Superwahljahr

 

„Der Terror war kein Zufall“

Herr Professor Nolte, ist die Oktoberrevolution von 1917 ein „vergangenes“ oder ein „gegenwärtiges“ Datum? Nolte: Hier ist eine Differenzierung erforderlich. Wenn es sich um das Regime handelt, das aus der Oktoberrevolution hervorgegangen ist, welche von ernstzunehmenden Autoren als „Putsch gegen die anderen sozialistischen Parteien“ bezeichnet wird, dann muß man von einem vergangenen Datum sprechen, denn selbst wenn die heute existierende Kommunistische Partei in Rußland die Wahlen gewinnen sollte, würde die Sowjet-union Lenins und Stalins nicht wiedererstehen. Und in China würden gläubige Anhänger Mao Tse-tungs mit hoher Wahrscheinlichkeit Worte der schärfsten Mißbilligung für dessen Nachfolger aussprechen. Fazit: Der Kommunismus ist historisch erledigt? Nolte: Der historische des 20. Jahrhunderts ja. Gleichwohl ist das Datum aber auch gegenwärtig, weil der Kommunismus wie der Sozialismus als solcher mit seinen Wurzeln in die älteste und am meisten verbreitete aller Utopien hineinreicht, nämlich daß die Menschheit ein ganz anderes Leben führen sollte, als sie es seit Beginn der Geschichte geführt hat: ein Leben ohne Herrschaft, ohne Hierarchie, Ungleichheit, entfremdende Apparate, Arbeitsteilung, Entpersönlichung usw. Lenin schrieb 1918 in „Staat und Revolution“: „Unser Endziel ist die Abschaffung des Staates, also jeder organisierten und systematischen Gewalt, jeder Gewaltanwendung gegen Menschen überhaupt.“ An anderer Stelle bringt er die Zuversicht zum Ausdruck, daß unter dem Kommunismus alle Menschen nacheinander regieren und sich schließlich daran gewöhnen, daß keiner regiert. Die Gesellschaft der einheitlichen Menschheit wird also nicht, wie in der bisherigen Geschichte, einem Mechanismus oder einer Maschine gleichen, sondern einer harmonischen Familie, in der jedes Glied das Recht auf volle, wenn auch nach den Lebensaltern unterschiedliche Reziprozität hat. Jedermann weiß, daß sich in dem kommunistischen Rußland schon unter Lenin und erst recht unter Stalin eine präzedenzlose Machtkonzentration entwickelte, daß also die Realität außerordentlich weit von der Utopie abwich. Aber es gibt keinen Grund für die Annahme, daß die Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“, dem Utopischen, jemals unter Menschen völlig verschwinden wird. Wie sollte das im 21. Jahrhundert aussehen? Nolte: Gewisse Annäherungen an das Bild der Utopie sind immerhin mit Händen zu greifen: Wer hätte zu Beginn des 20. Jahrhunderts gedacht, daß die für „barbarisch“ erklärten Regionen der außereuropäischen oder außerwestlichen Welt tief verändert zu heute gleichberechtigten Staaten geworden sein könnten, daß die Frauen weithin die volle, also auch politische Gleichberechtigung erstritten haben und daß „Angriffskriege“ überall als verboten gelten – wenn auch die Realität weithin noch eine andere ist? Wenn der Kommunismus so starke und humanistische Wurzeln besitzt, wie konnte er dann zu Regimen des schrecklichsten Terrors führen? Nolte: Gerade aus dem Willen zur Verwirklichung der Utopie resultiert der umfassendste Terror, denn dieser Wille richtet sich gegen diese, die vorhandene Welt. Wenn man sich nicht dem üblichen und allzu bequemen Vorwurf aussetzen will, man stütze sich auf „antikommunistische Hetzliteratur“, genügt es, die glaubwürdigen Worte eines Mannes zu zitieren, der nach tiefbewegenden Erfahrungen zu einer kritischen Einstellung gegenüber dem Enthusiasmus seiner kommunistischen Jugendzeit in der Sowjetunion gelangt war, nämlich Lew Kopelews: „Es war ja alles so einfach und klar“, schreibt er in seinem Buch „Aufbewahren für alle Zeit“, „ich gehörte zur einzigen rechten Partei, war ein Kämpfer in diesem einzig gerechten Krieg für den Sieg der fortgeschrittensten Klasse der Geschichte, und das hieß für das Glück der gesamten Menschheit … Unser großes Ziel war der Sieg des Weltkommunismus; um seinetwillen kann man und muß man lügen, rauben, Hunderttausende, ja Millionen von Menschen vernichten; alle, die diesem Ziel hinderlich im Weg stehen oder im Weg stehen könnten.