„Jedes Land richtet sich nach seinen eigenen Überzeugungen“

Herr Kaczynski, laut Umfragen bestehen gute Chancen, daß Sie der nächste Präsident Polens werden könnten. Wohin wird Ihre erste Auslandsreise führen? Nach Berlin, Brüssel, London, Washington oder Moskau? Kaczynski: In Polen wird ein Staatspräsident am 23. Dezember, am Vortag des Heiligen Abend vereidigt. Wenn ich die Wahlen gewinne, so würde ich meine erste Auslandsreise im Winter antreten. Des öfteren fragt man mich danach. Heute aber ist es noch zu früh, definitive Erklärungen zu dieser Frage abzugeben. Ansonsten kämen wichtige Partner Polens ins Spiel, wie etwa Brüssel und Washington, London und Kiew, auch Berlin. Und nicht zu vergessen, daß – obwohl Polen ein weltlicher Staat ist – die polnische Gesellschaft in ihrer überwiegenden Mehrheit katholisch ist. Das bedeutet, daß ein Besuch beim Heiligen Stuhl ebenfalls ins Auge gefaßt werden muß. Polen ist seit 2004 EU-Mitglied. Die EU-Verfassung wurde in Frankreich und den Niederlanden vom Volk abgelehnt. Auch in Polen gibt es eine starke Opposition dagegen – vor allem weil ein Gottesbezug und der Verweis auf christliche Werte fehlen. Wie stehen Sie und Ihre Partei zur EU-Verfassung? Kaczynski: Dies sind absolut nicht die einzigen Gründe des Widerstandes. Ich bin gegen diese Verfassung, weil sie zu weit in Richtung eines Quasi-Superstaates geht. Europa ist kein Einheitsstaat. Ebenfalls fehlt eine einheitliche europäische öffentliche Meinung. Jedes Land richtet sich nach seinen eigenen Überzeugungen. Diese Vielfalt der Meinungen ist Europas Reichtum. Es existiert zudem keine europäische Parteienstruktur, und das, was da ist – wie etwa die europäischen Christdemokraten (EVP) -, fristet, seien wir doch ehrlich, ein virtuelles Dasein. Und drittens stellt diese Verfassung einen Mix von Entscheidungen dar, beschlossen auf der Basis des internationalen Rechtes zwischen den Staaten sowie von Entscheidungen, welche unmittelbar gefaßt werden. Anders gesagt, diese Verfassung würde die Demokratie in Europa dezidiert begrenzen. Ich vertrete ein Volk, welches nach dem Nordischen Krieg in die Abhängigkeit geraten war, um einige Jahrzehnte später – gegen Ende des 18. Jahrhunderts – auch noch seine staatliche Souveränität zu verlieren. Im 20. Jahrhundert erlangte Polen seine Staatlichkeit für 20 Jahre wieder. Widerstand gegen die EU-Verfassung Diese war ihm nach dem Zweiten Weltkrieg zwar nicht abhanden gekommen, doch geriet es in eine neue Abhängigkeit. Die Volksrepublik Polen stellte nur eine eingeschränkte Form des polnischen Staates dar. Polen war freilich durch die Sowjetunion nicht so total unterworfen worden wie zum Beispiel die Ukraine. Sonst hätten wir doch keine private Landwirtschaft gehabt, und die katholische Kirche wäre nicht eine dermaßen starke Organisation gewesen, wie sie es war. Es hätte auch kaum Jugendorganisationen gegeben und eine gewisse Pressefreiheit, die – abgesehen von der Zensur – unvergleichbar größer war als etwa in der Sowjetunion. Es ist selbstverständlich nicht so, daß es Polen nicht gab. Es war da, aber es war abhängig. Mühselig konnten wir dieses leidgeprüfte Land erst 1989 vollständig freikämpfen. Eben darum bin ich dagegen, nach 16 oder 18 Jahren diese Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen. Ich bin über unsere EU-Mitgliedschaft sehr erfreut. Aber die Regulierungen, welche die Union derzeit durchzubringen sucht, liefern einem die Vorstellung dessen, was aus der EU selbst werden könnte. Am 25. Juni 2005 absolvierten Sie einen Treff mit der Sie unterstützenden Jugend. Mit dabei war eine Musikgruppe aus der Ukraine, und ein Vertreter der ukrainischen Organisation Pora („Die Zeit ist gekommen“) bedankte sich