Lindner
FDP-Chef Christian Lindner Foto: picture alliance/dpa

Meinung
 

Hau den Lindner

Nach dem Abbruch der Koalitionsverhandlungen hatte man sich medial schnell auf einen Alleinschuldigen für das Scheitern des politischen Lieblingsprojektes vieler Journalisten geeinigt. Christian Lindner sollte der Übeltäter sein, der, in einem Anfall von Profilneurose und egoistischer Parteitaktik, das sich stramm auf Jamaika-Kurs befindende Schiff zum Kentern brachte. Absichtlich und lange geplant, so der Vorwurf.

Als Beleg hierfür diente eine Grafik, mit dem Lindner-Zitat „Lieber nicht regieren als schlecht regieren“, die die FDP bereits wenige Momente nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche in den sozialen Netzwerken verbreitete. Daß man glaubt, eine solche Grafik, wie sie heute jeder Grundschüler in zwei Minuten erstellen kann, müßte von langer Hand vorbereitet sein, zeigt, daß das Internet für viele deutsche Journalisten offenbar tatsächlich immer noch Neuland ist.

Mediale Wutwelle

Zudem sind die Berliner Berichterstatter durch Merkels nichtssagenden Politik- und Sprachstil offenbar in Sachen pointierter Rhetorik derart entwöhnt, daß sie einen zwar guten aber nun wahrlich nicht genialen Ausspruch, wie den von Lindner, für so klug und kreativ halten, daß er keinem Politiker einfach so spontan einfallen könnte.

Natürlich spricht vieles dafür, daß der Verhandlungsabbruch in dieser Form eine Inszenierung war. So wie Politik immer ein Stück weit auch Inszenierung ist. Die Wutwelle, die jetzt über den FDP-Chef aus nahezu allen Mainstream-Medien hereinbricht – mit Ausnahme der Welt, die sich einen deutschen Macron offenbar so sehr wünscht, daß sie eine Lobeshymne nach der anderen auf ihn schreibt – offenbart allerdings mehr über eben jene Mainstream-Medien als über Lindner und die FDP.

Ein wenig müssen sich Lindner und die Seinen an die Koalitionsverhandlungen erinnert fühlen. Die Grünen geben den Ton vor und alle stimmen mit ein. Sauer scheint man vor allem darüber zu sein, daß die FDP mehr sein wollte, als nur das „notwendige Übel“ auf dem Weg zur schwarzgrünen Merkel-Republik.

Geplatzter Journalistentraum

Eine Fortsetzung der Politik der offenen Grenzen, der Internet-Zensur und der Konzentration auf Minderheiten und Kleinstminderheiten, während der smarte Lindner die Steuerzahler so sehr beruhigt, daß sie bereitwillig die ganze Chose finanzieren, so haben sich das grüne Politiker und Journalisten vorgestellt.

Daß die FDP diesen gesellschaftspolitischen Traum zum platzen brachte, und Deutschland damit vermutlich weiter nach rechts rückt, wird man ihr so schnell nicht verzeihen.

FDP-Chef Christian Lindner Foto: picture alliance/dpa
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