“ Deshalb empfand er kein Mitleid mit den im Zuge der Kollektivierung verhungernden Bauern oder deren Frauen und Kindern, und erst nach langen Jahren wurde ihm klar, daß er ein kleiner Teil einer „riesenhaften, vielgliedrigen und vielstöckigen, unersättlich gefräßigen Menschenvertilgungsmaschine“ gewesen war, die man nach ihrem bekanntesten Organ den „Gulag“ nennen mag. Übrigens schon Thomas Müntzer hatte das Lebensrecht der „Gottlosen“ bestritten, die Prawda hatte im August 1918 in Anknüpfung an eine alte Maxime geschrieben, die Herrschaft des Kapitals werde erst mit dem letzten Atemzug des letzten Kapitalisten, Adligen, Christen und Offiziers erlöschen, und ganz offiziell war in der Sowjetunion häufig die Rede von den „sterbenden Klassen“, die „wir liquidieren“. Also die Idee einer „politischen Hygiene“ – von der auch heute, zum Beispiel beim „Kampf gegen Rechts“ gern die Rede ist? Nolte: Wer auf der Basis vollkommener Gleichheit die angeblich „rein sittliche“ und „ausbeutungsfreie“ Gesellschaft ins Leben rufen will, muß alle „Sünder“ ausschalten. Der kommunistische Terror ist kein unglücklicher Zufall, sondern eine unerläßliche Forderung beim Versuch einer Realisierung des utopischen Denkens, und insofern selbst die höchste Sittlichkeit, wie es etwa bald nach 1917 eine Zeitung der Tscheka, dem Vorläufer des KGB, zum Ausdruck brachte, die schrieb: „Uns ist alles erlaubt, denn wir sind die ersten in der Welt, die die Gewalt anwenden, um alle Gewalt für immer zu beseitigen.“ Aber hat der Kommunismus nicht auch zu einem enormen Impuls rein friedlichen Charakters für das sozialistische Denken geführt? Nolte: Es ist völlig richtig, daß Frühsozialisten wie Charles Fourier und Robert Owen ihr Reich der die ganze Welt umfassenden „Phalansteren“, also der dorfartigen Idealsiedlungen, bzw. der „villages of unity and cooperation“, der „Dorfgemeinschaften der Gemeinschaftlichkeit und Zusammenarbeit“, durch die Macht des Beispiels und durch die innere Kraft der Überzeugung zur Existenz bringen wollten. Nicht zuletzt von ihnen ging die machtvolle Richtung des „evolutionären Sozialismus“ aus. Doch es stach nur allzusehr ins Auge, daß auf diesem Wege zwar erhebliche Änderungen hervorzurufen waren, daß aber die künftige Existenz des aus einer Revolution hervorgehenden Sozialismus unwahrscheinlich wurde. Der Kommunismus ist daher als „Gewaltsozialismus“ nur ein Zweig des Sozialismus, aber er ist der einzige, der aus seinem Kampf gegen die bisherige Realität innerhalb der nahen Zukunft eine – fundamental verschiedenartige – Realität machen wollte und der insofern einen Vorrang beanspruchen konnte. Was waren die konkreten Voraussetzungen der Machtergreifung des Bolschewismus in Rußland, und kann man tatsächlich dem Marxismus einen großen Teil der Verantwortung zuschreiben? Nolte: Auch hier sind Differenzierungen unumgänglich. Der Marxismus unterscheidet sich von allen anderen Sozialismen dadurch, daß er nicht eine Rückkehr zu früheren oder einfacheren Lebensweisen verlangt, sondern daß er den von allen bekämpften Kapitalismus zur elementaren Voraussetzung des „wissenschaftlichen Sozialismus“ macht und daher eine Rückkehr zum „Urkommunismus“ nur „auf höherer Stufe“ postuliert: Da immer größere Mengen von Menschen durch die kapitalistisch-industrielle Entwicklung zu „Proletariern“ gemacht werden, steht schließlich nur noch ein Häuflein von „Kapitalmagnaten“ der ungeheuren Mehrzahl von Armen und Ausgebeuteten gegenüber, so daß sie gewissermaßen „fortgeschoben“ und zu gutbezahlten Dienern dieser Mehrheit gemacht werden können. Aber in Rußland waren solche Voraussetzungen am wenigsten gegeben, und der „Klassenkampf“ gegen die Struktur und die Spitzen der Gesellschaft mußte zum Krieg gegen eine riesige Minderheit, ja vielleicht sogar gegen die Mehrheit des Volkes werden. Daraus mußten unvorstellbar große Opferzahlen resultieren. In gewisser Weise darf der Bolschewismus daher eine „antimarxistische“ Bewegung genannt werden, doch auch hier ist eine Unterscheidung angebracht: Wenn der Bolschewismus dem Buchstaben oder der Lehre des Marxismus zuwiderhandelte, so befand er sich dennoch im Einklang mit dem „Geist des Marxismus“, wie schon eine Aussage des frühen Friedrich Engels zeigt, der bevorstehende Krieg zwischen den Armen und den Reichen werde „der blutigste