bei der PiS für deren tatkräftige Unterstützung der „Orangenen Revolution“ in seinem Land. Die geschichtlich gestörten polnisch-ukrainischen Beziehungen endeten in der Vergangenheit mit vielen nationalen Katastrophen, nicht nur für beide Völker, sondern auch für die ganze Region. Wie ist Ihre Vision dieser Beziehungen, falls Sie zum Staatspräsidenten gewählt werden? Kaczynski: Im dramatischsten Augenblick der „Orangenen Revolution“ befand ich mich mit meinem Bruder in Kiew, und die PiS leistete einen enormen Beitrag zur Unterstützung dieser gerechten Sache. Damit trugen wir wesentlich zur Verbesserung der gutnachbarlichen Beziehungen bei. Als eine Art Interessenvertreter der Ukraine bei der EU möchte Polen dieses Land als Mitglied der Nato und der EU sehen. Eine ähnliche Rolle spielte ja Deutschland während der Regierungszeit von Helmut Kohl uns Polen gegenüber. Das haben wir nicht vergessen. In der weiteren Perspektive sähen wir deshalb auch gerne solche Länder wie Moldawien und Georgien mit dabei. Und vielleicht irgendwann, das möchte ich hoffen, Weißrußland. Bereits im Juni 2003 wurden 5.236 Anträge der jüdischen Organisationen, vor allem aus den USA, bei den polnischen Behörden gestellt, welche die Rückgabe bzw. die Entschädigungen für den Verlust des jüdischen Eigentums fordern. 200 Anträge wurden übernommen und 406 abgeschlossen. Der amtierende Außenminister Adam Rotfeld hat erklärt, eine vollständige Erfüllung der gestellten Forderungen komme für Polen einem Staatsbankrott gleich. Was geschieht mit den übriggebliebenen Fällen, wenn Ihre Partei regieren sollte? Kaczynski: Das Problem ist für uns außerordentlich schwierig. Denn in der Tat, allein in Warschau gehörten bis zu 30 Prozent des Eigentums den Juden. Die Lage der Personen, deren jüdische Vorfahren vor dem Krieg polnische Staatsbürger waren, unterscheidet sich kaum von jener der Polen. Über 20.000 Rückforderungsanträge warten derzeit allein in Warschau auf ihre Erledigung. Und wie viele davon sind wir imstande abzuwickeln? 200 bis 300 pro Jahr. Daraus ergibt sich ein ungewöhnlich komplexes rechtliches Dilemma. Diejenigen Personen, welche mit Polen reell verbunden waren – denn nur von diesen Juden ist die Rede -, werden identisch behandelt wie polnische Staatsbürger. Lapidar gesagt, die Juden, deren Ahnen Polen waren, genießen gleiche Rechte wie alle Polen. Gleichwohl bleibt das Problem der Reprivatisierungen hierzulande bestehen. Unser Staat ist überfordert, er ist außerstande, alles zu reprivatisieren. Das ist schlicht unmöglich. Diesen Gordischen Knoten wollen wir selbstverständlich lösen. Nur weiß ich im Moment noch nicht genau, wie und auf welchen Grundlagen. Hervorzuheben ist hingegen eine markante Verbesserung des polnisch-jüdischen Verhältnisses, wobei ich zu den Politikern gehöre, welche darum sehr besorgt sind, damit diese Verbesserung wirklich anhält. Das angeschnittene Problem ist jedoch etwas, was dieser positiven Entwicklung nicht dienlich ist. Ergo geht meine Hoffnung in Richtung eines Kompromisses. Keine Chancen für Ansprüche von deutschen Vertriebenen Die Preußische Treuhand GmbH & Co. KG a. A. vertritt die Vermögensansprüchen enteigneter Deutscher in den deutschen Ostgebieten, die heute zu Polen und zur Tschechei gehören. Diese private Initiative wird aber weder von der Bundesregierung noch von der Opposition unterstützt. Eine offizielle polnische Fachkommission bezifferte hingegen die unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg verursachten Schäden an Warschau auf über 45 Milliarden Dollar. Werden diese Entschädigungsforderungen an Deutschland von Ihnen, dem möglichen Staatschef Polens, aufrechterhalten? Könnte das nicht das Verhältnis zu Deutschland