Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

„Ihr macht einen Fehler“

Herr Rauch, die Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach hat die Schließung einer ganzen Anzahl von Zweigstellen angekündigt. Noch ist zwar nicht bekannt, wie viele und welche Standorte betroffen sind, möglicherweise aber werden bis zu 40 Prozent dichtgemacht. Ist diese Politik aus Sicht einer Kulturnation wie Frankreich akzeptabel? Rauch : Ich muß Ihnen gestehen, daß auch Frankreich Institute schließt. Zur Debatte stehen sieben Häuser, davon drei in Deutschland, nämlich in Frankfurt am Main, Köln und Dresden. Allerdings verfügt Frankreich auch über mehr als 1.000 Institute (siehe Grafik) in aller Welt. Rauch : Das stimmt, Frankreich unterhält das dichteste Netz an Kultureinrichtungen im Ausland weltweit. Allerdings entsprechen davon lediglich etwa 150 – die Institutes françaises und die Centre culturelles als voll vom französischen Außenministerium getragen – den deutschen Goethe-Instituten. Die übrigen in der Alliance française zusammengefaßten Einrichtungen sind dagegen lokaler Natur und werden vom französischen Staat lediglich bezuschußt. Da die Deutschen aber hier nichts Vergleichbares haben, trifft es zu, daß die französische auswärtige Kultur-Infrastruktur wesentlich umfassender ist. Dennoch ist das deutsche Problem ein allgemeines: Man kann solche Netze heute nicht mehr unterhalten. Es ist einfach zu teuer. Kein Geld, also keine Kulturarbeit? Rauch : Wir begehen einen schweren Fehler, wenn wir glauben, unsere Institute einfach so schließen zu können. Die Politik argumentiert gern mit Neuerungen wie dem Internet, die die Institute herkömmlichen Zuschnitts angeblich überflüssig machen. Zudem sei in Europa längst „ein dichtes Gewebe von Kulturkontakten entstanden, von Konzertagenturen, Lesereisenveranstaltern, Kunstmessen, etc. Und braucht man noch eine Präsenzbibliothek, wenn … man Bücher jederzeit per Internet bekommt?“ fragt sich die „FAZ“. Rauch : Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, daß dort wo man versucht, kontinuierliche Präsenz durch virtuelle oder sporadische, „Event“-orientierte Kulturpolitik zu ersetzen, letztendlich die Kontakte mit den Menschen verlorengehen. Das heißt, daß der eigentliche Ertrag der Bemühungen, nämlich sich ein beständiges Publikum zu schaffen, nicht mehr erzielt wird. Präsidentin Limbach spricht davon, „Strukturen abzubauen, um Mittel für künstlerische und literarische Projekte freizubekommen“. Rauch : Die Losung „Projekte statt Strukturen“ wurde bei uns schon ab den siebziger Jahren ausgegeben. Unsere Erfahrungen damit waren aber durchweg negativ. Etwa, weil sich die Zusage, die gesparten Gelder flössen über Projekte zurück in die Kulturarbeit, nur allzu oft als leeres Versprechen erwies. Wenn das Argument schon damals virulent war, dann zeigt das doch, daß es … Rauch : … mitnichten eine Reaktion auf die gegenwärtige Lage darstellt. Eben! Zum Beispiel: Heute machte der Anteil der auswärtigen Kulturpolitik unter 20 Prozent des Gesamtbudgets des französischen Auswärtigen Amtes aus, in den siebziger Jahren waren es noch 50 Prozent. Um diese Kürzung ging es! – Aber selbst wenn einmal Gelder zurückflossen, hat das Konzept nicht funktioniert. Inwiefern? Rauch : Weil nicht nur die vorhergesagte größere Effizienz dieser Art von Kulturpolitik ausblieb, sondern die Methode sich meist gar noch als ineffizienter als die Politik der strukturellen Präsenz erwies. Wenn ich heute europäische Städte besuche, in denen wir diese Politik einst umgesetzt haben, so muß ich leider feststellen, daß von unserer damaligen Arbeit nichts geblieben ist. Kritiker sprechen bezüglich der Strategie „Projekte statt Strukturen“ von einer damit einhergehenden „Reduktion des Kulturbegriffs“. Rauch : Natürlich, wenn man Kultur keinen Ort mehr gibt, an dem sie erfahrbar ist, wo ein „Wind wehen“ kann, eine Atmosphäre herrscht, sondern glaubt, sie allein per „Event“ und Festival vermitteln zu können, so bedeutet das in der Tat eine Reduktion des Kulturbegriffs. Denn Kultur droht damit ihre „physische“ Präsenz zu verlieren und zu reiner Information zu werden, die auf „Bühnen-veranstaltungen“ vermittelt wird. Was ist also die Alternative? Weiter wie bisher? Rauch : Nein, so einfach ist