„Symbol unserer Einheit“

Herr Professor Güttler, am Sonntag wird die Dresdner Frauenkirche geweiht. Damit ist der Wiederaufbau knapp 16 Jahre nach Start der Initiative abgeschlossen. Wie fühlen Sie sich? Güttler: Ich denke an all die Spender und Unterstützer, ohne die der Wiederaufbau niemals möglich gewesen wäre, ohne die wir heute nicht an dieser so wichtigen Station eines so langen Weges angelangt wären. Die Frauenkirche ist ein Gefäß, in dem Hoffnungen und gute Wünsche all der Menschen, die – jeder nach seinen Möglichkeiten – etwas für den Wiederaufbau gegeben haben, zu einer gemeinsamen großen Vision geworden sind. Persönlich empfinde ich Genugtuung. Genugtuung darüber, daß uns dieses Werk gelungen ist, aber auch, daß wir es überhaupt angehen durften. Denn Sie müssen wissen, daß die Idee, die Frauenkirche wiederaufzubauen, älter ist als das konkrete Projekt; schon nach 1945 artikulierte sich der Wunsch nach ihrer Wiedererrichtung. Was sollen die Deutschen empfinden, wenn sie künftig durch die wiederrichtete Frauenkirche schreiten? Güttler: Ich wünsche mir, daß die Frauenkirche sie dazu ermuntert, Mut zu fassen, und sie zu der Überzeugung gelangen läßt, daß es möglich ist, unmöglich erscheinende Herausforderungen anzugehen und zu bewältigen. Ich wünsche mir, daß sie begreifen: Nicht die sogenannten „Sachzwänge“ schaffen die Realität, sondern Wille und Engagement wirken. Die „Sachzwänge“ beherrschen uns nur dann, wenn wir bereit sind, uns von ihnen beherrschen zu lassen. Sehen Sie in der Frauenkirche auch ein Symbol der deutschen Einheit? Güttler: Nicht nur der Einheit, sondern der „Einigkeit“, wie es in unserer Hymne heißt! Sie ist darüber hinaus ein Symbol für Europa, denn sie akzentuiert, daß zukünftige Aufgaben des Kontinents sich weiter nach Osten verlagern. Ihre Bedeutung für Europa ist noch weiter zu fassen durch ihre kulturelle Dimension, denn ihre Steinkuppel steht für die europäische Kuppelbauidee. Der europäische Kirchenbau ist eben auch ein Symbol für die Einheit des christlichen Abendlandes – beginnend bei der Hagia Sophia in Konstantinopel über den Petersdom in Rom, den Dom von Florenz, die Kirche Maria della Salute in Venedig, über Paris und London bis nach Dresden. Werden die meisten Deutschen die Bedeutung aber nicht viel enger fassen und in der Frauenkirche vor allem ein konkretes Symbol für die Katastrophe des Krieges, der Teilung und schließlich der Wiedervereinigung sehen? Güttler: Das ist zutreffend, und diese Deutungen stehen nicht gegeneinander – vielmehr ergänzen sie sich! Sicherlich ist die Frauenkirche eine geeignete Projektionsfläche für Hoffnungen und Zuversicht. Vermutlich so viele, wie es Menschen gibt, die an ihrem Wiederentstehen Anteil nehmen. Und auch ihre kulturelle Dimension steht für die Unteilbarkeit unserer Kultur, denn unsere Musik oder unsere Sprache waren trotz Mauer und Zweistaatlichkeit nie geteilt. Am Wiederaufbau haben Menschen aus aller Welt mitgewirkt. Deshalb ist der Horizont einer symbolischen Interpretation des Wiederaufbaus der Frauenkirche weit zu ziehen – ohne den konkreten nationalen und regionalen Bezug zu vernachlässigen. Über der Kirche ein Kuppelkreuz aus England, in der Kirche das Nagelkreuz von Coventry, unter der Kirche – im Altarraum der sogenannten Unterkirche – der Altartisch des jüdischen Bildhauers Anish Kapoor. Ist ein Symbol der deutschen Einheit heute nur noch umstellt von „Artefakten des Kosmopolitismus“ möglich? Güttler: Auch hier spiegelt sich die „Weltkulturangelegenheit“ Dresdner Frauenkirche wider. Dies alles hat eine eigene Geschichte und ist in einzigartiger Weise mit dem Wiederaufbau verbunden. Was unterscheidet die Frauenkirche als Symbol der deutschen Einheit etwa vom Reichstag oder vom Brandenburger Tor? Güttler: Sie ist im Gegensatz zur Wiederherstellung von Reichstag und Brandenburger Tor primär nicht vom Staat, sondern durch Bürgerengagement wieder aufgebaut worden. Wir haben uns gefragt: „Was kann ich dazu beitragen, daß es gelingt?