Meinung

Gauck im Glashaus

Das ging den gebeutelten Schlachtrössern des Medien-Establishments runter wie Öl: Zum 60. Geburtstag des Deutschen Presserats hielt das Staatsoberhaupt eine seiner berüchtigten salbungsvollen Reden, predigte gegen die „Medienverächter“, denen es mit ihren „Lügenpresse“-Vorwürfen ja doch nur um „Denunziation“ gehe, und pries die etablierten Medien als Bollwerk gegen die „destruktiven Energien des Populismus“, die zur Stärkung der „offenen Gesellschaft“ einfach nur „weiter ihre Arbeit“ machen müßten, vielleicht mit einem Tick mehr Selbstkritik.

Wer im Glashaus sitzt, sollte allerdings tunlichst nicht mit Steinen werfen. Und wer als Bundespräsident mal eben einen Großteil des Volkes, das er repräsentiert, als „Dunkeldeutschland“ denunziert, macht sich selbst lächerlich, wenn er Kritiker des polit-medialen Establishments als „Denunzianten“ diffamiert.

Die „Echoräume“, in denen „einzelne oder Gruppen sich im Alleinbesitz der Wahrheit“ wähnen, bestehen schließlich in der Kumpanei der „Wir schaffen das“- und „Willkommenskultur“-Kartelle aus selbstgerechter politischer Klasse und lammfromm ergebenen Lohnschreibern schon seit längerem; die Frage, wie man „Kommunikationsflüchtlinge aus ihren Parallelwelten hervorlocken“ könnte, läßt sich ruhig auch in diese Richtung stellen.

Herdenartiger Konformismus

Doch Gauck glaubt ganz genau zu wissen, daß wir „heute und hierzulande“ in der besten aller Welten leben, denn was „Lügenpresse“ bedeute, habe er ja nun selbst „jahrzehntelang in der DDR erlebt“. Eben deshalb sollte es ihm allerdings zu denken geben, daß der Vorwurf gerade von Landsleuten zuerst erhoben wurde, die diese Erfahrung ebenfalls gemacht haben.

Schon klar, wir haben derzeit kein Politbüro und keine Reichsschrifttumskammer, die gleichgeschalteten Redaktionen jeden Tag die Schlagzeilen in den Block diktieren. Das ist auch gar nicht nötig, wenn der herdenartige Konformismus gegenüber den unausgesprochenen Vorgaben und Erwartungen der Mächtigen in Staat und Gesellschaft auch so wie am Schnürchen funktioniert.

Und ein Chefredakteur, der einen kritischen Kommentar veröffentlicht, wandert auch nicht gleich ins Lager oder nach Bautzen. Seinen Job kann er allerdings schon verlieren, wie Bild-Mann Nicolaus Fest wegen eines islamkritischen Leitartikels oder Wirtschaftswoche-Macher Roland Tichy, der für den Geschmack der Herrschenden zu Euro-kritisch wurde.

Mißtrauen keine unzulässige Störung

Gerade einem Mann wie Gauck, dessen Lebensspanne die Erfahrung mit den Auswirkungen der beiden totalitären Diktaturen auf deutschem Boden umfaßt, sollten solche Präzedenzfälle zu denken geben. Das Mißtrauen gegenüber den Tonangebern in Politik und Medien, das Gauck so wortreich beklagt, ist keine unzulässige Störung einer gemütlichen Idylle, sondern ein Bürgerrecht, das Salz der Demokratie sozusagen. Mißtrauen ist der Motor der Machtkontrolle durch Gewaltenteilung; wenn Medien die „vierte Gewalt“ sein wollen, sollten sie das aushalten.

„Wehret den Anfängen“ ist ein vielstrapaziertes Prinzip, für das Diktaturerfahrene eine besondere Antenne haben sollten. Wenn der von Gauck beweihräucherte Deutsche Presserat sich wie das Zentralkomitee der Deutschen Presse gebärdet und dogmatisch vorschreiben will, welche Fakten Journalisten über Ausländerkriminalität überhaupt noch berichten sollen, wenn Ministerien oder obskure regierungsnahe und steuergeldfinanzierte Vereine sich anmaßen, mit ganzen Vorschriftenkatalogen die Sprache der Medien bei der Behandlung von Themen wie Islam oder Einwanderung zu reglementieren, dann sind das bedenkliche Entwicklungen, bei denen die Totalitarismus-Warnglocken laut klingeln sollten.

Freilich: Um solches noch wahrzunehmen, sind die Zeiten, da Joachim Gauck wortgewaltig die Freiheitsfahne schwang, wohl schon zu lange her. Wer aus der Dissidenten-Rolle ins privilegierte Nomenklatura-Dasein wechselt, muß halt auch den eigenen Verstand an der Garderobe abgeben. Aber das kennt Joachim Gauck aus seiner jahrzehntelangen „DDR“-Erfahrung sicher auch noch.

Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt 60 Jahre Deutscher Presserat Foto: picture alliance/dpa

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