Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den CDU-Spitzenkandidaten der Landtagswahlen Foto: picture alliance/dpa
Meinung

Die Dialektik der Blockflöten

Horst Seehofer hat wohl die Sprechzettel aus dem Adenauer-Haus nicht gelesen, die die artigen Moderatoren vom Staatsfunk am gestrigen Abend gewissenhaft abgearbeitet haben. Sonst wäre er nicht auf den nach CDU-Logik absurden Gedanken gekommen, das Wahldesaster der Schwesterpartei hätte irgendwas mit der Asylpolitik der „Wir schaffen das“-Kanzlerin zu tun.

Wär ja auch noch schöner. Stand doch schon vorher fest, daß Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz und Guido Wolf in Baden-Württemberg nur deshalb verloren haben, weil sie gemuckt haben und nicht glaubensfest und linientreu genug hinter der Kanzlerin gestanden sind. Der Beweis: die jeweiligen Regierungschefs Dreyer (SPD) und Kretschmann (Grüne), beide unerschütterliche Merkel-Bewunderer, hätten ja gewonnen.

„Es darf keine Kursänderung geben“

Gut, die sind nicht in der CDU, aber das spielt ja auch keine Rolle, wenn sowieso alle Bundestagsparteien auf derselben „Willkommenskultur“-Linie sind und die Kanzlerin den Bundestag vor ihren einsamen Entscheidungen deshalb praktischerweise auch gar nicht mehr zu fragen braucht.

Ein „Umsteuern“ in der Asylkrise ist drum auch gar nicht nötig, schmettert CDU-Generalsekretär Peter Tauber heute morgen fröhlich heraus: Die „Zustimmung zu Angela Merkel“ in dieser Frage steige ja schon wieder in den Umfragen, es habe im Wahlkampf „fast einen Wettlauf“ der anderen Parteien darin gegeben, zu zeigen, „wer Angela Merkel eigentlich am besten unterstützt“.

Deren Stellvertreter Armin Laschet treibt die CDU-Dialektik auf die Spitze: Wer sich brav für die Merkel-Chimäre der „europäischen Lösung“ der Asylkrise und gegen nationale Alleingänge eingesetzt habe, der habe auch „gut abgeschnitten“. Die Landtagswahlen waren deshalb „eine Bestätigung des Kurses der Bundesregierung“ und der großen Vorsitzenden, „das heißt für uns, es darf keine Kursänderung geben“.

Hauch von Wandlitz

Fehlt da nicht eine Kleinigkeit? Gab es nicht eine Partei, die der Kanzlerin sogar fundamental widersprochen hat und dafür stärker als jede andere gewonnen hat? Da tun Merkels Schildknappen mal eben so, als gäbe es die gar nicht. Und reden will man mit denen sowieso niemals. Einfach auf die Wähler pfeifen und die Realität ignorieren, und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Und während es einigen Parteikadern doch langsam mulmig wird, weil die CDU drauf und dran ist, nicht nur Deutschland, sondern auch sich selbst abzuschaffen, schweigt die Vorsitzende eisern, als wäre gar nichts geschehen. Da weht denn doch ein leiser Hauch von Wandlitz herüber.

Linken-Chefin Katja Kipping jedenfalls hat die Signale gehört und verstanden. Sie ruft zu einem „breiten gesellschaftlichen Bündnis gegen die AfD“ auf. Mit so was kennt ihre Partei, die sich vor nicht allzu langer Zeit selbst noch „Sozialistische Einheitspartei“ nannte, ja bestens aus.

Fehlt nur noch der letzte konsequente Schritt: Linke, CDU, SPD und Grüne treten zu den nächsten Wahlen gleich gemeinsam als Blockflöten in der Einheitsliste der Nationalen Asylfront oder so ähnlich an. Mit Frau Merkel als ewiger Staatsratsvorsitzender. Zum Glück gibt’s dazu auch Alternativen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den CDU-Spitzenkandidaten der Landtagswahlen Foto: picture alliance/dpa

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