beeinträchtigen? Kaczynski: Darüber habe ich mich kürzlich in der Frankfurter Allgemeine Zeitung ausführlich geäußert. An sich ist die Sache sehr simpel. Wenn die Deutschen uns garantieren, daß auf Destabilisierungsversuche der Lage in den westlichen und nördlichen Gebieten, welche ein Drittel des polnischen Territoriums ausmachen, verzichtet wird; wenn man die chancenlosen Eigentumsansprüche in diesen Gebieten, welche sich seit drei Generationen in polnischer Hand befinden, fallenläßt, dann sind wir unsererseits auch bereit, keine Ansprüche geltend zu machen. Unsere Handlungen, obwohl energisch, sind vom Charakter her defensiv, nicht händelsüchtig. Nach den derzeitigen Umfragen heißt die künftige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eine CDU-geführte Regierung plant auch in der Außenpolitik eine Wende: Weg von der „Anti-Irakkriegs-Achse“ Paris-Berlin-Moskau, hin zu einem engeren Verhältnis zu Washington, London und Warschau. Kaczynski: Die Formulierung „engeres Verhältnis“ hat mich amüsiert. Ich kann sagen, daß aus dem polnischen Blickwinkel heraus die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland bereits seit einigen Jahrhunderten „eng“ gewesen sind. Gewiß freue ich mich darüber, daß Deutschland den antiamerikanischen Kurs verlassen möchte. Das bewerte ich als positiv. Wir sind durchaus zu einem Gespräch mit Deutschland hinsichtlich engerer Beziehungen bereit. Dies jedoch unter der Bedingung, daß diese keine oben erwähnten Destabilisierungsaktionen begleiten dürfen. Wir wollen in einem stabilen Land leben. In absehbarer Zukunft werden die Deutschen bei uns problemlos Liegenschaften kaufen können. Und umgekehrt steht uns in Deutschland das gleiche Recht zu. Aber die Provokationen durch anhaltende Ansprüche von deutscher Seite können wir keineswegs hinnehmen. Die Lage ist gefährlich. Auch für die wirtschaftliche Entwicklung dieser Gebiete stellt sie eine Bedrohung dar. Die dort ansässigen Menschen schätzen sie dementsprechend ein, sie sind vorsichtig. Unsere Gesellschaft ist bürgerlicher geworden, zwar noch nicht auf dem deutschen Niveau, aber doch. Und viele machen sich hier begreifliche Gedanken darüber, beispielsweise, warum soll ich hier eine Investition wagen, wenn sich irgendwann in zehn Jahren herausstellen sollte, daß das, was ich erbaut habe, zwar mir gehört, das Grundstück, auf dem es steht, aber jemandem anderen. Die Bedingung für „engere“, das heißt sehr nahe Beziehungen zu Deutschland bleibt, wie schon erwähnt wurde, eine endgültige Beilegung dieser leidigen Geschichte. Eine künftige polnische Regierung ist nicht nur auf die PiS und die liberal-konservative PO angewiesen, sondern braucht zur Mehrheit einen dritten Partner. Die LPR gilt in Berlin und Brüssel jedoch als „rechtsextrem“, die Samoobrona als radikal und „linkspopulistisch“. Mit wem können Sie sich eine Koalition vorstellen? Kaczynski: Hier stellen Sie eine sehr schwierige Frage. Die durchgeführten Umfragen bestätigen einhellig, daß unsere Stimmenzahl ausreichen würde, um eine Regierung mit der PO zu bilden. Sollte sich jedoch herausstellen, daß wir noch einen weiteren Koalitionspartner benötigen, dann entstünde ein ernsthaftes Problem. Am 11. Juni 2005 fand in Warschau die „Parade der Gleichheit“, eine Demonstration der polnischen Schwulen und Lesben, statt. Diese Veranstaltung haben Sie als Bürgermeister von Warschau untersagt. Das wurde in Polen, etwa vom Polnischen Verband der Jüdischen Studenten (Czulent), wie auch international scharf kritisiert und als Affront gegen Toleranz und Weltoffenheit gewertet. Wollen Sie diesen Kurs auch als Staatspräsident beibehalten? Kaczynski: Ich habe beste Beziehungen mit der jüdischen Gemeinschaft in Polen. Nicht zuletzt