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Der Richter

Stephan Fritz hat es in den vergangenen Wochen zu einiger Prominenz gebracht. Der 44jährige evangelische Theologe ist seit dem Jahr 2000 Pfarrer der wiedererrichteten Frauenkirche in Dresden. Damit betreut er nicht nur wie andere Geistliche eine Gemeinde, er ist quasi auch Hausherr eines bedeutenden Denkmals: Das Gotteshaus steht wie kein anderes symbolisch für die Zerstörung der Stadt in jenem verheerenden Bombenhagel, der vor sechzig Jahren das „Elbflorenz“, seine Kunstschätze und vor allem eine Vielzahl seiner Bewohner vernichtete. Es steht auch für eine imposante Wiederaufbauleistung; für den Versuch, die Verheerungen des Krieges abzumildern, steht für Gedenken an die Opfer und den Gedanken der Versöhnung. Fritz, der nach seinem Studium an den Kirchlichen Hochschulen in Leipzig und Berlin 1986 die Ordination der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsen erhielt und in Dresden bereits als Studentenpfarrer tätig war, erscheint in seiner jetzigen Funktion ohne Zweifel mit Recht in Zeitungsartikeln, in denen es um die aktuellen Gedenkfeiern zum 13. Februar geht. „Berühmtheit“ erlangte er jedoch ausgerechnet mit einem Satz, der weder dem Ereignis noch denen, die es erleiden mußten, gerecht wird: „Dresden war keine unschuldige Stadt, sondern eine Nazi-Stadt wie alle anderen“, zitiert der Spiegel Fritz, der die Gedenkkultur der Stadt – „selbstverliebt in das eigene Unglück“ – kritisch „hinterfragen“ möchte. Was will er uns damit sagen? Fühlt sich der aus der DDR-Friedensbewegung entwachsene Theologe zum würdigen Nachfolger des Propheten Jeremia berufen, der im Namen des Herrn das Schicksal Jerusalems deutete: „Siehe, ich will über diese Stadt und über alle ihre Städte all das Unglück kommen lassen, das ich wider sie geredet habe, darum daß sie halsstarrig sind …“ (Jer 19,15) – Bomber nicht als Instrumente einer Kriegspartei, sondern Vollstrecker eines Gottesgerichts? Oder legt Pfarrer Fritz nur, gut lutherisch, für die Bewohner der Elbmetropole den Maßstab an, der für uns alle gilt: „daß unser Fleisch natürlich bös ist“? Mit seinem Votum hat der Pastor der Frauenkirche einen Allgemeinplatz von sich gegeben, ohne zu erklären, wie er den Grad des Nazitums oder der Schuld einer Stadt beziehungsweise ihrer Bewohner bemißt; sein Subtext erinnert fatal an Thesen wie „Deutsche Täter sind keine Opfer“ oder das Unwort vom „Tätervolk“. Sicherlich sollte ein guter Hirte neben tröstlichen auch ermahnende Worte an seine Schäfchen richten. Manchmal ist jedoch auch das Schweigen besser; in jedem Fall alternativ zu einer Predigt, die bloß politisch wohlfeil, historisch unzutreffend und moralisch bedenklich daherkommt. Ein Blick in den Petrusbrief hätte Pfarrer Fritz vor seiner törichten Stellungnahme bewahrt: „Denn wer leben will und gute Tage sehen, der hüte seine Zunge, daß sie nichts Böses rede und seine Lippen, daß sie nicht trügen“ (1. Petr 3,10).

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