„Zorn über Frankreich und Deutschland“

Herr Dunleavy, warum akzeptieren Sie nicht, daß Europa politisch erwachsen wird und Deutschland seit der Wiedervereinigung kein Wurmfortsatz der USA mehr ist? Dunleavy: War Deutschland denn je ein Wurmfortsatz der USA? Wenn ich Deutschland heute betrachte, dann sehe ich, daß es in der Tat politisch nicht mehr so alt ist wie früher: Es ist jünger geworden, nicht älter! Kindisch, nicht erwachsen! Das ist um so beunruhigender, da ich mich in Deutschland immer wohlgefühlt, dort stets viel Herzlichkeit erfahren habe. Sie haben in einer Reihe von Leitartikeln (siehe Bild) Deutschland und vor allem Frankreich geschmäht. Finden Sie das angemessen? Dunleavy: Finden Sie es angemessen, daß Frankreich nichts tut, als für Saddam Hussein Zeit zu schinden, indem es täuscht und betrügt!? In Frankreich liegen 60.000 US-Soldaten begraben, die ihr Leben 1917/18 für die Freiheit Frankreichs gegeben haben. Und finden Sie es angemessen, daß Deutschland die Nato blockiert und der Türkei die Mittel zur Selbstverteidigung vorenthält? Was denken sich die Deutschen dabei? Wir haben am Samstag die Bilder der anti-amerikanischen Demonstration am Brandenburger Tor gesehen und wir fragen uns: Wo hätten Sie am Samstag demonstriert, wenn Ronald Reagan nicht Herrn Gorbatschow aufgefordert hätte, dieses Tor zu öffnen? Das „Wall Street Journal“ beschimpft Jacques Chirac als „Pygmäe“, die „New York Times“ veröffentlicht ein Wörterbuch der Frankophobie und Fox-TV-Moderator Charles Krauthammer fordert „Hiebe für Frankreich und Deutschland“, weil sie die USA „provoziert, behindert und geschwächt“ hätten. Eine antieuropäische Welle? Dunleavy: Nein, nicht antieuropäisch, sondern Zorn über Frankreich und Deutschland. Der Umsatz typisch französischer Import-Produkte wie Wein und Käse ist in den USA in den vergangenen zwei Wochen um sage und schreibe 15 Prozent gefallen, und ich kann mir gut vorstellen, daß das gleiche Schicksal nun auch deutschen Markenprodukten wie Mercedes-Benz oder Volkswagen droht! Fordern Sie auch politische Konsequenzen gegen Deutschland? Dunleavy: Nein, aber ich befürworte es, wenn die amerikanischen Bürger Euch Deutschen zeigen, das es so nicht geht. Die meisten Menschen rund um den Globus teilen nicht die Weltsicht der Amerikaner. Die USA repräsentieren also mitnichten die internationale Gemeinschaft. Wie können Sie dann darauf beharren, Ihren Krieg gegen den Irak im Interesse aller zu führen? Dunleavy: Wir rechtfertigen uns nicht im Namen der Weltöffentlichkeit. Nein, nach der Erfahrung des Angriffs auf das Welthandelszentrum verteidigen wir uns nur selbst. Warum verstecken Sie sich dann hinter der Uno? Dunleavy: Wir verstecken uns nicht im mindesten! Frankreich und Deutschland verstecken sich dort! Wir brauchen keine zweite Resolution, warum achten Paris und Berlin nicht einfach die bestehende Resolution!? Saddam macht die Uno zu einem zweiten Völkerbund und Sie lassen das zu! Uns interessiert die Uno nicht mehr die Bohne, wenn Präsident Bush es für richtig hält, im Irak einzumarschieren, dann tut er das einfach! Das Uno-Gebäude in New York ist eine Festung der Feiglinge, die nichts tun, als die USA zu kritisieren und gegen uns zu arbeiten – feine Gäste! Sie halten sie für undankbar und feige, ebenso wie die Franzosen und Deutschen? Dunleavy: Bei den Franzosen besteht kein Zweifel, die französischen Soldaten lernen doch schon in der Ausbildung, wie man sich ergibt! Die Deutschen sind auch nicht kampfeslustig. Dunleavy: Ja, aber ihr habt auch den Krieg verloren, und wir haben nicht Deutschland befreit, sondern Frankreich. Fürchten die Amerikaner eine neue Euro-Achse Paris-Berlin-Moskau? Dunleavy: Machen Sie Späße? Ganz offensichtlich sehnt Ihr Euch nach alter Größe, aber davor haben wir bestimmt keine Angst. Im Gegenteil, darüber lachen wir uns kaputt. Ihre Achse ist doch schlicht ein Witz! Bedarf es eines neuen US-Imperialismus in dieser Welt der Schurken und Feiglinge? Dunleavy: Was heißt da „neu“? Ich kann mich an einen französischen Imperialismus erinnern, nicht aber an einen amerikanischen. Eine globale Monroe-Doktrin, die die Welt zum Hinterhof der USA macht. Dunleavy: Mißbrauchen Sie nicht geschichtliche Fachbegriffe! Kein Amerikaner wünscht sich ein US-Imperium, welcher Trottel hat Ihnen das erzählt? Steve Dunleavy ist Kolumnist und Leitartikler der Boulevardzeitung New York Post. Geboren 1938 in Sydney, schreibt der australische Print- und TV-Journalist seit 1966 für den US-Medienzar Rupert Murdoch. Dunleavy, nach eigenem Bekunden „unbedingter US-Patriot“, wetterte in diesen Tagen wiederholt gegen das „alte Europa“. weitere Interview-Partner der JF

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