dank meiner Entscheidungen wurden weitgehende Widerstände überwunden, die einer Schaffung des Museums der Polnischen Juden, wo die 800jährige Geschichte des Judentums in unserem Lande gezeigt wird, entgegenstanden. Eine andere Sache ist das, was sich gegenwärtig etwa in Berlin abspielt – der Christopher Street Day beispielsweise -, dies ist eine Sackgasse unserer Zivilisation. Keine Frage, diese Zivilisation vollbrachte große Errungenschaften. Sie hat aber auch ihre Irrwege. Die Förderung der Homosexualität ist eine solche Sackgasse. Was wollen Sie dagegen unternehmen? Kaczynski: Ich bin nicht der Ansicht, daß Personen mit homosexueller Neigung verfolgt werden sollten. Im Kreise meiner Freunde zum Beispiel gibt es so eine Person, die eine sehr hohe gesellschaftliche Position bekleidet. Über die homosexuelle Neigung dieser Person, mit welcher ich schon lange Zeit sehr nahe Bekanntschaft pflege, erfuhr ich erst nach vielen Jahren. Dieser Mann arbeitet in unserer Gesellschaft tadellos, er ist obendrein noch ein guter Kollege und Freund. So sehe ich an dieser Stelle überhaupt kein Problem. In Deutschland ist der Regierende Bürgermeister von Berlin ein Schwuler, welcher seine sexuellen Neigungen offen darlegt. Offensichtlich wollten die Wähler so eine Person. Sie sind also tolerant gegen Homosexuelle? Kaczynski: Die Propagierung der Homosexualität ist eine ganz andere Sache. Während meiner Schulzeit arbeitete in unserer Schule ein Arzt, der später zum Professor für diese Fragen beordert wurde. Er lehrte uns, daß unter Männern nicht selten Individuen mit diesbezüglich wankelmütigen Verhaltensweisen vorkommen. Daß es Menschen gibt, die von Natur aus homosexuell sind. Punkt. Ende. Trotzdem könnte ich mir nur mit Mühe eine Zivilisation vorstellen, in der die Homosexuellen die Bevölkerungsmehrheit ausmachen würden. Die andere Seite der Medaille ist die, daß man von der Diskriminierung der Schwulen absehen sollte, zum Beispiel durch Behinderungen in der beruflichen Karriere oder Ausgrenzung in puncto zwischenmenschlicher Beziehungen. Ich gehe ganz einfach davon aus, daß die Homosexualität nicht eine Tugend ist, die man unbedingt zur Schau stellen sollte, weil die sexuelle Sphäre des Menschen, meine ich, nicht über das Wesen des Lebens bestimmen darf. Polen hat die höchste Arbeitslosenzahl innerhalb der EU. Die soziale Frage ist eines der zentralen Wahlkampfthemen. Was wollen Sie dagegen unternehmen? Kaczynski: Was ich auf diese Frage antworten möchte, spiegelt meine persönliche Ansicht, nicht die der Partei wider. Ich meine, daß wir in Polen die Investitionsanreize mit einer bestimmten Form von Investitionsbegünstigungen verbinden müssen. Dies freilich ist aber erst dann möglich, wenn man der Korruption das Rückgrat bricht. Darüber bin ich mir im klaren. Das ist unerläßlich, um potentiellen Betrügern einen Riegel vorzuschieben. Tun wir das nicht, so werden sie weiterhin begünstigt sein – ohne dafür etwas leisten zu müssen. Die Praktiken sind uns zur Genüge bekannt! Investitionsanreize und Kampf gegen Kriminalität In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erfaßte unser Land ein großer Konsumoptimismus. Es gab ein Jahr, in dem die Polen die größte Anzahl von Autos in Europa gekauft haben! Obwohl wir nicht zu den reichsten Ländern zählten. Parallel dazu blühte die Investitionsbegeisterung. Schließlich aber trat eine Art wirtschaftlicher Abkühlung ein, und die Menschen wurden sehr vorsichtig. Vergessen Sie bitte nicht den Umstand, daß die polnische Gesellschaft erst dabei ist, den Kapitalismus zu erlernen. Und sie findet an ihm großen Gefallen. So gibt es in Polen 2,5 Millionen Unternehmen. Für ein Land mit 38 Millionen Menschen ist das sehr viel. Übrigens wollen die meisten Polen ihre eigene Firma haben, quasi selber Chef zu sein. In dieser Hinsicht sind Polen Individualisten. Ich hingegen bin mein Leben lang Angestellter gewesen. Das stört mich nicht. Aber viele meiner Landsleute empfinden das als hinderlich. Sie erklären auf Ihrer Internet-Seite ( www.lechkaczynski.pl ): „Der Staat darf nicht tatenlos dem Banditentum in unseren Städten und Dörfern zusehen und auch nicht die größte Schande der Dritten Republik, den Kinderhunger, hinnehmen!