Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Retter in der Not

Die erste Etappe seiner großen Aufräumarbeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scheint der neue Aufsichtsratsvorsitzende und Chefsanierer Wolfgang Bernhardt erfolgreich absolviert zu haben. FAZ-Geschäftsführer Jochen Becker, unter dessen Ägide das Unternehmen dramatisch in die roten Zahlen rutschte, muß gehen. Bernhardt selbst übernimmt bis auf weiteres Beckers Funktion. Mit anderen Worten: Der 67jährige Bernhardt ist jetzt der unbestritten „starke Mann“ in der Frankfurter Hellerhofstraße, Herr über das Geld und die Personalpolitik. Der geborene Wiesbadener und studierte Jurist und Betriebswirt kann auf eine farbenreiche Laufbahn zurückblicken. Er war beteiligt an der Neustrukturierung des Flickkonzerns, unter seiner Leitung verwandelte sich der Stahlproduzent Korf in einen hocheffizienten Betrieb, er sanierte den Co-op-Konzern, und nach der Wende wickelte er in der ehemaligen DDR das staatliche Handelsunternehmen HO ab. Er wurde Gastprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig und übernahm 2002 den Aufsichtsvorsitz der FAZ-Stiftung in Frankfurt am Main. Die „New Economy“ war gerade auf dem Höhepunkt, auch die FAZ hatte sich mit heißer Luft aufgepumpt, steckte riesige Summen in ihre Internetpräsenz, weitete Seitenumfänge und Personalbestand spektakulär aus. Als die Blase zerplatzte, als die Stellenanzeigen ausblieben, die Auflage zurückging und die Bilanz tiefrote Zahlen auszuweisen anfing, avancierte Bernhardt schnell zum Retter in der Not. Der „Mann mit den stählernen Saiten“ (Wirtschaftswoche) fuhr den Personalbestand auf das Niveau von 1990 zurück, stieg aus dem Business-Radio aus, reduzierte drastisch das Internet-Engagement, stellte die verlagseigenen Buchverlage ins Verkaufsfenster und begann, die „verfehlte, unzeitgemäße Führungsstruktur“ des Hauses in Frage zu stellen. Neben Geschäftsführer Becker hat Bernhardt vor allem den Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, ins Visier genommen, in dem er den Hauptverantwortlichen für die in den Sand gesetzten Investitionen – nach Brancheninformationen etwa 130 Millionen Euro – sieht. Im Grunde hält Bernhardt allen Dementis zum Trotz das ganze Fünfergremium der FAZ-Herausgeber für überholt, schwerfällig und ineffizient. Um alle Herausgeber auszuzahlen, benötigte er aber 20 Millionen Euro, die er nicht hat. Das Geld der FAZ-Stiftung reicht nicht einmal mehr bis zum Jahresende 2004. Wenn bis dahin die Medienkrise nicht ausgestanden ist, muß die Zeitung hohe Schulden machen – oder sie wird feindlich übernommen. An sich ist Wolfgang Bernhardt nicht der Mann, der auf Wunder und somit auf ein baldiges Ende der Medienkrise wartet. Er versteht sich weniger als Krisenmanager denn als Krisenüberwinder. Sein Ziel ist es, das Frankfurter Schiff durch eigene Initiative wieder flottzu machen. Der FAZ stehen turbulente Zeiten bevor.

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