Eine Lehrerin begrüßt ihre Schüler mit Schutzmaske an einer Dresdner Schule Foto: picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa
Schule in Corona-Zeiten

Der Staat muß einspringen

Seit Wochen geht es drunter und drüber, wenn nach oder mit Corona die Frage nach den Modalitäten der (Wieder-)Öffnung der Schulen ansteht. Klar ist: Das zweite Schulhalbjahr 2019/20 bleibt ein Fragment. Seit Mitte März haben Deutschlands Schüler je nach Altersstufe zwischen 200 und 300 Unterrichtsstunden verloren. Dieser Ausfall entspricht einem Viertel bis Drittel eines Schuljahres.

Die Folgen sind gravierend, wenngleich sie durch großzügige Notengebung abgepolstert werden. Zumal für Grundschüler, bei denen es um den Erwerb grundlegender Kulturtechniken geht, sind 200 ausgefallene Stunden ein Rückstand, der kaum aufzuholen ist. Das Wort von einer „verlorenen Generation“ macht die Runde. Diese Diagnose mag überzeichnet sein, aber sie gilt zumindest für viele Kinder aus „bildungsfernen“ Elternhäusern, in denen kein oder kaum Deutsch gesprochen wird.

All dies ist schon bedenklich genug. Hinzu kommt nun, daß es keine klaren Konzepte gibt, wie die Defizite beseitigt werden könnten. Es ist ein Hin und Her; die Frage, ob ein regulärer Schulbetrieb sofort oder im Spätsommer möglich sein wird, beantwortet man derzeit mal so, mal so.

Friedrich-Ebert-Stiftung will aufs Sitzenbleiben verzichten

„Ich gehe davon aus, daß auch nach den Sommerferien Schule nicht direkt unter den üblichen Bedingungen stattfinden kann“, orakelt die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), die zugleich Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) ist. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat empfohlen, die Schulen so bald wie möglich wieder zu öffnen – schrittweise und nach Jahrgangsstufen differenziert.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) warnte noch Ende April vor der Öffnung von Schulen, hält sich in dieser Frage mittlerweile aber sehr zurück. Star-Virologe Christian Drosten hält eine Öffnung der Schulen für riskant, als „Privatperson“ ist er aber dafür. Zugleich plädiert er für wöchentliche Tests für Lehrer und Erzieher. Der Kieler Infektionsmediziner Helmut Fickenscher spricht sich für eine Öffnung der Schulen vor den Sommerferien aus – und zwar ohne Abstandsregeln. Begründung: Man könne bis dahin Erfahrungen sammeln, bei Gefahrensituationen gegensteuern und habe die langen Ferien als Sicherheitspuffer.

Nicht der Weisheit letzter Schluß ist, was die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung anmahnt: Die Schulen müßten sich auch für die Zeit nach den Ferien auf Fernunterricht einstellen. Dann könnten den Schülern, die keine eigenen Tablets haben, Leihgeräte zur Verfügung gestellt werden. Weniger Noten sollen vergeben, auf das Sitzenbleiben gleich ganz verzichtet werden.

In den Schulen muß umfassend getestet werden

Nun ja, mit egalisierender Uralt-Ideologie ist es nicht getan. Es geht darum, daß die Schüler möglichst rasch wieder Präsenzunterricht bekommen – übrigens auch um des sozialen Lernens wegen. Über ausgereifte Hygienekonzepte hinaus sind konkrete Maßnahmen vonnöten.

Erstens: In den Schulen muß umfassend getestet werden. Die Kapazitäten liegen brach. Pro Woche könnten laut RKI 965.000 Tests durchgeführt werden, genutzt wurden zuletzt 382.000. Die Krankenversicherungen wollen Tests an Patienten ohne Symptome nicht bezahlen.

Dann muß eben der Staat einspringen, denn Bevölkerungsschutz ist dessen Aufgabe. Bei einem Test-Kostenvolumen von derzeit 250 bis 300 Millionen Euro pro Monat und angesichts von dreistelligen Milliardenbeträgen, die mit Corona anfallen, geht es hier um ein Prozent davon und um vernünftig ausgegebenes Geld. Es wäre unverantwortlich, diese Kapazitäten nicht für Alters- und Pflegeheime und eben für Schulen sowie Kitas zu nutzen. Gesundheitsminister Jens Spahn hat eine Verordnung vorgelegt, welche die Ausweitung von Tests auch ohne Symptome vorsieht.

Gymnasium in Neustrelitz testet zweimal wöchentlich

Die Tests sollen aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds bezahlt werden. Das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz darf hier durchaus „Schule machen“. Dort unterziehen sich seit Mitte Mai 80 Prozent der Schüler und Lehrer montags und freitags freiwillig einem Test. Tags darauf erhalten sie das Ergebnis vom Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene. Bislang waren alle rund 3.000 Proben negativ. Die Kosten von rund 40 Euro pro Test trägt das Unternehmen.

Zweitens: Vielleicht ist mit einer regelmäßigen Testung auch ein anderes Problem, das bei Eltern für Verärgerung gesorgt hatte, gelöst: Rund 20 Prozent der Lehrer ließen sich von der Präsenzpflicht freistellen, weil sie entweder über 60 Jahre alt oder schwanger sind, eine Vorerkrankung haben oder mit Personen aus einer der Risikogruppen zusammenleben.

Eine Reform des Unterrichts ist notwendig

Darüber hinaus haben sich manche Lehrer, auf die diese Kriterien nicht zutreffen, krank gemeldet. Richtigerweise wird mittlerweile ein (amts-)ärztliches Attest verlangt. Im übrigen ist Lehrern wie Vertretern anderer kontaktreicher Berufe zu empfehlen, sich im Herbst gegen Influenza impfen zu lassen – nicht weil das gegen Corona helfen würde, sondern weil eine gleichzeitige Erkrankung an Influenza und Corona lebensbedrohlich ist.

Drittens: Es ist im Schuljahr 2020/21 einiges nachzuholen. Deshalb empfiehlt sich eine angemessene Kürzung der insgesamt 75 Werktage Ferien auf etwa 65; eine (Wieder-)Einführung des Samstagsunterrichts, zum Beispiel zweiwöchentlich, womit innerhalb eines Schuljahres rund 20 Schultage gewonnen wären; ferner eine Renaissance eines dynamischen Unterrichtsstils und ein Zurückstellen „moderner“, zeitraubender Formen des Unterrichts.

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Josef Kraus war von 1987 bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

JF 24/20

Eine Lehrerin begrüßt ihre Schüler mit Schutzmaske an einer Dresdner Schule Foto: picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

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