Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher (l.) warnte vor der angeblichen Kollektivschuld der Deutschen als "geschichtlicher Lüge" Foto: picture alliance
Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher (l.) warnte vor der angeblichen Kollektivschuld der Deutschen als „geschichtlicher Lüge“ Foto: picture alliance
Folgen der „Stuttgarter Erklärung“ 1945

Mahnende Stimmen fanden kein Gehör

Es gibt wohl kaum einen Historiker, der sich so gründlich mit dem Zusammenhang von Völkerrecht, Kriegsrecht und Kriegsverbrechen auseinandergesetzt hat wie Jörg Friedrich. Wenn man seine Bücher liest – angefangen bei dem über den Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht (OKW), endend bei denen über den alliierten Bombenkrieg und den Koreakonflikt – ist man immer wieder erstaunt über die Breite seiner Kenntnisse und die Souveränität seines Urteils. Dabei ist Friedrich ein Außenseiter der Historikerzunft, aber ein respektierter.

Wenn einem von Friedrich widersprochen wird, hat das also Gewicht. Trotzdem überzeugt mich die Argumentation seiner Replik auf meinen Beitrag zur „Stuttgarter Schulderklärung“ vom 19. Oktober 1945 nicht. Die wesentliche Ursache dafür ist allerdings keine historische, sondern eine theologische. Um es kurz zu machen: Ich halte die Selbstermächtigung der Unterzeichner der Erklärung für ebenso fragwürdig wie die Art und Weise, in der hier über Schuld und Schuldige gesprochen wurde.

Beginnen wir mit der Frage nach dem „Wir“, in dessen Namen die Spitzen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) damals auftraten. Die Antwort erscheint einfach, insofern der Text ausdrücklich erklärte, man spreche „im Namen der ganzen Kirche“. Aber die „ganze Kirche“ – womit im Grunde nur die Gesamtheit der evangelischen Christen gemeint gewesen sein konnte – wurde ausdrücklich in Bezug gesetzt zu „unserem ganzen Volk“. Die gewählten Formulierungen lassen keinen anderen Schluß zu als den, daß die „ganze Kirche“ wie das „ganze Volk“ schuldig geworden waren, indem sie Gott den Gehorsam aufkündigten.

Die „Stuttgarter Erklärung“ meint die „Kollektivschuld“

Diese Redeweise dürfte zum Zeitpunkt der Abfassung kaum jemanden aufgefallen sein, denn sie entsprach einer traditionsreichen Vorstellung. „Kirche“ und „Volk“ wurden nicht als Aufsummung von einzelnen vorgestellt, sondern als Ganzheiten. Eine Idee, die ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen hat. Denn versteht man „Kirche“ und „Volk“ nach dem Bild des „großen Menschen“ als ein Wesen mit eigener Seele und mithin eigener Verantwortlichkeit, ist die Folgerung zwingend, daß das, was ein Glied getan hat, auch allen übrigen zugerechnet werden kann. Nur unter dieser Voraussetzung ist plausibel, daß die Schuld, von der die „Stuttgarter Erklärung“ spricht, nicht die je besondere – moralische, religiöse, juristische – Schuld von Einzelnen ist, sondern eine, die auf jeden übergeht, der durch Taufe oder Geburt zum „großen Menschen“ gehört, der als „Kirche“ oder „Volk“ bezeichnet wird. Werden „Kirche“ und „Volk“ in dieser Weise als Kollektivindividuen gedacht, tragen sie eine „Kollektivschuld“, die in der „Stuttgarter Erklärung“ implizit gemeint ist.

Um eine solche Vorstellung theologisch zu rechtfertigen, muß man auf das Alte Testament zurückgehen. Dort heißt es tatsächlich, der Gott Israels sei „ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied“ (5. Mose 5.9), und der sein Volk, das gleichermaßen politische und Glaubensgemeinschaft war, in toto mit Strafen überzieht, wenn es von ihm abfällt. Allerdings gibt es dazu keine Entsprechung im Neuen Testament. In der christlichen Lehre ist Schuld zwar ein zentrales Thema, aber immer verstanden als persönliche Schuld. Für unseren Zusammenhang noch wichtiger ist aber die besondere Sensibilität für die Instrumentalisierbarkeit des Schuldvorwurfs.

Das Spektrum reicht von knappen Bemerkungen Jesu – „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7.1) und „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge“ (Matthäus 7.3) – bis zu dem Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner (Lukas 18.9-14), das auf die zielte, die sich „anmaßten fromm zu sein und verachteten die anderen“ (Lukas 18.9). Mochten sie noch so demütig daherkommen, meinte der Mann aus Nazareth: Es ging ihnen nur um Macht, Machtausübung und Machtmißbrauch.

Der Linksprotestantismus legte mit schärferer Schulderklärung nach

Die zweite Frage, die gestellt werden muß, ist deshalb die, ob die kirchliche Führung diesen Zusammenhang übersehen durfte. Konnte man wenige Monate nach dem Zusammenbruch im Ernst meinen, hier werde ein Text formuliert, der ohne konkrete politische Folgen bleibe? Weiter blickende Männer als es die Unterzeichner der „Stuttgarter Erklärung“ waren, haben diese Frage klar verneint. Dazu gehörten auch entschiedene Hitlergegner wie Eugen Kogon und Kurt Schumacher, die lange Jahre in KZs inhaftiert gewesen waren. Für Kogon diente das Reden über die Deutschen als „verderbte Einheit“ nur einem Ziel: der Rechtfertigung von „Erobererpolitik auf alliierter Seite“. Und Schumacher äußerte: „Mit dem Worte von der Gesamtschuld beginnt eine große geschichtliche Lüge, mit der man den Neubau Deutschlands nicht vornehmen kann.“