“ Wie wollen Sie dem konkret beikommen? Kaczynski: Wenn es um den Kampf gegen das Banditentum bzw. die Kriminalität geht, bleibt meine Antwort eindeutig: Ich erachte es für zweckmäßig, daß zu einem der wichtigsten Komponenten dieses Kampfes die Verstärkung der Ordnungsmacht gehört. Ein Muster hierzu liefert die Stadt Warschau, wo die sogenannte Stadtwacht gründlich reformiert wurde. Diese Organisation bildet eine Art Hilfspolizei. Die erwähnte Einrichtung bescherte uns rasche Erfolge, die sich sehen lassen können: Während noch vor zweieinhalb Jahren von zehn Hilferufen bei der Polizei höchstens zwei auf die Stadtwacht entfielen, ist es heute vollständig umgekehrt. In Polen wenden wir ein sehr restriktives Strafmaß für kleine wirtschaftliche Delikte an. Verbrechen gegen die Person behandeln wir dagegen mit übertriebener Milde. Diese Strafrechtstradition, die primär dem Schutz des Eigentums und weniger der Person gilt, ist eine deutsche Tradition. Die Umstellung unseres Strafrechtssystems auf eine höhere Wertung der Person bedeutet selbstverständlich auch eine ständige Arbeit an der Beschleunigung und Effektivitätssteigerung der Rechtsprechung. In dieser Hinsicht war in den letzten fünf Jahren wesentlicher Fortschritt zu verzeichnen. Nichtsdestotrotz ist das noch nicht ausreichend. Was plant Ihre Partei konkret? Kaczynski: Die PiS geht davon aus, daß der Schutz des Bürgers zur Grundpflicht des Staates gehört. Und gerade das wollen wir in der Verfassung verankert haben. Im postkommunistischen Polen sah man das Gesetz lange als eine Institution an, die den Bürger vor dem Staat schützen sollte. Dies war eine nachvollziehbare Reaktion auf die kommunistische Ära. Doch man darf sich nicht andauernd auf die Vergangenheit berufen. Der Durchschnittsbürger wird heutzutage ja viel häufiger dem fehlbaren Verhalten seiner Mitbürger ausgesetzt als jenem der Beamten oder des Staates. Daraus ergibt sich die Schlußfolgerung, welche nicht nur in Polen, sondern auch in den übrigen europäischen Ländern in Betracht gezogen werden sollte, nämlich, ob wir es hier nicht mit einer überbordenden Konzentration auf die Rechte der Täter und nicht der Geschädigten zu tun haben? Diese neuzeitliche Denkweise in der europäischen Kultur gilt es zu ändern. Darum hält man uns auch mitunter für radikal. Abgesehen davon bleiben wir Anhänger der freien Marktwirtschaft, wohlwissend, daß auch dieses System an sich keine Rezepte gegen alle Probleme bietet. Wir sind gegen die, wie ich sie nenne, liberale Utopie. Ihre Partei fordert angesichts der grassierenden Kriminalität die Wiedereinführung der Todesstrafe. Das verstieße aber gegen Europarats- und EU-Beschlüsse. Halten Sie dennoch an dieser Forderung fest? Kaczynski: Ja. Ich und mein Bruder Jaroslaw (einer der Regierungschefkandidaten) sind Anhänger der Todesstrafe – aber nur für Mord. Dieses Vorhaben zu verwirklichen, wird allerdings nicht leicht werden, dessen bin ich mir bewußt. In Europa gibt es bekanntlich bereits Konventionen, welche die Anwendung dieses Strafmaßes sogar während des Krieges verbieten. Die kommunistische Vergangenheit ist in Polen noch nicht bewältigt. Wie wollen Sie mit den KP-Schergen umgehen? Kaczynski: Die Unterlassung der