General Johann Adolf Graf von Kielmansegg (l) 1963 während seines Antrittsbesuchs als NATO-Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte Europa Foto: dpa – Bildarchiv
20. Juli 1944

„Er wollte sein Land retten“

Johann Adolf Graf Kielmansegg überlebte den 20. Juli 1944, schuf die Bundeswehr und deren „Innere Führung“ – die heute in Gefahr ist, warnt sein Sohn Hanno.

General Graf von Kielmansegg, wie würde Ihr Vater den politischen Zustand der Bundeswehr heute wohl beurteilen?

Hanno Graf von Kielmansegg: Oh, ich fürchte, noch viel schärfer als ich.

Inwiefern?

Kielmansegg: Er zählte ja nicht nur zum Kreis jener 15 ehemaligen Offiziere der Wehrmacht, die ab 1950 zu den Gründervätern der Bundeswehr wurden, sondern auch zu jenen fünf, die für die „neue Wehrmacht“, wie es damals noch hieß, die „Innere Führung“ entwickelten.

Also jenes Prinzip der Bundeswehr, nach dem der Soldat nicht mehr nur Befehlsempfänger, sondern auch mündiger „Staatsbürger in Uniform“ sein soll.

Kielmansegg: Der Nationalsozialismus hatte versucht, die eigentlich politisch neutrale Reichswehr – später in Wehrmacht umbenannt und vergrößert – weltanschaulich zu vereinnahmen. Allerdings ohne viel Erfolg. Das Konzept „Innere Führung“ sollte unter anderem dazu beitragen, daß sich ein politischer Vereinnahmungsversuch nicht wiederholt. Heute müssen wir aber erleben, daß die Soldaten immer mehr unter ständiger Beobachtung im Sinne einer politischen Gesinnungskontrolle stehen.

Die Lage ist bestürzend

Daß sie unserem Grundgesetz verpflichtet sind, ist doch nichts Neues.

Kielmansegg: Richtig, aber darum geht es nicht, sondern um die Stigmatisierung politischer Vorstellungen, die heute als „rechts“ bezeichnet und willkürlich mit rechtsextrem gleichgesetzt werden. Dabei definiert ein über die Jahre entstandenes linkes Meinungskartell, vor allem in den Medien, was „rechts“ ist, und mißbraucht den Begriff – über die in der Tat notwendige Bekämpfung des echten Rechtsextremismus hinaus  – als Kampfinstrument, um mißliebige, so zum Beispiel auch konservative Meinungen zu diskriminieren. Das wird auch auf die Bundeswehr und die Polizei angewandt und kann ein Denunziantentum fördern, das jede Gemeinschaft zerstört. Im übrigen ist der deutsche Linksextremismus mindestens ebenso gefährlich wie sein rechter Gegenpart.

Ist die „Innere Führung“ also gescheitert?

Kielmansegg: Nein, da sie ja noch weitere erfolgreiche Aspekte der Menschenführung umfaßt. Dennoch ist die Lage bestürzend. Mein Vater berichtete, daß selbst in der Wehrmacht Offiziere frei kritisch sprechen konnten. In der Regel ohne fürchten zu müssen, von andersdenkenden Kameraden denunziert zu werden.

Wir haben heute also ein falsches Bild von der Wehrmacht?

Kielmansegg: Nicht in allem, aber manchem. So begann, entgegen der Vorstellung der meisten Deutschen heute, der Widerstand gegen Hitler in der Reichswehr schon mit dessen Machtübernahme 1933. Seitdem gab es mehrere Versuche, Hitler abzusetzen und vor Gericht zu stellen, oder, nach Beginn des Krieges, zu töten. Das aber wird den Bürgern kaum vermittelt, so daß sie glauben, der militärische Widerstand habe erst zu spät stattgefunden.

Wie war es tatsächlich?

