Pad Thai mit Garnelen Foto: picture alliance / newscom
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Rassismus mit Stäbchen und süß-sauer

Eine uralte Erkenntnis lautet: „Wer blöde Fragen stellt, bekommt blöde Antworten.“ Nicht bei allen hat sich diese Binsenweisheit durchgesetzt. Noch immer fangen sich geschlechtsreife Groß- und Kleinstädter zur wochenendlichen Paarungszeit in der örtlichen Diskothek mit wenig geistreichen Fragen wie „Ganz schön laut hier, was?“ von den Damen, mitunter ziemlich derbe Abfuhren ein.

Wer wissen möchte, wie dumme Fragen von Journalisten sich anhören, braucht sich im Internet nur wahllos ein öffentlich-rechtliches Interview mit Björn Höcke oder irgendeinem anderen AfD-Politiker anschauen. Im Netz gibt es auch Plattformen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben scheinen, klassisch sinnfreies Partygeschnatter und plump-naive Interviewfragen zu einer neuen, hippen Form des Journalismus zu vermischen. Diese Seiten heißen: Vice, Bento, Neon oder Noizz. Wer diese Seiten besucht, kann lesen, was passiert, wenn man Melanie und Malte, die auf der Hausparty in der Studenten-WG jede schwarze Frau als erstes vorauseilend mitfühlend nach ihrer Erfahrung mit Diskriminierung fragen, einen Presseausweis gibt.

Selbst das tolerante Umfeld zuckt mit den Schultern

Dann schreiben sie Texte über die Notwendigkeit von politisch korrekter Sprache oder über deutsche Straßennamen, die Vielfalt wiederspiegeln sollen. Die Axel-Springer-Seite Noizz veröffentlichte kürzlich einen Text, der die Frage aufwarf: „Ist es rassistisch, von ‘asiatischem Essen‘ zu sprechen?“ Die Melanie, der diese Frage auf den Nägeln brennt, heißt Katharina. Katharina Kuhnert. Zuständig für „Feminismus, Popkultur, Interviews“.

In der Einleitung ihres Textes schreibt die Studentin für Geschichte und, wie könnte es auch anders sein, Gender Studies: „Auf wenig reagieren Menschen heftiger als auf den Satz ‘Was du gerade gesagt hast, ist rassistisch‘. Klar, wer will sich heutzutage noch als Rassist bezeichnen lassen – erst recht, wenn er oder sie sich als offen und tolerant betrachtet.  Vielleicht waren die Reaktionen deshalb so heftig, als ich in meinem Bekanntenkreis zum ersten Mal die Frage aufwarf: ‘Ist es nicht eigentlich rassistisch, zu sagen, man gehe zum Asiaten? Asien ist doch kein Land.“

Sicher, niemand läßt sich gerne als Rassisten bezeichnen – auch dann nicht, wenn er Wahrheiten ausspricht und Fakten benennt, die in einer bestimmten Blase als rassistisch gelten. Die Reaktion der Freunde ist also durchaus verständlich. Sie könnte aber auch damit zu tun haben, daß die Autorin durch ihre Arbeit in der Noizz-Redaktion inzwischen so abgehoben bist, daß nicht einmal ihr „offenes und tolerantes“ Umfeld mehr nachvollziehen kann, was bei ihr inzwischen alles den inneren Rassismus-Alarm auslöst.

Kronzeugin der Anklage

Vielleicht hätte sie ja mal damit anfangen können, warum die Tatsache, daß Asien kein Land ist, etwas damit zu tun haben soll, daß die Aussage, „man gehe zum Asiaten“, rassistisch ist. Ist der Chinese, Japaner, Thailänder oder Vietnamese etwa kein Asiat? Sind Franzosen, Italiener, Spanier, Niederländer, Polen, Ungarn dann etwa auch keine Europäer?

Solche Argumente interessieren Kuhnert wahrscheinlich reichlich wenig. Die engagierte Rassismus-Suchende weiß: Wie der Asiate tickt, weiß nur der Asiate selbst. Völlig gleich, woher er kommt. So hat sie auch, nach den langen sinnlosen Debatten in ihrem wahrscheinlich sehr, sehr weißen Freundeskreis endlich jemanden mit der richtigen Ethnie gefunden, der ihr das gesagt hat, was sie von Anfang an hören wollte.

„Vicky hat nicht nur selber Wurzeln in Vietnam, China und Thailand. Die 30jährige engagiert sich auch als Aktivistin gegen Rassismus und arbeitet darüber hinaus noch als Köchin“ schreibt die Journalistin, nicht ohne Stolz über die von ihr entdeckte Kronzeugin. Die beantwortet die Frage, die sich vorher noch keiner gestellt hat, endlich einmal ganz klar mit „ja“.

Verschiedenheit der asiatischen Kulturen

Immerhin gesteht sie aber zu, daß nicht jeder, der von „asiatischem Essen“ spricht, bewußt rassistische Hintergedanken hat. Wer den Ausdruck benutze, zeige damit aber, daß er oder sie gar nicht die Absicht habe, die verschiedenen asiatischen Kulturen als solche zu erkennen und zu unterscheiden, sondern alle buchstäblich in einen Topf werfe.

Hier hat die junge Vietnamesin/Chinesin/Thailänderin natürlich nur teilweise recht. Die meisten Restaurantbesucher dürften in erster Linie daran interessiert sein, etwas zu essen zu bekommen, weil sie eben keine Lust haben, selbst etwas in den Topf zu werfen.

Pad Thai mit Garnelen Foto: picture alliance / newscom

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