Krieg“ der Geschichte sein. Aber die Machtergreifung des Bolschewismus in Rußland wäre nach allem menschlichen Ermessen ohne den Ersten Weltkrieg und die ungeheuren Opfer, die er forderte, nicht möglich gewesen, und in den Augen zahlreicher Menschen war der damalige Bolschewismus ein Teil der „großen Friedenspartei“, und er war ja in der Tat die erste Bewegung, die einen großen Staat zum Friedensschluß zwang. Eben dorther rührt ein großer Teil der Sympathien, die ihm in dieser Zeit zuteil wurden. Wenn man den Blick vom Gehalt des Utopismus, von der Marxschen Lehre und der Frage nach dem Terror abwendet, wie könnte man dann das bezeichnen, worum es in dem Kampf zwischen Kommunismus und Kapitalismus bzw. bürgerlicher Gesellschaft tatsächlich ging? Nolte: In der Gesellschaft des Okzidents hatte sich im Verlauf einer jahrhundertelangen Entwicklung und im Zusammenhang mit den Prozessen der Modernisierung und Säkularisierung die Gesellschaft des „liberalen Systems“ mehr und mehr herausgebildet, in der die verschiedenen Mächte dieser Geschichte wie die Kirchen, Staaten und sozialen Parteiungen zu einem konfliktreichen, aber nicht auf Vernichtung ausgerichteten Zusammenleben gelangt waren. Eine immer stärker hervortretende Rolle spielte dabei die Unternehmerklasse, die sich an den Prinzipien von Rentabilität und Gewinn orientierte und dadurch das am meisten dynamische und vorantreibende, jedoch immer wieder auch scharf kritisierte Element dieser Gesellschaft war. Die Intention des kommunistischen Gewaltsozialismus und eines Teils des evolutionären Sozialismus war die Vernichtung der Unternehmerklasse und damit der kennzeichnendsten und mit ihren Parallelerscheinungen des Bildungs- und Verwaltungsbürgertums unentbehrlichsten Teils dieser Gesellschaft. Der sowjetische Kommunismus war der mächtigste Angriff auf diese Gesellschaft, und seine Vorstellungen von der Ersetzung der Marktwirtschaft durch die Planwirtschaft, des Konkurrenzprinzips durch das egalitäre Prinzip und der ständigen Erzeugung neuer Ungleichheiten durch die unerschütterliche Festigkeit einer elementaren Gleichheit fanden unter Mitgliedern dieser Gesellschaft – und keineswegs nur unter Handarbeitern – nicht wenig an Zustimmung und Sympathie. Daß man dadurch sehr bald nicht in ein Reich der Harmonie und Konfliktlosigkeit, sondern in einen Ozean von Schwierigkeiten und Widersprüchen gelangen würde, war jedoch als dumpfes Empfinden gegenwärtig und stärkte einen Widerstand, der über kein enthusiastisch zu ergreifendes Zukunftsbild verfügte. Prof. Dr. Ernst Nolte gehört zu den großen Geschichtsdenkern des 20. Jahrhunderts. Mit seinem Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“ revolutionierte der Berliner Historiker 1963 das geschichtliche Verständnis vom Nationalsozialismus. Eng verknüpfte er dessen Deutung mit dem Erscheinen des Kommunismus in Europa, dem sich Nolte ebenfalls intensiv widmete. Beide Phänomene faßte er schließlich in seiner Idee von einem „Europäischen Bürgerkrieg 1917 bis 1945“ zusammen. Dabei wird dem Denker im Ausland weit mehr Anerkennung zuteil als in Deutschland, wo seine politisch unkorrekten Thesen ab 1986 – dem Jahr, in dem sich an seinem FAZ-Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ der sogenannte Historikerstreit entzündete – zu einer gewissen Ächtung führten. Geboren wurde Ernst Nolte 1923 in Witten, er verfaßte zahlreiche Bücher, zuletzt erschien: „Geschichte Europas 1848 bis 1918. Von der Märzrevolution bis zum Ende des Ersten Weltkriegs“ (Herbig, 2007). Zu diesem Widerstand ist schließlich auch Hitler zu zählen. Ist der Nationalsozialismus also vor allem als eine Reaktion auf den Kommunismus zu verstehen? Was hat es mit dem Begriff des „jüdischen Bolschewismus“ auf sich? Wie gelingt es dem Kommunismus, sich bis heute einer gründlichen Vergangenheitsbewältigung zu entziehen? Und weshalb entstand nach der Öffnung der Archive ab 1991 – analog zum Antifaschismus nach 1945 – kein neuer Antikommunismus in Europa? Lesen Sie in der kommenden Ausgabe den zweiten Teil des Gesprächs mit Ernst Nolte zum Thema „90 Jahre Oktoberrevolution“. weitere Interview-Partner der JF

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