Great Patriotic War
8. Mai 1945: Sowjetische Soldaten hissen die rote Fahne auf dem Reichstag Foto: picture alliance/Haldei//dpa
Debatte um den 8. Mai

Erlöst von der Vernichtung

Im Nachgang der Auschwitz-Gedenkfeiern findet der Ruf, den 8. Mai bundesweit zum gesetzlichen Feiertag zu erheben, wachsende Resonanz. Im rot-rot-grün regierten Berlin ist das 2020 einmalig schon der Fall. Anlaß ist der offene Brief der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano an den Bundespräsidenten, die Kanzlerin „und alle, die wollen, daß Auschwitz nie wieder sei!“, in dem es heißt, ein solcher Feiertag könne helfen „zu begreifen, daß der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschlagung des NS-Regimes“. Das sei „seit sieben Jahrzehnten“ überfällig.

Inhalt und Diktion lassen zweifeln, daß die 95jährige Vorsitzende des bundesdeutschen Auschwitz-Komitees den Brief eigenhändig verfaßt hat. Die erpresserische Anrede, der Verweis auf „Nazi-Verbrecher“, die „im Staatsapparat und in der Regierung Adenauer“ unterschlüpften, Forderungen nach Straffreiheit „für antifaschistisches Handeln“ (im Fettdruck), nach einer „anderen, besseren Gesellschaft ohne Diskriminierung“ sowie nach „Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit“ legen die Inspiration aus Kreisen der Linkspartei, der Grünen Jugend, der Antifaschistischen Aktion, der Flüchtlingsräte und der AG Feminismus und Kirche nahe.

Auschwitz als neuer Gründungsmythos

Der Brief drängt darauf, die laufende Transformation des Landes voranzutreiben und nimmt dafür die moralische Autorität des NS-Opfers und die gleichsam mythische Aura von Auschwitz in Anspruch. Ein offizieller „Tag der Befreiung“ würde fraglos zum Vehikel, um das historische Langzeitgedächtnis endgültig abzuschneiden und Auschwitz als neuen Gründungsmythos zu implementieren. In dieser Basiserzählung wäre die Nation nur noch als nazistisch durchseuchter Schuldkomplex vorhanden, aus dem sich konsequenterweise der Verzicht auf nationale Interessen bis in zur Selbstaufgabe ableitet.

Vor mehr als sieben Jahrzehnten hatte Bundespräsident Theodor Heuss sich zum Tag der Kapitulation präzise und gültig geäußert: „Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ Erlösend waren das Kriegsende, die Befreiung der KZs, die Beseitigung eines Verbrecher-Regimes. Vernichtend waren die Schutz- und Rechtlosigkeit gegen die Siegerwillkür, die Gebietsabtrennungen und Vertreibungen, das Elend der Kriegsgefangenen in den Rheinwiesen, die Teilung des Landes und die Errichtung einer neuen Diktatur in der DDR.

Dort war schon 1950 der „Tag der Befreiung“ eingeführt worden, um die SED-Herrschaft als die antifaschistische Antwort auf die NS-Herrschaft und die Vormundschaft der Sowjetunion, der großen „Befreierin“, zu legitimieren. Im Westen rückte Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 das Ende der NS-Herrschaft eindeutig in den Vordergrund und sprach ebenfalls vom „Tag der Befreiung“. Er schränkte ein, daß er „für uns Deutsche kein Tag zum Feiern“ ist.

30jähriger Krieg endete 1945

Weizsäcker hatte die Paradoxien damit nicht aufgelöst, nur neu gewichtet. Dabei mag der Wunsch, das Ausland in Hinblick auf eine spätere Wiedervereinigung günstig zu stimmen, ein wichtiges Motiv gewesen sein. So äußerte er bei der Gelegenheit die „Zuversicht, daß der 8. Mai nicht das letzte Datum unserer Geschichte bleibt, das für alle Deutschen verbindlich ist“.

1945 endete ein 30jähriger Krieg, der 1914 als militärische Auseinandersetzung zwischen Machtstaaten begonnen und sich ab 1917 mit dem ideologisch grundierten Europäischen Bürgerkrieg verbunden hatte, der von der russischen Oktoberrevolution ausgelöst worden war. Deutschland stand im Zentrum des Sturms und in der Gefahr, daß er seine politische Existenz ausblies. Hitler und seine Bewegung präsentierten sich als sein Schutz und Schirm – und erwiesen sich als definitives Verhängnis.

Der Historiker Ludwig Dehio verglich Deutschland unter der NS-Herrschaft mit einem todwunden Menschen, in dessen Schlußphase „sich diejenigen Elementarkräfte seines Wesens schreckhaft in den Vordergrund (drängen), die dem reinen Daseinskampf dienen“. Es sei ungerecht, „in den Erscheinungen der Agonie das wahre Wesen einer Persönlichkeit zu suchen und von hier aus ihr vorhergehendes Leben als Vorstufe zu interpretieren“.

Neuer gesamtdeutscher Fixpunkt

Genau das geschieht jedoch. Je länger das Dritte Reich zurückliegt, desto manischer nimmt es die deutsche Geschichte in Beschlag. Die Simplifizierung der historischen Gemengelage entspricht den Bedürfnissen einer nivellierten Gesellschaft, die sich jede kognitive Dissonanz ersparen will. Die wäre unvermeidlich, wenn sie die Redlichkeit ihrer Besieger von 1945, die sie unter dem Eindruck der Umerziehung auch als moralische Vormächte anerkannt hat, selbst ansatzweise in Zweifel ziehen müßte. Dieser Antifaschismus westdeutscher Spielart ist mit dem älteren Antifaschismus der DDR ohne weiteres kompatibel. So wird der „Tag der Befreiung“ als gesamtdeutscher Feiertag und neuer Fixpunkt wohl kommen.

Die Alternative wäre die Rückkehr zum klugen, demütigen Eingedenken von Theodor Heuss, doch fast alle öffentlichen Reaktionen sprechen dagegen. Zwei verlorene Weltkriege, die Verwüstungen, Verluste und moralischen Hypotheken, die Teilung in zwei Staaten, die in verfeindete Machtblöcke eingespannt und dabei erneut zu Frontstaaten wurden, sind eben mehr, als ein Volk ertragen kann. Aus innerer Not befreit die Bundesrepublik sich von Deutschland.

8. Mai 1945: Sowjetische Soldaten hissen die rote Fahne auf dem Reichstag Foto: picture alliance/Haldei//dpa

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