#IchbinAntifa

Einmal mehr zeigt sich die schwindende Geschichtskenntnis

Der Hashtag #IchbinAntifa erfährt jede Menge Zustimmung. Der Anteil der Kritiker unter den Kommentatoren liegt nur bei etwa 10 Prozent. Ihre Einwendungen – die Antifa sei linksextrem und per se gewalttätig, auch die DDR habe sich als „antifaschistisch“ bezeichnet – treffen zwar entscheidende Punkte, bekehren die Mehrheit aber nicht.

Das kann niemanden überraschen. Der naive Gebrauch des Begriffs „Antifaschismus“ ist heute der übliche. Was man einerseits den Folgen des linken Kulturkriegs, andererseits der Entpolitisierung zuschreiben kann. Der erste Aspekt hat eine Ursache in dem Geschick, mit dem schon Stalin diesen Terminus plazieren konnte.

Dabei war von Anfang an klar, daß es in seiner Propaganda weder um den Faschismus im konkreten, also italienischen Fall, ging, noch um den Nationalsozialismus (den Begriff vermied man sorgfältig, um Irritationen wegen der Verknüpfung mit „Sozialismus“ auszuschließen), sondern darum, eine Art Passepartout zwecks Markierung jedes politischen Konkurrenten zu haben.

Faschisten-Vorwurf als Vorwand zum Terror

Das Paradebeispiel für dieses Vorgehen war der Kampf der KPD gegen die SPD in der Weimarer Republik. Die Sozialdemokraten betrachtete man gemäß Parteilinie als Hauptfeind und als „sozialfaschistisch“, während die NSDAP kaum der Rede wert war. Den Kurs hielten die Kommunisten so lange, bis Hitler die Macht übernahm.

Natürlich hatten sie dann rasch den Vorwurf bei der Hand, daß die SPD dem „Sieg des Faschismus und der Reaktion“ Vorschub geleistet habe, da sie für die „Spaltung der Arbeiterbewegung“ verantwortlich sei. Aber in der Folge kam es doch zu einem Strategiewechsel. Denn Stalin befahl die „Volksfront“ als Zusammenschluß aller „Antifaschisten“, worunter neben Sozialdemokraten, unorthodoxen Linken, Christen, ausdrücklich auch Liberale und Konservative verstanden werden sollten, – falls sie sich der Führung Moskaus unterwarfen. Wenn nicht, gehörten sie selbstverständlich zu den Faschisten.

Die letzten Konsequenzen zog man sowjetischerseits während des Großen Terrors der 1930er Jahre und dann im Spanischen Bürgerkrieg, der Tausende Trotzkisten, Sozialisten, Anarchisten und Pazifisten das Leben kostete, die als „Faschisten“ liquidiert wurden. Ein blutiger Weg, den Stalin nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fortsetzte, als er systematisch jede Opposition in seinem Machtbereich mit dem Vorwurf erstickte, sie sei „faschistisch“.

Neue Linke griff Begriff wieder auf

Die Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die während des „antifaschistisch-demokratischen Aufbaus“ in den KZs der DDR landeten, sahen sich stets mit der Anklage konfrontiert, Faschisten zu sein oder dem Faschismus Vorschub geleistet zu haben, ganz gleich, wie viele Jahre sie in den KZs der Nationalsozialisten verbracht hatten. Zu diskreditieren war diese Praxis in den „pink forties“ nicht.

Nur ein unabhängiger Kopf wie George Orwell, der aus einem Gefühl linker Solidarität als Freiwilliger auf der Seite der spanischen Republik gekämpft und mit den Kommunisten übelste Erfahrungen gemacht hatte, kam da schon zu der Feststellung, es habe das „Wort Faschismus … heute keine Bedeutung mehr als `irgendetwas Unerwünschtes´“.

Wenigstens in der Zeit des Kalten Krieges, der folgte, war hinreichend klar, daß sich niemand als „Antifaschist“ bezeichnete, es sei denn es handelte sich um einen Kommunisten unter der Tarnkappe, einen fellow traveller oder einen Narren. Aber der antitotalitäre Konsens zerbrach mit dem Aufstieg der Neuen Linken und deren Rückgriff auf einen marxistischen Jargon, zu dessen Schlüsselworten „Faschismus“ und „Antifaschismus“ gehörten.

Angeblicher humaner Grundgedanke des Kommunismus

Für die Achtundsechziger war der Kleinbürger „faschistisch“ und die Bild-Zeitung sowieso, die Lehrer oder Professoren, wenn sie sich zur Wehr setzten, das Kapital, die Armee, die Polizei, die USA, Israel und selbstverständlich das „Schweinesystem“ der „BRD“. Gelegentlich fiel auch der Ostblock unter das Verdikt, aber im allgemeinen hielt man ihm doch die „antifaschistische“ Ausrichtung zugute. Was wiederum erklärt, warum man auch die Lieblingsidee der fortschrittlichen Intelligenz wiederbelebte, derzufolge Faschismus und Kommunismus nicht in einen Topf gehörten, da ersterer dem Grundgedanken nach inhuman, der zweite aber dem Grundgedanken nach human sei.

Praktisch jede dieser Denkfiguren findet sich im aktuellen Twittersturm wieder, ganz gleich, ob die Fans des Schwarzen Blocks oder die Grüne Jugend oder der weiland Generalsekretär der CDU, die äußerste Linke oder die dumme Mitte zu Wort kommen. Nur ist alles tausendfach verdünnt, verbogen, moralisiert. Man kann deshalb davon absehen, daß hier eine stalinistische Formel wieder aufgegriffen wird, und auch davon, daß sich Leute massenhaft zum nützlichen Idioten jener machen, die systematisch die bestehende Ordnung zerstören. Es genügt die erschreckende Einsicht, daß man es mit einem weiteren Beweis für den Verlust von Geschichtskenntnis, Wirklichkeitssinn und politischen Maßstäben zu tun hat.

Er ist wieder da … Foto: JF

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