Kielmansegg: Kaum war Hitler Kanzler, machte der Chef der Heeresleitung Kurt von Hammerstein-Equord, klar, daß Hitler weg müsse. Allerdings unterschätzte er, wie zunächst fast der ganze Widerstand, dessen Skrupellosigkeit. Wer bald darauf nicht mehr im Amt war, war nicht Hitler, sondern Hammerstein. Doch ging der Widerstand weiter – vorläufiger Höhepunkt: Im Sommer 1938 versuchte der Generalstabsschef der Wehrmacht persönlich, Ludwig Beck, politischen Widerstand in der Generalität gegen Hitlers Kriegspläne zu formieren – und trat schließlich aus Protest gegen diese sogar zurück.

Darauf organisierte sein Nachfolger Franz Halder, zusammen mit dem Oberbefehlshaber des Heeres Wal­ther von Brauchitsch und dem Chef des Geheimdienstes der Wehrmacht, Wilhelm Canaris, sowie zahlreichen weiteren hochrangigen Persönlichkeiten, darunter etwa die Generäle Heinrich von Stülpnagel und Erwin von Witzleben, die „Septemberverschwörung“ zur Entmachtung Hitlers. Die aber an der „Appeasementpolitik“ des Auslands in der sogenannten Sudetenkrise im Herbst 1938 scheiterte – Stichwort: „Münchner Abkommen“.

 Hitlers Kriegspläne stießen auf Ablehnung

Warum ist das den Leuten fast unbekannt?

Kielmansegg: Zum einen weil die Fixierung auf die NS-Verbrechen vieles verdeckt. Zum anderen weil die Geschichtsunkenntnis heute allgemein groß ist – bis auf einige spezielle Kapitel, die dem Zeitgeist entsprechen. Alles aber, was dazwischen liegt und nötig ist, um diese Einzelkapitel wirklich verstehen zu können, weil Geschichte ein Kontinuum ist, interessiert fatalerweise kaum. So entstehen historisch falsche, aber leider gängige Bilder. Etwa daß, bis auf ein paar Widerständler, alle den Nationalsozialismus unterstützt hätten – alleine schon weil sie das Schicksal hatten, dem „Tätervolk“ anzugehören. Oder daß die Reichswehr Hitler insgeheim ersehnt und sich einen Krieg gewünscht hätte. Tatsächlich ließ die Reichswehr die NSDAP 1923 sogar zeitweilig verbieten. Und Hitler stieß später zu seiner großen Enttäuschung mit seinen Kriegsplänen in der Generalität weitgehend auf Ablehnung.

Warum sich die Haltung eines Teils der Wehrmacht im Lauf der Zeit doch änderte, lag vor allem daran, daß sie von Hitler bekam, was ihr die Weimarer Republik nicht geben konnte: militärische Handlungsfähigkeit. Wegen der Rüstungsverbote im Versailler Vertrag war die Reichswehr noch schlechter ausgerüstet als heute die Bundeswehr – was etwas heißen will! Und das obwohl Deutschland, anders als heute, nicht nur latent, sondern in der Zeit der Weimarer Republik auch konkret militärisch bedroht wurde – zweimal durch Polen, einmal durch Frankreich. Hitler gestanden die Siegermächte dann zu, was sie seinen demokratischen Vorgängern verweigerten: zu rüsten, wie andere Nationen auch. So erhielt die Reichswehr erstmals, was sie brauchte, um ihren ursprünglichen Auftrag auszuführen: Deutschland verteidigen zu können. Und das wurde allgemein begrüßt.

Ihr Vater trat lange zuvor, 1926, in die Reichswehr ein. Warum?

Kielmansegg: Aus mehreren Gründen, zu denen auch gehört, daß er aus einer Soldatenfamilie stammte, dies also der Tradition der Kielmanseggs entsprach – obwohl er eigentlich erst lieber in die Landwirtschaft wollte. Aber auch, weil nach der Niederlage 1918 und der Knebelung durch den Versailler Vertrag die Frage war, wie die Deutschen ihre Souveränität zurückerlangen und so die Demütigungen und Schäden nach 1918 abschütteln konnten. Für meinen Vater war klar, daß der Reichswehr dabei eine wichtige Rolle zukam.

Er wollte Krieg?