es auch nicht. Man muß feststellen, daß die bisherige Politik der strukturellen Präsenz auch in der Krise steckt. Erstens weil man es in der Tat oftmals versäumt hat, auf Veränderungen im erforderlichen Maße zu reagieren. Ich denke etwa an das Aufkommen alternativer Medien und Kommunikationswege. Überhaupt funktioniert heute die klassische Methode „Wir machen die Tür auf, und die Leute kommen“ nicht mehr. Das Publikum muß heute geworben und gewonnen werden. Lebendigkeit, Offenheit, „auf die Menschen zuzugehen“ sind Faktoren, die heute unverzichtbar sind. Zweitens weil die bisherige Kürzung der Mittel bereits zu einer entscheidenden Erosion der Strukturen geführt hat. Frau Limbach spricht ja nicht nur von „Einschränkung im Institutsnetz“, sondern „vor allem in der Ausstattung der Institute“. Wenn Sie aber ein Institut, das man ursprünglich vielleicht einmal mit 25 Mitarbeitern betrieben hat, nur noch mit zum Beispiel drei unterhalten, dann ist eine entscheidende Qualitätseinbuße unvermeidbar. Ich möchte Ihnen ein Beispiele auf französischer Seite geben: Als ich vor einiger Zeit unser Institut in Dresden besuchte, was fand ich vor? Einen leeren Lesesaal, ein lustlos gestaltetes, unattraktives, graues Interieur, ein verwaistes Institut. Also was wäre dann die richtige Strategie? Rauch : Das Problem ist, daß die einzige richtige Strategie nicht zur Haushaltslage paßt. Die einzig richtige Strategie ist nämlich, die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen und zu reinvestieren! Die Budgets zu erhöhen! Die Institute müßen ausgebaut, erneuert und personell besser ausgestattet werden. Denn Kulturarbeit lebt davon, daß man Menschen aus einem anderen Land treffen kann – nicht nur ihre Bücher. Was die Leute interessiert, ist der lebendige Dialog. Und die Mitarbeiter müssen ihrerseits am Leben der Stadt, des Landes, in dem sie sich befinden, teilnehmen. Die Leute müssen sich zeigen, sie müssen Kontakt aufnehmen, immer mit dabei sein, wenn etwas los ist. Das ist natürlich mit drei Mann nicht zu machen. Offenbar plant Limbach statt dessen laut „Süddeutscher Zeitung“ einen „weitgehenden Rückzug zumindest aus dem westlichen Europa“. Rauch : Der Gedanke, der dahintersteckt, die Aufgabe der Goethe-Institute in Westeuropa sei erledigt, die Karawane zieht weiter, ist absurd. Ich gebe meinem Kollegen Jim Ring vom British Council – dem englischen Pendant zu Goethe-Institut und Institut Français – völlig recht, der in der Presse festgestellt hat: „Diese Aufgabe wird nie erledigt sein. Jede Generation muß neu für den Gedanken des Kulturaustausches gewonnen werden.“ Ganz abgesehen davon, ich sage Ihnen, selbst Deutsche und Franzosen, obgleich sie mittlerweile seit Jahrzehnten über zahllose Kooperationen verbunden sind, wissen fast nichts voneinander! Das gilt sogar für die Elsässer, obwohl es von hier nur ein paar Kilometer bis zur deutschen Grenze sind. Dennoch ist für sie Deutschland im Grunde so weit weg wie ein französisches Überseedepartement. Offensichtlich geht es eben nicht um die Präsentation der Kultur, sondern darum, einen zivilisatorischen Zweck zu erfüllen. Denn die Abkehr von Westeuropa zugunsten des anvisierten islamischen Raums erfolgt laut Limbach gemäß „der vornehmsten Funktion des Goethe-Instituts, dort kulturell zu wirken, wo ein gemeinsamer Verständigungshorizont erarbeitet werden muß, um Konflikte gewaltfrei zu lösen“. Rauch : Auch das ist schon wieder eine Reduktion: Kultur ist ein Eigenwert und kein Mittel zum Zweck. Das scheint mir eine recht amerikanische Vorstellung zu sein: Lebensstil zu exportieren, um Frieden zu erreichen. Kultur ist kein Instrument, um Türen zu öffnen. Man muß vorsichtig sein, wer die weltweite Einigkeit will, hat am Ende gar keine Kultur mehr, weil es keine Unterschiede mehr gibt. Lange Zeit galten die Goethe-Institute für die Franzosen als vorbildlich. Rauch : Ja, wir haben sie immer mit Bewunderung betrachtet. Hell, freundlich, lebendig, gut betreut. Aber etwa Ende der siebziger Jahre schwand unsere Bewunderung. In den Goethe-Instituten begann sich eine ähnliche Trägheit auszubreiten wie die, mit der wir zu kämpfen hatten. Das mag mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu tun gehabt haben, aber auch mit den Inhalten. In den siebziger Jahren gab es mehr Impulse aus Deutschland, in den achtziger und neunziger Jahren wurde alles belangloser. Auf die Frage „Was wollen uns die Deutschen eigentlich mitteilen?