“ Die Frauenkirche ist so trotz ihres barocken Glanzes ein Symbol der Bescheidenheit und des Dienens. Während Reichstag und Brandenburger Tor – was unvermeidlich in ihrer Natur liegt – einen stärker nach außen gewendeten Anspruch verkörpern. Die Frauenkirche, ein Symbol für Bürgerengagement und Aufbruch? Güttler: Auch das, ein Symbol des Aufbruchs von 1989, der im Wiederaufbau fortlebt. Vielleicht auch Symbol des geschichtlichen Aufbruchs eines Landes, das sich historisch verunsichert fühlt. Und ein Symbol, das uns lehrt, daß wir durch Selbstvertrauen, Kontinuität und Unbeirrbarkeit an der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts mitbauen können, um zu bestehen. Derzeit versucht eine konzertierte Aktion der größten deutschen Medienunternehmen mit einem Millionenbudget, den Deutschen unter dem Motto „Du bist Deutschland!“ via Fernsehspots und Zeitungsanzeigen dieses Selbstvertrauen und diesen Aufbruchsgeist einzuimpfen. Güttler: Das ist lobenswert und sicher notwendig, ich bin jedoch skeptisch, was den Versuch betrifft, die Herzen der Menschen mittels dieser Techniken bewegen zu wollen, die – zu Hause auf dem Sofa sitzend – ihre Gedanken auf Geschichte, Gemeinschaft und Zukunftsfähigkeit richten müßten. Was wäre, wenn es den Wiederaufbau nicht gegeben hätte? Güttler: Das vermag ich mir nicht vorzustellen. Ich befürchte, es hätte ein Fortdauern unseres Verwundetseins bewirkt. Wir wären vermutlich mit der Aussöhnung nicht dahin gelangt, wo wir uns heute dankbar befinden. Als Sie vor fast 16 Jahren mit der Initiative zum Wiederaufbau begonnen haben, gab es sehr viele Gegner und Skeptiker. Güttler: Viele von ihnen haben ihre Ansicht darüber inzwischen verändert oder schweigen. Damals hatten wir neunzig Prozent Ablehnung, heute freuen sich fast alle Menschen, die ich kenne, über die Tatsache und das Gelingen des Wiederaufbaus. Ich erlebe selbst bei ehemaligen Gegnern ein nicht zu verbergendes Angerührtsein, wenn sie die Frauenkirche sehen, bestaunen oder besuchen. Woran lag es, daß man damals mit so vielem heute Selbstverständlichem – nicht nur mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche, ebenso zum Beispiel mit dem Umzug von Bonn nach Berlin – so große Schwierigkeiten hatte? Güttler: Ich bin der Überzeugung, eine der Ursachen ist, daß wir Deutschen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs unser „Sein“ einfach nicht ertragen konnten. So blieb nur das „Haben“ oder „Habenwollen“ übrig. Wir haben versucht, über das „Haben“, auch über Tüchtigkeit, Wohlstand und Lebensstandard, Anerkennung und Identität zu gewinnen. Das hat offenbar einige Zeit funktioniert. Spätestens nach der friedlichen Revolution 1989/90 jedoch drängten die Fragen des verdrängten „Seins“ in unser Bewußtsein mit einer Macht zurück, wie das nur sehr wenige vorher ahnten. Der Wiederaufbau unserer Frauenkirche hinterfragt dieses „Sein“ beziehungsweise „Haben“ von uns Deutschen. Daher zunächst die Schwierigkeiten vieler mit ihrem Wiederaufbau. Haben Sie die Argumente der Wiederaufbaugegner je für stichhaltig gehalten? Güttler: Ich spreche hier nicht von jenen Argumenten wie: „Brauchen wir nicht eher Asphalt als noch eine Kirche?