Meinung

Tödliche Politik

Ein Kind am Strand. Kein Puls. Es ist ertrunken. Es hatte keine Chance. Das Bild eines ertrunkenen syrischen Jungen an der türkischen Küste zerreißt einem das Herz. Schlimmer geht es nicht. So darf ein Leben nicht enden. Darin sind sich alle einig.

Nichts ist mächtiger als ein Bild. Es erzählt mehr als jede Reportage, jedes Interview, jeder Text. Es zeigt einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Wer eine Zeitung aufschlägt, schaut zuerst auf die Fotos. Dann entscheidet sich der Leser, ob er auch den Text dazu liest. Bilder sind eine mächtige Waffe.

Das Foto des ertrunkenen syrischen Jungen geht um die Welt. Es hat Emotionen geweckt. Zumindest für einen kurzen Zeitraum. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann verbreitete es auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Dazu ein Text: „Europa, dieser unermeßlich reiche Kontinent macht sich schuldig, wenn wir weiter zulassen, daß Kinder an unseren Küsten ertrinken.“

Ein „besorgter Chefredakteur“

Mit diesen Worten trauert niemand. Er klagt an. Einen ganzen Kontinent. Von Lissabon bis Moskau. Vom Nordkap bis nach Sizilien. 740 Millionen Menschen schuldig. Mit Emotionen hat das nichts zu tun. Diekmann ist ein Zyniker. Ein „besorgter Chefredakteur“, dem es um die Kampagne seiner Zeitung geht. Mehr Auflage, mehr Anerkennung. Dafür ist ihm nichts zu schade. Nicht einmal tote Kinder.

Der Publizist Michael Klonovsky schrieb dazu: „Und Schande über diejenigen, die seinen Tod jetzt für ihre Einwanderungspropaganda nutzen, statt das Maul zu halten und ein Gebet zu sprechen, egal was für eins. Kein zurechnungsfähiger Mensch, auch nicht bei Pegida, der AfD und in anderen Etagen der Unterwelt, hat sich nämlich gegen die Aufnahme tatsächlicher Flüchtlinge ausgesprochen (und wenn, dann Schande auch über diese Figuren).“ Er hat recht.

Eine emotionale Asylpolitik wird scheitern

Was trieb den Vater in die Arme der Schlepper? Was treibt Tausende in die Züge nach Ungarn? Es sind Gerüchte. Deutschland schiebt nicht ab, heißt es. Gestreut wurde das von der Bundesregierung. Das Dublin-Abkommen gilt für Deutschland nicht. Es treibt die Menschen zu Zehntausenden durch friedliche Staaten in die Bundesrepublik. Es treibt sie in die Hand skrupelloser Schlepper, denen solche Nachrichten aus Deutschland ein dickes Geschäft bescheren. Ein Millionengeschäft, dem auch das syrische Kind zum Opfer fiel.

Bestätigt dürfen sich diese Kriminellen auch aus Deutschland fühlen. Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck schrieb schon im Mai, die Schlepper seien „Fluchthelfer“. Es sind diese „Fluchthelfer“, die den kleinen Jungen auf dem Gewissen haben. Beck schrieb: „Fluchthelfer sind doch keine Piraten oder Terroristen.“ Doch, Herr Beck, genau das sind sie.

Es ist ein absurdes Theater. Diejenigen, die vor der Überlastung der Asylsysteme warnen, die falsche Anreize abschaffen wollen, werden von denen verantwortlich gemacht, die genau solche Dramen provozieren. Eine emotionale Asylpolitik wird scheitern und noch mehr Leid verursachen. Emotionen zerstören die Vernunft. Aber genau die wird jetzt benötigt.

Ein Schlauchboot in der Ägäis: Angelockt durch falsche Versprechungen Foto: dpa

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