“ gab es keine klare Antwort mehr. Die „FAZ“ spricht von einem Kulturangebot der Goethe-Institute zwischen „Deutschpop und Staeckpostkarten“. Also zwischen Belanglosigkeit und politisch korrektem Zeitgeist. Rauch : Es gab wohl verschiedene Gründe, so kam es im Zuge der Anti-RAF-Stimmung zu einer politischen Deckelung der Kulturarbeit durch die Botschaften. Zum anderen, da hat die FAZ wohl recht, langweilte der politisch korrekte Kulturbegriff der Deutschen. Man sprach von „mehr Grass als Goethe“ und dem „linken Studienrat“ als vorherrschendem Funktionärstyp an den Instituten. Rauch : Das Problem der „leicht linken Studienräte“ war, daß sie Kultur vor allem als etwas Harmoniestiftendes und nicht als etwas die Kontroverse Anregendes betrachteten. Es ist ja schön und gut, daß Kultur Grenzen überwinden will, aber wenn damit gemeint ist, Grenzen zum Verschwinden zu bringen, so beraubt sich die Kultur schließlich ihrer eigenen Basis. Auch das ist ein Punkt, der mich am Limbachschen Konzept der Weltbefriedung durch Kultur mißtrauisch macht. Wo soll das hinführen? Wenn am Ende alle wesentlichen Unterschiede verschwunden sein sollen – was ich nicht glaube -, was bleibt dann von der Kultur? „Eine einheitliche ‚europäische Kultur‘ wäre ein Kulturverlust“ Offenbar sieht man in München – Sitz des Goethe-Instituts – keine spezifisch deutsche Kultur mehr, sondern versteht sich als Agentur zur Verbreitung der „westlichen Zivilgesellschaft“. Rauch : Wenn man bedenkt, daß trotz knapperer Mittel dennoch verstärkt – und auf Kosten der Präsenz in Westeuropa! – im Nahen Osten operiert werden soll, so liegt der Verdacht schon nahe, daß es sich nicht um Kultur, sondern um Zivilisierung dreht. Die dem zugrunde liegende Annahme, in Europa sei eine einheitliche Kultur erreicht, halte ich für falsch. Ich glaube nicht, daß es einen endgültigen europäischen Kulturkorpus überhaupt geben kann. Denn Kulturen entwickeln sich nur, wenn sie miteinander konfrontiert werden. Eine einheitliche „europäische Kultur“ wäre also eher ein Kulturverlust. Müßten die Institute also heute versuchen, eher die Unterschiede herauszustreichen? Rauch : Dahinter steht die interessante Frage, ob die Nationalkultur heute noch ein Option oder nur noch ein Fiktion ist. Seit den sechziger Jahren rückten zunehmend eher westliche als speziell deutsche oder französische kulturelle Themen in den Vordergrund unserer Arbeit. Mit der Präsentation der klassischen Nationalkultur konnte man damals kaum mehr Publikum anlocken. Die Leute wollten die neue Perspektive. Natürlich erschöpft sich auch dieser Ansatz irgendwann. Ob darauf eine weitere Neuorientierung oder eine gewisse Wiederentdeckung des Alten folgt, ist schwer zu sagen. Vielleicht stimmt es, daß die klassische Nationalkultur in Europa nicht mehr existiert. Andererseits sollte allen klar sein, daß es durchaus nationale Charakteristika der Kultur gibt. Aufgabe der Kulturpflege in Europa kann nur sein, diese in Kooperation zu erhalten. Es gibt also noch viel zu tun in Europa. Werner Rauch Der Germanist ist Mitglied des zwanzigköpfigen Deutsch-Französischen Kulturrates (DFKR), der 1988 von Helmut Kohl und François Mitterrand zur Koordinierung der deutsch-französischen Kulturarbeit gegründet wurde ( www.hccfa.org/de ). Der langjährige Kulturfunktionär war Kulturrat an französischen Botschaften in verschiedenen europäischen Ländern und Beamter, zuletzt Leiter, der Zentralen Verwaltung für das französische Kulturwesen im Ausland des Pariser Außenministeriums. Geboren wurde der Elsässer 1942 in Straßburg. Foto: Studenten im Goethe-Institut Neu-Delhi: „Das deutsche Konzept der Weltbefriedung macht mißtrauisch“ Foto: Französische und deutsche Kulturpräsenz im Vergleich: „In der Krise“ Der Niedergang des Goethe-Instituts (im Vergleich mit der Alliance Française) Alliance Française: 1081 Institute in 135 Staaten Goethe-Institut: 142 Institute in 80 Staaten Von Schließung bedroht: 40-60 Institute Foto: Französische und deutsche Kulturpräsenz im Vergleich: „In der Krise“ weitere Interview-Partner der JF

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