Kielmansegg: Mit Sicherheit nicht.  Eine Armee gehört aber prinzipiell zu den Garanten von Frieden, Sicherheit und Freiheit einer Nation. Auch als Voraussetzung für deren wirtschaftlichen Wohlstand und politische Handlungsfähigkeit. Beispiel: Nach 1918 gab es in einigen Provinzen des Reichs Volksabstimmungen, ob sie künftig lieber zu Deutschland oder Polen gehören wollten. Obwohl das demokratische Votum für Deutschland ausging, kamen sie zu Polen! Weil das besiegte Deutsche Reich außenpolitisch machtlos war.

Der Glaube gab im Halt

Also war sein Motiv Patriotismus?

Kielmansegg: Ja, nicht um sich nationalistisch über andere Nationen zu stellen, sondern um sich geschichtlich und kulturell mit seinem Vaterland zu identifizieren, aus einem Gefühl emotionaler Verbundenheit. Und wenn viele Deutsche damals sagten, Deutschland müsse wieder „groß“ werden, waren damit keine Welteroberungsphantasien gemeint, sondern als Nation unter Nationen wieder in Würde und gleichberechtigt lebensfähig zu werden.

Ihr Vater war schon vor dem Krieg ein guter Kamerad Stauffenbergs. Kam er durch ihn zum Widerstand gegen Hitler?

Kielmansegg: Beide waren Freunde, die sich schon seit der gemeinsamen Offiziersausbildung kannten. Wie genau er zum Widerstand kam, weiß ich nicht. Sie müssen bedenken, daß das Offizierskorps der Reichswehr überwiegend konservativ war, also einem Milieu angehörte, das den Nationalsozialismus als fremd, ja fast feindlich empfand. Mit der Betonung des Vaterländischen durch die Partei konnte man sich zwar identifizieren, nicht aber mit – und das wird heute gerne vergessen: daß die „National-Sozialisten“ nicht zufällig, sondern aus gutem Grund so hießen! – deren zahlreichen sozialistischen Prinzipien, sowie mit ihrem brutalen und totalitären Extremismus überhaupt.

Dazu kamen Erfahrungen wie etwa, daß meinem Vater irgendwann nahegelegt wurde, mit Rücksicht auf seine Karriere besser unseren beliebten jüdischen Hausarzt zu wechseln. Was er aber strickt ablehnte. Auch dürfen Sie nicht vergessen, daß die Leute um Stauffenberg fast alle gläubige Christen waren. Mein Vater etwa betonte, daß er ohne seinen Glauben all die Schrecken von Krieg, Widerstand, Verhaftung, später Gefangenschaft, niemals durchgestanden hätte. Und schließlich ging es ihm natürlich wie Stauffenberg zentral darum, das Unrechtsregime zu beseitigen und sein Land vor dem Untergang zu retten.

Wie konnte er als einer der Wenigen das Scheitern der Erhebung vom 20. Juli 1944  gegen Hitler überleben?

Kielmansegg: Es war ja nicht damit getan, Hitler zu töten. Das war vielmehr nur die – allerdings zwingende – Voraussetzung für den eigentlichen Schlag: nämlich die Regierungsgewalt zu übernehmen. Dafür war auch das Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen in die Hand zu bekommen, das von mindestens zwei Regimentern Sondereinheiten geschützt wurde. Diesen Auftrag hatten die Boeselagerschen Reiterverbände, die zur Heeresgruppe Mitte gehörten. Bei Hitlers Tod sollten sie sofort umdirigiert werden. Dafür brauchten sie aber einen Befehl „von oben“.

Das war die Aufgabe, mit der Stauffenberg meinen Vater betraute, der als Oberst in der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres die Möglichkeit hatte, die Verlegung der Verbände Boeselagers anzuordnen. Vor dem Tod rettete meinen Vater, daß es dazu nie kam: Hitler überlebte, womit der 20. Juli gescheitert war. Anders als Stauffenberg, der vor der Explosion der Zeitbombe nach Berlin geeilt war, um von dort aus die Erhebung zu leiten, und der glaubte, Hitler sei tot, hatte mein Vater Hitler, lädiert aber lebend, in der Wolfsschanze gesehen.