“ Nein, ich spreche von den Ängsten, die aus dem eben angedeuteten Konflikt herrühren. Einiges davon hat mir durchaus nahegelegen, wenn auch nicht entscheidend. Denn natürlich war die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Frauenkirche ein Symbol unseres eigenen Zivilisationsbruches, der, so hoffen wir, durch „Brücken bauen und Versöhnung leben“, das heißt konkret durch Liebe, Opferbereitschaft, Hingabe und Engagement, geheilt werden kann. Wir selbst in der damaligen Bürgerinitiative haben uns gefragt, ob wir Deutsche nach Auschwitz überhaupt das Recht hätten, die Frauenkirche wieder aufzubauen. Diese Gedanken haben uns Wiederaufbau-Befürworter stark bewegt. Aber ihnen nachzugeben hätte bedeutet, die Wunden offenzuhalten. Wofür steht diese Wunden-Metapher? Güttler: Eine geschlossene Wunde bleibt zwar als Narbe auch weiterhin fühl- und sichtbar, aber sie ermöglicht ein Weiterleben. Eine offene Wunde hingegen gestattet keinen neuen Anfang, damit bleibt man krank. Für einen notwendigen Neubeginn mußten wir uns entschließen und über unsere eigenen Schatten springen, wir wären sonst weder zu neuem Leben noch zur Versöhnung fähig, sondern lebten fort im Schatten und Fluch dieser Vergangenheit. Dresden ist das Symbol für das Leid des Bombenkrieges gegen Deutschland, die Frauenkirche wiederum ist das Symbol für dieses Symbol. Welche Rolle spielt das für Sie? Güttler: Wie Sie inzwischen wohl wissen, wurde der Aufbau von britischer und amerikanischer Seite gerade wegen der Zerstörung der Stadt durch britische und amerikanische Bomber tatkräftig unterstützt. Das hat eine neue Realität geschaffen, lebens- und zukunftsfähig. Eine europäische Antwort auf eine deutsche Frage? Güttler: Der Versuch einer menschlichen Antwort auf eine zutiefst menschliche Frage. Ob die Garnisionkirche in Potsdam wiederaufgebaut wird, steht – trotz Grundsteinlegung – auf der Kippe . Ebenso verhält es sich mit dem Berliner Stadtschloß. Warum hat es ausgerechnet in Dresden geklappt? Güttler: In Dresden gab es einen Nukleus, unsere Bürgerinitiative, um die herum sich all diejenigen, die sich beteiligen wollten, aber nicht so guten Mutes waren, gruppieren konnten. So wie aus einem Schneeball eine Lawine werden kann, konnten wir die aufnahmebereiten Menschen begeistern und mitreißen. Wenn solch ein in sich stabiler Nukleus fehlt, wird es sehr schwierig. Symbol der deutschen Einheit, Symbol für Europa, Symbol des Aufbruchs, Symbol für Leid und Versöhnung des Krieges. Ist die Frauenkirche eigentlich auch noch eine Kirche? Güttler: Uneingeschränkt! Und möglicherweise „mehr“ als manch andere Kirche. Ich bin mir sicher, daß sie nicht nur für die Dresdner zuallererst wieder „unsere Frauenkirche“ ist. Moritz Schwarz Prof. Dr. Ludwig Güttler ist Mitgründer und Vorstands-vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche Dresden und Kurator der
Stiftung Frauenkirche. Der Musik-wissenschaftler gilt als einer der besten Solotrompeter der Welt und gründete verschiedene renommierte musikalische Institutionen wie etwa das Leipziger Bach-Kolle-gium, das Kammerorchester Virtuosi Saxoniae oder die deutsch-polnische Chorakademie. Geboren wurde er 1943 in Sosa im Erzgebirge. Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbaus der Frauenkirche: Die im November 1989 als Bürgerinitiative gegründete Gesellschaft hat heute 6.300 Mitglieder in 23 Ländern. Sie sammelte 130 Millionen Euro zur Wiedererrichtung der Frauenkirche, die zu 75 Prozent aus Spenden von Bürgern herrühren. Die 1726 bis 1743 von George Bähr erbaute Sandsteinkirche mit ihrer einmaligen glockenförmigen Kuppel gilt als einer der bedeutendsten protestantischen Sakralbauten des Barock. Am 13. Februar 1945 bei der Vernichtung Dresdens durch alliierte Bomber ausgebrannt, stürzte die Ruine Tage später ein. Der Appell „Ruf aus Dresden“ markierte 1990 die Initiative zur Wiedererrichtung. 1996 begannen, zwei Jahre nach der symbolischen Grundsteinlegung, die Bauarbeiten. Nachdem die Baumaßnahmen bereits im Juni 2004 beendet wurden, findet der fast zehnjährige Wiederaufbau nun am 30. Oktober mit der Kirchweihe seinen endgültigen Abschluß. Kontakt und Informationen: Marienstraße 20, 01067 Dresden, Telefon: 03 51 / 49 81 90 Internet: www.frauenkirche-dresden.org weitere Interview-Partner der JF

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