Emmanuel Macron

Le Zeitgeist c‘est moi

Die Folgen des Wirbelsturms Irma, der vor einem Jahr auf der Karibikinsel St. Martin wütete, waren das offizielle Motiv für den Besuch von Präsident Emmanuel Macron auf dem französischen Teil der Insel am Montag dieser Woche. Die Bilder aber, die danach um die Welt gingen, zeigten den naßgeschwitzten Repräsentanten Frankreichs Arm in Arm mit zwei farbigen, gutgebauten jungen Männern mit freien Oberkörpern.

Skandal machte das Foto, auf dem einer der beiden Einheimischen betont ernst dreinschaut und den Stinkefinger zeigt, während sich der Präsident höchst vergnügt an ihn schmiegt und der dritte im Bunde das Satanszeichen mit abgespreiztem Zeige- und kleinem Finger macht. Den Mann mit dem emporgestreckten Mittelfinger (Nebenbedeutung: Penetration) sieht man auf einem anderen Bild fröhlich ein Selfie mit Macron schießen, und auf einem dritten umarmt er den hohen Besucher so heftig, daß er ihn im nächsten Augenblick umwerfen könnte. Fast liegt er schon auf ihm drauf.

In einer anderen Szene blicken sich die beiden tief und ernst in die Augen. Macron umfaßt die Hüfte seines Fans, und dieser legt ihm traulich die Hand auf die Rippen. Den zweiten der beiden Farbigen, der ein schwarzes Kopftuch und eine Goldkette trägt, hat der Präsident bereits draußen beim Bad in der Menge begrüßt und dann offenbar ins Innere des Gebäudes mitgenommen.

Von ihm sagte Macron, er sei nach seiner Haftstrafe wegen eines Überfalls erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen worden. Im Beisein des Präsidenten muß sich der ehemalige Häftling das weiße Unterhemd ausgezogen haben, das er zuvor noch trug. Wir, die wir die Bilder aus der Ferne sehen, stutzen. So viel Homoerotik kann schwerlich unbeabsichtigt sein. Hätten sich die beiden Farbigen auf solche Bilder auch eingelassen, wenn es sich nicht um den französischen Präsidenten gehandelt hätte?

Vielleicht, weil die Homoerotik in Europa sakrosankt ist, hat sich halb Frankreichs Empörung auf den beleidigenden Stinkefinger konzentriert, mit Marine Le Pen an der Spitze. Angeblich hat sie auch die Fotos gepostet. Wie das? Ist sie im Troß des Präsidenten mitgereist? Hat Macron die Hoheit über seine Pressearbeit verloren?

Le Pen bezeichnete das Foto mit dem nackten Finger prompt als „unverzeihlich“: „Wir sind sprachlos vor Empörung“, teilte sie auf Twitter mit. „Frankreich hat das sicherlich nicht verdient.“ Woher weiß Le Pen, daß es dem Mann um Frankreich ging? Macron replizierte in perfekter Dramaturgie, er liebe „jedes Kind der Republik, egal, welche Dummheiten es begeht“. Der Jugend wolle er helfen. Und natürlich warnte er vor einem „Diskurs des Hasses“.

Intime Zuneigung zu fremden, jungen Männern

Macron im Arm mit einem jungen Mann auf der Karibikinsel Saint-Martin Foto: picture alliance / abaca

Le Pens Protest schoß am eigentlichen Inhalt der Bilder vorbei, die in zweifacher Weise die Beziehungen des weißen Mannes neu definieren. Im Ergebnis machte die Kuschelei mit den beiden Einwohnern von St. Martin alle anderen Spannungen oder Probleme wie geografische Entfernung, kulturelle Unterschiede, persönliche Nichtbekanntheit (?), Kriminalität sowie seelisches und materielles Leid vergessen.

War Macron nun wegen der Folgen des Wirbelsturms nach St. Martin gereist oder wegen glühender Männerliebe? Das Fremde ist auf diesen Bildern nicht mehr der fremde Mann als solcher, sondern etwas, das wir gar nicht sehen, die weiße Frau – „Irma“ sozusagen: „Ich hab‘ keine Angst vorm schwarzen (schwulen?) Mann.“ Viel eher als eine Beleidigung der französischen Nation war im Kontext dieser Bilder der Stinkefinger ein Symbol für die Unterwerfung des weißen Mannes durch den schwarzen.

