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Paolo Pinkel

Bis jetzt gehörte Michel Friedman, den seine Freunde „Mischu“ nennen, zum festen Inventar der Berliner Republik: Mitglied im Bundesvorstand der CDU, im ZDF-Fernsehrat, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Talkshow-Moderator. Er ist „Kulturberater“ des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU) und war als Berliner Kultursenator im Gespräch. Kein glamouröses Ereignis, bei dem er nicht dabei ist. Als „Querdenker“, „Provokateur“ und „Mahner“ ist er ein Fixstern im öffentlichen Raum. Er wurde 1956 in Paris als Sohn einer polnisch-jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, die 1965 nach Frankfurt am Main zog. Bei seiner steilen Karriere kam ihm seine Fernsehtauglichkeit zustatten. Er verfügt über ein markantes Äußeres, eine kräftige Stimme und die Rabulistik des studierten Juristen. Das intellektuelle Niveau, das er verbreitet, ist dennoch erstaunlich schlicht. In seiner Sendung „Vorsicht! Friedman“ besteht er bei Fragen, die komplexe Probleme berühren, auf Antworten nach dem Ja-Nein-Schema. Ist sein Gegenüber dazu nicht bereit, wird er als beschränkt, unehrlich oder Ausländerfeind verdächtig. Bei Gegenangriffen instrumentalisiert er den Respekt, der ihm als Nachkomme von NS-Opfern gebührt, mit Professionalität und Selbstverständlichkeit. Seine „Provokationen“ sind nie produktiv, nur verletzend. In den neunziger Jahren polemisierte er gegen das „antisemitische“ Osterfest und gegen das „C“ im Parteinamen der Union als Zeichen religiöser Intoleranz. Ein Frankfurter Medienwissenschaftler schrieb, daß er sich absichtlich als pomadige Haßfigur inszeniere, um die Gäste seiner Sendung zu authentischen Reaktionen zu veranlassen. Die Wahrheit ist wohl, daß Friedman längst jeden Maßstab verloren und das byzantinische Lob, mit dem er überhäuft wurde, verinnerlicht hat. Es fehlt ihm an Takt, Manieren und Respekt – auch gegenüber sich selbst. Wer wie er laut Spiegel in der Rotlichtszene als „Paolo Pinkel“ bekannt ist, muß die halbseidene Figur nicht extra mimen, er ist mit ihr identisch. Hinter seiner aggressiven Selbstdarstellung sind Unsicherheit und kompensatorische Bedürfnisse erkennbar. Seine Eltern wurden im Zweiten Weltkrieg vom legendären Oskar Schindler gerettet. Wer kann schon ermessen, wieviel seelische Qual sie ihrem Sohn vererbt haben und wie weit dieses Erbe sein Handeln bestimmt? Derselbe Medienbetrieb, der ihn in schwindelerregende Höhen trug, stürzt ihn nun in die Tiefe. Das ist unehrlich, aber nicht ohne Logik. Das lange Schweigen zu den Prostituierten- und Kokain-Geschichten wirkt bei einem eloquenten Mann wie ihm wie ein Geständnis. Als moralische Instanz der Berliner Republik hat er ausgedient. Friedman wird künftig wohl mehr Zeit haben, um an der nötigen Fortentwicklung seiner Persönlichkeit zu arbeiten. Und die deutsch-jüdischen Beziehungen werden künftig unbelastet bleiben von den Einsprüchen eines egomanischen Multifunktionärs.

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