Marine Le Pen und Emmanuel Macron bei der TV-Debatte gestern Abend Foto: picture alliance/ dpa
Frankreich-Wahl

Die Gräben sind so tief wie nie

Es ging um die Lufthoheit über dem edelsten Stammtisch der Nation. Das Duell in der Stichwahl um das Präsidentenamt geriet zum polemischen Schlagabtausch und das über zweieinhalb Stunden lang. Die beiden Kontrahenten, Marine Le Pen und Emmanuel Macron, schenkten sich nichts. Mindestens ein Dutzend Mal bezichtigte Macron seine Gegnerin der Lüge („Kandidatin der Lüge“), der Spaltung des Landes („Kandidatin des Hasses“), der Rückwärtsgewandheit und der Programmlosigkeit. Sie sei „Parasit des Systems“.

Le Pen wiederum unterstellte dem ehemaligen Minister schlicht Unterwerfung unter die Interessen von Lobbygruppen der Finanzwelt („Kandidat der Banken“), des Systems, der von Hollande gesteuert werde („heimlicher Kandidat der Sozialisten“). Er liege vor Hollande, den Banken und den Einflüsterern aus Brüssel auf dem Bauch, er sei der Kandidat des Kriechertums. Noch nie hat es einen derart aggressiven Schlagabtausch bei einer Präsidentenwahl gegeben.

Die Ansichten liegen oft nicht weit auseinander

Bei so viel Polemik und ständigen, vorwurfsvollen Unterbrechungen war es schwierig, einen Austausch von Argumenten auszumachen. Die Welten waren zu unterschiedlich, sowohl in staatspolitischer als auch in persönlicher Perspektive. Die zwei Moderatoren hatten erhebliche Mühe, die Themenabfolge zu gewährleisten und ihre Fragen zu platzieren. Dabei wurde klar, daß bei den politisch heiklen Tagesthemen die Ansichten gar nicht so weit auseinanderlagen.

Beispiel Rente: Le Pen will zurück zur Rente mit 60 nach 40 Berufsjahren, aber erst, wenn es wieder genügend Beschäftigung gebe, also vermutlich gegen Ende des Mandats im fünften Jahr. Bis dahin bleibt es bei der Rente mit 62. Macron will an den 62 Jahren nicht rühren. Beispiel 35-Stunden-Woche, eine weitere heilige Kuh der Linken in Frankreich: Le Pen will es den einzelnen Branchen überlassen, eine Ausweitung oder Überstunden zuzulassen. Macron will es den einzelnen Unternehmen anheim stellen. Beide sehen, daß die Produktion mit 35 Stunden kaum gesteigert werden kann, aber so weit kam die Argumentation schon nicht.

Beispiel Leihmutterschaft: Macron will sie verbieten, aber für bereits gezeugte und derzeit ausgetragene Kinder im Ausland zulassen. Le Pen will sie generell verbieten und warf Macron bei der Gelegenheit gleich vor, daß er Frankreich zu einer großen Markthalle machen wolle, in der alles und jeder gekauft und verkauft werden könne. Selbst beim Beispiel Terrorismus hatten die Positionen gemeinsame Ziele: Le Pen will alle Gefährder (rund 15.000) sofort des Landes verweisen, Macron erst, wenn sie juristisch auffällig geworden sind. Le Pen will die Grenzen schließen, Macron nur überwachen.

Le Pen: Islam ist Quelle des Terrorismus

Beide erklärten den Kampf gegen den Terrorismus zur obersten Priorität. Aber während Macron sich bei der Ursachenforschung blaß zeigte und vermied, den Islam zu nennen, legte Le Pen den Finger auf die Wunde und sprach vom Islam als der Quelle des aktuellen Terrorismus. Sie warf Macron vor, sich zum Handlanger der Organisation Islamischer Verbände (OIF) zu machen, obwohl es in dieser Organisation von Fundamentalisten wimmele. Macron lasse sich von ihnen unterstützen. Das Thema war Macron offensichtlich unangenehm und er wich mit gravitätischer Stimme auf den allgemeinen Kampf gegen jede Form von Gewalt aus, auch der islamistischen.

Die größte Differenz zeigte sich beim Thema Europa. Hier ging es auch um die politische Philosophie. Marine Le Pen will „die Nationen und Völker der EU entreißen“. Sie will zurück zum Staatenbund. Macron will die EU zu einem Bundesstaat ausweiten. Le Pen will die Souveränität der Vaterländer, so wie sie die Gründer der „Europäischen Allianz“, de Gaulle und Adenauer im Sinn hatten, befreien. Konkret strebe sie einen Austritt aus dem Euro an. Sie wolle aber das Volk bei jedem Schritt befragen. Schon im September solle es das erste Referendum geben.

Macron hielt ein bewegtes Plädoyer für den Euro. „Wir wollen kooperieren, Sie wollen einen Währungskrieg. Ich will mit Frau Merkel zusammenarbeiten, nicht gegen sie“. Die unterschiedliche Philosophie wurde auch beim Thema Globalisierung, Freihandel und Außenpolitik deutlich. So ging es hin und her, immer wieder sorgten verbale Giftpfeile für ein Abrutschen in abseitige Polemik. Eine Blitzumfrage nach der Sendung stellte Macron als Punktsieger fest. In beiden Lagern schwenkte man Siegesfahnen.

15 Prozent sind unentschieden

Sicher ist: Weder Le Pen noch Macron zeigten echtes Interesse an einem argumentativen, für den Wähler entscheidungsrelevanten Austausch. Le Pen griff an, Macron wehrte sich. Bei einem Umfragevorsprung von 60 zu 40 für Macron dürfte die Schlacht geschlagen sein. Aber fünfzehn Prozent der Wähler sind noch unentschieden und sicher ist: Die Gräben in Frankreich sind so tief wie nie.

Marine Le Pen und Emmanuel Macron bei der TV-Debatte gestern Abend Foto: picture alliance/ dpa

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