Martin Schulz: Maskottchen des Untergangs Foto: dpa
Wer hat uns verraten?

Der Doppelbetrug der Sozialdemokraten

Gute Maskottchen haben mit Rhetorik wenig am Hut. Warum auch? Niemand möchte gute Maskottchen reden hören. Sie sollen tanzen können. Sie sollen gute Miene zum bösen Spiel machen. Martin Schulz macht gute Miene zum bösen Spiel. Brav hat er sich im Bundestagswahlkampf 2017 auf dem Thema Europa ausgeruht und seiner vermeintlichen Konkurrentin großzügig das Feld überlassen. Hat die Basis 2017 noch brav applaudiert, findet sie 2018 wieder zur alten Empörungsrhetorik zurück.

Susanne Neumann, in jüngster Zeit viel gefragte Gewerkschafterin, ist enttäuscht. „Ich möchte wieder eine SPD haben, die soziale Gerechtigkeit verkörpert“, sagte sie vor wenigen Tagen in der ARD-„Tagesschau“. Nicht nur sie kommt zu dem Schluss: „In der Groko ist die SPD verloren.“ Die Empörung ist verständlich. Aber sie langweilt.

Rückgratloser Rest

Die SPD läßt jegliche Haltung nicht nur vermissen. Sie hat schlicht und ergreifend keine mehr. Was Martin Schulz heute noch verwalten darf, ist der kümmerliche rückgratlose Rest einer Partei, die einmal eine stolze Arbeiterschaft vertreten wollte. Martin Schulz ist das Maskottchen des Untergangs der deutschen Sozialdemokratie. Und in dieser Rolle darf er uns leidtun.

Welch ein Unterschied zu Gerhard Schröder 2005. Mehr als zwölf Jahre ist es her, daß der Ex-Kanzler den Startschuß zum Abstieg der SPD gab. Mit seinem legendären Paukenschlag gegen Medien, CDU und Angela Merkel in der Elefantenrunde 2005 schlüpfte er ein letztes Mal in die Rolle des angriffslustigen Parteiführers. Über die Effektivität dieses Auftritts mag man streiten. Doch besser wurde es danach nicht. Seine Nachfolger wurden blaß und blässer.

Fehlender Charakter ist nicht das einzige Problem

Doch fehlender Charakter ist nicht das fundamentale Problem dieser Partei. Die wahre Ursache ihres Abstiegs ist ein beispielloser Doppelbetrug am eigenen Wählerklientel. Mit den Hartz-Reformen verprellte Gerhard Schröder den harten Kern aus Gewerkschaftern und Arbeitern, die sich wenige Jahre zuvor noch mit Verve in all die Wahlkämpfe für all die Dreßlers, Penners, Erlers, Brandts und Wehners geworfen hatten.

Es war ein heftiger Schlag ins Kontor, ausgeführt von einem kleinen Kreis von Beratern und Nutznießern um den damaligen Kanzler, der die Glaubwürdigkeit der SPD für immer untergraben sollte. Der Schlag hätte genutzt werden können: Der Gewerkschaftsmuff wurde abgestreift. Der neue Touch gefiel neuen Wählerschichten. Ein, nicht zuletzt auch von Tony Blair in Großbritannien propagierter, Dritter Weg öffnete sich.

Es kam anders

Nicht wenige Linksliberale sahen in der SPD nun eine verheißungsvolle Alternative zu einer FDP, die sich mehr und mehr der CDU anbiederte. Der Abstieg des Wirtschaftsstandorts Deutschland schien abwendbar. Dank dieser Perspektive schöpfte auch die SPD neue Hoffnung für 2005.

Aber es kam anders. Mit Schröders Paukenschlag im gleichen Jahr begann das lange Siechtum. Eine Partei ohne Typen und Charakter betrog zum zweiten Mal und wankte wieder in Richtung der alten Klischees, biederte sich angestaubten Stereotypen an, die in der Realität immer seltener ihr Abbild finden. Statt gegen eine FDP um zukunftsfähige, marktwirtschaftsorientierte Konzepte zu ringen, propagierte ein wenig glaubwürdiger Funktionärskörper den Ausbau des Sozialstaats.

Doch diese Tür war lange schon geschlossen. Die immer kleiner werdende Arbeiterschaft behielt Stolz und Mißtrauen. Sie blieb fern. Und auch neue gesellschaftlich abgehängte Schichten mieden den willenlosen Populismus. Sie suchten und fanden echten Protest.

Jetzt wird die SPD endgültig abgewickelt

Auch die von Schröder gelockten Linksliberalen wandten sich schnell wieder ab, fanden wieder zurück zum wirtschaftspolitischen Original. Was blieb, war der Rest einer ehemaligen Volkspartei, der sich jahrelang verzweifelt an die eigene Historie klammerte.

2018 wird die SPD endgültig abgewickelt. Ihrem Maskottchen aus Würselen wurden von erfahrener Seite sehr deutlich die dafür nötigen Schritte verraten. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras rieten dringend zur Großen Koalition. In Frankreich wie in Griechenland hat die Sozialdemokratie ihr Siechtum bereits erfolglos beenden dürfen.

Die deutsche Sozialdemokratie wird genauso folgen wie Martin Schulz bereits dem Ratschlag seiner europäischen Genossen. Aber was kann man von einem guten Maskottchen schon erwarten? Tanzen soll es.

Martin Schulz: Maskottchen des Untergangs Foto: dpa

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