Tatsächlich haben sich die Väter des Grundgesetzes diese Mahnung zu Herzen genommen, und bezeichnender Weise ist die „Stuttgarter Erklärung“ nach einer Phase heftiger Auseinandersetzungen relativ rasch in Vergessenheit geraten. Nur nicht in den Reihen des Linksprotestantismus. Der hatte unmittelbar nach dem Kriegsende seine Stunde gekommen geglaubt, mußte aber hinnehmen, daß in der Kirche wie in der Gesellschaft etwas Platz griff, was man abfällig „Restauration“ nannte. Die Erbitterung darüber kam in einer zweiten, wesentlich schärferen Schulderklärung – dem sogenannten „Darmstädter Wort“ vom 8. August 1947 – zur Geltung.

Aber das änderte nichts an der Bedeutungslosigkeit derjenigen, die sich als radikaler Flügel der Bekennenden Kirche (BK) verstanden. Ihr Einfluß wuchs erst, als der des Christentums schwand. Und während man hilflos zusah, wie sich die Gottesdienste leerten, entdeckten Theologen und Laien ein faszinierendes neues Betätigungsfeld. Das hatte sehr wenig mit Theologie und sehr viel mit Politik zu tun. Nach dem Bündnis von Thron und Altar und dem Bündnis von Nation und Altar kam schließlich das Bündnis von Progreß und Altar.

Linke Kulturkrieger setzten sich durch

Das heißt, die schützende Hand, die Männer mit der „roten Karte“ der BK wie Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer, Hermann Diem oder Heinrich Albertz über die Achtundsechziger gehalten haben, war alles andere als ein Zufall. Sie sahen sich einig mit den Jungen im Kampf gegen ein System, das von „Unbußfertigen“ getragen wurde. Schob man den freudianischen und marxistischen Jargon der APO beiseite, dann blieb von allem, was sie vortrug, immer nur ein moralischer Vorwurf, nämlich der, daß die anderen, die Alten, die Eltern die Vergangenheit nicht hinreichend „bewältigt“, ungenügende „Trauerarbeit“ geleistet, die Kollektivschuld „verdrängt“ hätten.

Die theologische Grundierung ihrer Argumente interessierte die linken Kulturkrieger nicht, aber sie erwies sich als nützlich, als man seinen Endsieg erkämpft hatte und aus der Republik eine andere machen konnte. Für die wurde jene Zivilreligion etabliert, die Auschwitz zum „Gründungsmythos“ (Joseph „Joschka“ Fischer) erklärte und in deren Zentrum eben das steht, was auch im Zentrum der „Stuttgarter Erklärung“ stand: die „deutsche Schuld“, die „historische Schuld Deutschlands“, die „Schuld der Deutschen“ (alle Zitate von Frank-Walter Steinmeier in seiner Funktion als Bundespräsident).

EKD-Leitung hält an Schuldvorwurf fest

Es ist hier nicht der Ort, dem weiter nachzugehen, aber es sei abschließend darauf hingewiesen, daß, wenn von Schuld, vor allem von Schuld in christlichem Verständnis, die Rede ist, immer einbezogen werden muß, daß auf Reue und Buße Vergebung folgt. Dafür heute in den Reihen des kirchlichen Establishments Verständnis zu finden, ist eine vergebliche Hoffnung. Dort erscheint selbst die „Stuttgarter Erklärung“ als „Entschuldungserklärung“, ein „schwer genießbarer Mix aus Selbstlob, Relativierung, Verschweigen, Whataboutism und Zukunftsbeschwörung“, letztlich als „Alibi“, um die „Komplizenschaft“ (Arnd Henze) zwischen NS-Regime und Kirchen zu verdecken. Eine Sichtweise, die ebenso unsachlich wie unhistorisch wie unbarmherzig ist, und für die es letztlich kein anderes Motiv gibt, als den Wunsch, den perpetuierten Schuldvorwurf und die verweigerte Absolution als klerikales Machtmittel in der Hand zu behalten.

Darauf hinzuweisen, bringt einem mindestens den Vorwurf der „Relativierung“ ein. Deshalb sei hier noch eine unverdächtige Stimme zitiert, die das Selbstverständliche schon vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht hat. Im Frühjahr 1959 veröffentlichte die Washington Post einen Artikel, in dem zu lesen war: „So sehr auch die Gleichgültigkeit des deutschen Volkes (mit vielen ehrenvollen Ausnahmen) zu Hitlers Untaten beigetragen haben mag – man würde ein neues Unrecht schaffen und gefährliche Neurosen heraufbeschwören, wenn man […] immer noch an der Kollektivanklage festhalten wollte. Wenn alle Deutschen schuldig bleiben sollen, so sind alle Amerikaner für die Leiden von Hiroshima und die Unterdrückung der Indianer in weiter zurückliegenden Zeiten schuldig zu sprechen. Laßt uns die Barbarei der Konzentrationslager als einen Hinweis auf das Untier im Menschen und die Bedeutung der Verantwortung des einzelnen in Erinnerung behalten. Aber laßt uns auch das deutsche Volk jetzt nach seinen Bemühungen beurteilen, eine Wiederkehr des Geschehenen zu verhindern.“

Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher (l.) warnte vor der angeblichen Kollektivschuld der Deutschen als „geschichtlicher Lüge“ Foto: picture alliance

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