Bestrafung der betroffenen Personen gehört zu den größten Fehlern, welche die Dritte Republik begangen hat. Das Konzept der mündlichen Abmachungen (zwischen Vertretern der kommunistischen Regierung und der demokratischen Opposition) entbehrte doch jeglicher Moral- und Rechtstitel. Unwahr ist ebenfalls, es seien irgendwelche geheimen Vereinbarungen am Runden Tisch (6. Februar bis zum 5. April 1989) getroffen worden. Dies verneine ich als Beteiligter aller dieser Sitzungen in Magdalenka (bei Warschau). Erst Jahre später entstand so eine beschämende Abmachung, welche die Täter de facto ihrer Verantwortung enthoben hat. Das war also ein Fehler? Kaczynski: Auf diese Weise sind die nun „Unschuldigen“ im neuen politischen System zur Gruppe der Privilegierten emporgestiegen. Man hat nur, könnte man sagen, die Macht gegen das Eigentum getauscht. Diesen Fehler kritisierte mein Bruder Jaroslaw, welcher dafür zur Zielscheibe brutaler politischer Angriffe wurde. Und nun tobt in dieser Frage der Endkampf. Die Präsidentschaftskandidatur eines „Sozitechnikers“, wie ich sie nenne, nämlich die von Ex-Premier und Sejm-Präsident Wlodzimierz Cimoszewicz, wird mit aller Gewalt forciert: eines Menschen, der sozusagen als Garant dieser unglücklichen Abmachung gegolten hat. Fotos: Warschauer Königsschloß – Kellerräume im Jahr 1972 vor dem Wiederaufbau (l.), Juli 2005 (r.): „In kurzer Zeit wurde die Sache des Wiederaufbaus zur Sache aller Polen. Und in nur vierjähriger Bauzeit entstand es wie aus dem Nichts auf seinem alten Platz. Darüber freue ich mich riesig.“ In Berlin wird seit 1990 über den Wiederaufbau des Stadtschlosses gestritten. In der Partnerstadt Warschau ist das schon seit langem Realität. Anfang der siebziger Jahre wurde das imposanteste Objekt der Warschauer Altstadt, das Königsschloß, buchstäblich aus der Asche erhoben. Wie haben Sie das in Warschau geschafft? Kaczynski: Das durch die deutsche Besatzungsmacht in die Luft gesprengte Königsschloß haben wir vor 35 Jahren wieder aufgebaut. Das heißt, viel später als etwa der Stadtteil Starowka (Warschauer Altstadt). Lediglich ein kleines Fragment der Ostwand des berühmten Bauwerks ragte nochaus der Bresche der ausradierten architektonischen Ganzheit dieses Stadtteils. Das Schloß symbolisierte die glorreiche königliche Vergangenheit, aber auch die Zweite Republik, hier befand sich ihr Regierungssitz. Aufgrund der immensen Kosten, welche der Wiederaufbau des Schlosses verschlingen würde, hat man ihn zunächst verworfen. Aber es kam anders. Der damalige Parteichef Edward Gierek, der offensichtlich um die Sympathie des Volkes warb, hatte einen Vorschlag gemacht: Alle sollten sozusagen freiwillig einen persönlichen Beitrag in Form eines symbolischen „Cegielka“ (Ziegelstein) für den Wiederaufbau des Schlosses leisten. Auch ich entrichtete meine Cegielka-Spenden fleißig jeden Monat. In kurzer Zeit wurde die Sache des Wiederaufbaus zur Sache aller Polen. Und in nur vierjähriger Bauzeit erstand es wie aus dem Nichts auf seinem alten Platz. Darüber freue ich mich riesig. Ob aber ein ähnliches Unternehmen heute noch möglich wäre, da man mit Ausgaben, Investitionen und dergleichen penibel rechnen muß, bezweifle ich. Denn damals hat man auf die Kosten keine Rücksicht genommen. Andererseits wollen wir weitere im Krieg zerstörte Paläste sowie Stadtfragmente in neuem Glanz wiedererstehen lassen. Unsere Stadt soll attraktiv werden. Der Wiederaufbau nimmt jedoch viele Jahre in Anspruch, und unser Polen muß dazu wohlhabender werden. Aber den Wiederaufbau dieser Objekte wollen wir auf jeden Fall. Danach streben wir. Damit unsere Stadt und unser Land dann noch schöner aussehen werden!

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