Soweit wir uns erinnern, war unsere Beziehung zum Fremden (gemeint nicht als Person sondern als Merkmal) einst umgekehrt ausgerichtet. Nach Überwindung seiner Adoleszenz hat der erwachsene Mann Haus und Hof vor Dieben oder gar feindlichen Soldaten beschützt und versucht, die schönste Frau im Dorf zu erobern.

Die Bilder von Macron und seinen Jungs präsentieren uns dagegen die Konklusion aus zwei neuen Forderungen. Der tiefe Blick des französischen Präsidenten in die Augen des Einheimischen wirbt für die intime Zuneigung zu teilweise fragwürdigen, auf jeden Fall fremden, jungen Männern. Politisch interessant wird diese Südsee-Inszenierung daher erst, wenn man sie nicht auf die privaten Gerüchte um Macron zurückführt, sondern davon trennt. Oder feststellt, daß auch diese Gerüchte, ähnlich wie die Aufregung Le Pens, von der eigentlichen Botschaft der Bilder ablenken, die bei aller verbleibenden Unklarheit heißt: „Weiße, liebt die Schwarzen. Männer, liebt Männer.“

„Du nennst mich ‘Monsieur le Président de la République’“

Eng umschlungen … Foto: picture alliance/abaca

Erst im Juni hat Macron zusammen mit seiner Frau ähnlich trainierte und nur mit Netzunterhemd bekleidete Musiker zum Gruppenfoto im Élysée-Palst empfangen, bei welcher Gelegenheit einer der Gäste das Siegeszeichen in die Kamera machte. Hat auch dieses Foto Marine Le Pen in die Welt gesetzt …? Einen weißen Gärtner, der keine Arbeit findet, ließ Macron am 16. September dagegen ziemlich rüde mit der Behauptung abblitzen, er brauche nur über die Straße zu gehen und schon werde er einen Job auf dem Bau oder in der Gastronomie finden.

Einen weißen Jugendlichen, der das Staatsoberhaupt im Juni am Rande einer offiziellen Veranstaltung mit „Alles klar, Manu?“ begrüßte, wies er entschieden zurecht: „Du nennst mich ‘Monsieur le Président de la République’ oder ‘Monsieur’! – D’accord? – Voilà!“ Daraufhin der Schüler kleinlaut: „Oui, Monsieur le Président.“

Es mag vorkommen, daß ein Präsident unangemessen reagiert; hier geht es um den eklatanten Unterschied zu den Bildern und Nachrichten aus St. Martin. Dort erzählte Macron rührenderweise schließlich auch noch, daß die jungen Männer auf seinen Wunsch ein behindertes Mädchen herbeigetragen hätten: „Meine Rolle ist es, in jedem Jugendlichen der Republik das zu suchen, was er Gutes zu bieten hat.“

Macron kann also auch ganz anders. Wie gut, daß der weiße, langhaarige Junge im Karohemd über die vertrauliche Anrede hinaus nicht seinen Mittelfinger in die Kamera gehalten hat, das darf schließlich nicht jeder. Arnaud Benedetti von der Pariser Sorbonne, der Macron vorwirft, viel zu reden und wenig zu überzeugen, monierte nach einem Bericht der Zeitung Le Figaro angesichts der auch hier angeführten Kontraste von Schwarz und Weiß die fehlende Kohärenz und die fehlende Homogenität in der Kommunikation des Präsidenten.

Ich sehe das anders. Ich finde sie vollkommen stimmig.

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> Andreas Lombard ist Chefredakteur des Magazins „Cato“. In der aktuellen Ausgabe Nr. 6 erschien von ihm: „Tertium datur. Chemnitz als Teil einer Tragödie aus Naivität und Hybris“.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während seines Besuchs auf der Karibikinsel Saint-Martin Foto: picture alliance / abaca

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