Strafversetzung an die Westfront

Wieso wurde er dann dennoch verhaftet?

Kielmansegg: Weil in Verhören sein Name fiel. Er war sich völlig sicher, nun hingerichtet zu werden. Zu seiner Überraschung blieb seine Rolle aber unentdeckt. Auch weil die Gestapo versäumte, seinen Kalender zu prüfen, in dem er Widerstandsbelange notiert hatte. Dabei lag dieser stets aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch! Was übrigens erneut zeigt, welch kameradschaftliches Vertrauen offenbar unter den Offizieren herrschte. Er vermutete später, daß das Herumliegen der Grund für das Übersehen bei der Durchsuchung war: unmöglich, daß in einem offenen Kalender Belastendes zu finden wäre! Dennoch fürchtete er eine zweite Durchsuchung.

Es gelang ihm, einen Kameraden zu bitten, den Kalender verschwinden zu lassen. Der redete ihm das aber aus: fehle der Kalender plötzlich, könnte die Gestapo eben deshalb mißtrauisch werden – also liegenlassen! Der Trick ging auf. Mein Vater wurde nicht gehängt, sondern nur aus dem Generalstab ausgestoßen und strafversetzt – zum Glück an die Westfront. Doch die Schreie der Gefolterten, die er in Haft mit anhören mußte, und das Bewußtsein jederzeit zum Galgen „abgeholt“ werden zu können, haben ihn noch bis ins Alter verfolgt.

Das heißt, es gab auch keine „Sippenhaft“?

Kielmansegg: Die Verhaftung blieb uns erspart. Doch bekamen unsere Mutter und wir Kinder zwei SS-Aufpasser und Fluchtverbot auf unserem Gut Golzow im Oderbruch. 1945 drohten wir dort Opfer der Front zu werden. Uns rettete die Wehrmacht, die mit der Schlacht auf den Seelower Höhen die Russen aufhielt, so daß zahllose Zivilisten noch fliehen konnten. Ein Wehrmachtsoffizier, der seinen Gefechtsstand bei uns aufschlug, drohte den SS-Männern mit Verhaftung, sollten sie uns nicht gehen lassen, und sorgte für Fahrzeuge, uns nach Westen zu evakuieren.

Während die Deutschen keine Armee mehr wollten, plante Ihr Vater ab 1950 die 1955 aufgestellte Bundeswehr. Warum?

Kielmansegg: Das war keine deutsche Idee, sondern die der Amerikaner, die mit Beginn des Koreakrieges im Juni 1950 von Bundeskanzler Adenauer einen deutschen Verteidigungsbeitrag forderten. An den Einsichten meines Vaters hatte sich allerdings nichts geändert, daß ein Staat ohne eine Armee nicht souverän sein kann! Was allerdings die Idee meines Vaters und seiner Kameraden im „Amt Blank“ – dem Vorläufer des Bundesverteidigungsministeriums – war, war, der neuen Bundeswehr eine demokratische, staatsbürgerliche Gestalt in Form der „Inneren Führung“ zu geben. Daß die dadurch eigentlich garantierte politische und weltanschauliche Autonomie des Soldaten nun erneut durch eine allgemeine Gesinnungsprüfung in Gefahr zu sein scheint, ist bestürzend.

Hanno Graf von Kielmansegg Foto: privat

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Hanno Graf von Kielmansegg, ist der Sohn Johann Adolf Graf Kielmanseggs und Sproß einer alten Soldatenfamilie, die schon in den Befreiungskriegen und bei Waterloo in Dienst stand. Mütterlicherseits zählt der Reformator Philipp Melanchthon zu seinen direkten Vorfahren. Geboren 1935 in Hannover, meldete sich Kielmansegg 1956 zur Bundeswehr, absolvierte als Panzeroffizier die Generalstabsausbildung, diente im Verteidigungsministerium und war zuletzt Chef des Stabes der Nato-Heeresgruppe Nord. 1993 nahm der Generalmajor seinen Abschied.

General Johann Adolf Graf von Kielmansegg (l) 1963 während seines Antrittsbesuchs als NATO-Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte Europa Foto: dpa – Bildarchiv

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