt die Fresse Bild“ findet, bemängeln allerdings bei genauerem Hinschauen gar nicht die „hetzerische“ und aufgeregte Berichterstattung an sich. Schließlich wäre das auch ziemlich albern, da der Account vieler Hashtag-Nutzer aus nichts anderem als hysterischem Wütendsein, künstlicher Aufregung und tiefster Verachtung gegenüber allen Andersdenkenden oder gegenüber allen, die überhaupt selbstständig denken, besteht.

Digitale Naivlinge und Möchtegern-Rudi-Dutschkes

Der Grund, warum Bild nach Meinung der digitalen Naiven und Möchtegern-Rudi-Dutschkes aus dem Internet die „Fresse“ halten soll, ist, daß sie sich, immer dann, wenn sie den Umgang der Bundesregierung mit der Corona-Krise oder die Ausländerpolitik kritisiert, der modernen Ketzerei schuldig macht. Sie greift die Unangreifbaren an. Die stählernen Helden und Hoffnungsträger, die uns alle wohlbehalten aus der Pandemie führen sollen.

Die Christian Drostens und alle Virologen, die Corona nicht behandeln wollen, als sei er ein Virus wie jeder andere auch, wegen dem man nicht das gesamte gesellschaftliche Leben lahmlegen und nahezu die komplette Wirtschaft gegen die Wand fahren müsste.

In den jüngsten Tagen hat es die Redaktion der Bild-Zeitung gar wiederholt gewagt, die Bundeskanzlerin für das von ihr wesentlich mitverschuldete deutsche Impfdebakel zu kritisieren. Wo die große Vorsitzende doch immer nur das Beste für ihr Volk wollte und außerdem Physikerin (!) ist und daher stets genau weiß was zu tun ist, egal worum es geht.

Die Empörung über dieses zur Verantwortung ziehen der politisch Verantwortlichen ist so groß, daß es sogar Leute dazu veranlaßt, die Tweets von CDU-Politikern zu teilen, die sonst eher Tweets der antideutschen Julia Schramm bevorzugen und denen unter normalen Umständen wahrscheinlich eher die Hand abfaulen würde, als daß sie irgendeinem Unions-Mann die Ehre erweisen würden.

Angela Merkel wird von Linken sowieso schon lange nicht als CDU-Politikerin wahrgenommen, sondern viel mehr als so eine Art über allen Dingen stehende Sonnenkanzlerin, von der es einen gar nicht wundern würde, wenn sie es nicht sogar selbst gewesen wäre, die uns die Sonne und das Licht gegeben hat. Viele in ihrer Partei versuchen ihr nachzueifern. Aber nur einer kommt wirklich an sie heran: Ruprecht Polenz, der beim Erstellen des Hashtags allerdings noch etwas Hilfestellung von den jüngeren Genossen im überparteilichen #TeamMerkel benötigt.

Bei so viel Aufregung und Schaum vorm Mund kann dem regierungsgetreuen Merkel-Fan schon mal kollektiv der ein oder andere Buchstabe verrutschen. So schaffte es zwischenzeitlich sogar ein falschgeschriebener Hashtag in den Twittertrends noch vor das Original mit der richtigen Buchstabenabfolge, wie FDP-Nachwuchsmann Benedikt Brechtken, den die linke Twitter-Bubble übrigens ähnlich leidenschaftlich haßt wie die die Bild-Zeitung, amüsiert feststellte.

Protest gegen Springer-Medien (Archivbild) Foto: picture-alliance/ dpa | Gero Breloer

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