Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

„Ohne Rücksicht auf Verluste“

Herr Kesting, das Ausbildungsjahr hat gerade begonnen, die Branchen klagen über unbesetzte Lehrstellen, viele Auszubildende darüber, daß sie keine Lehrstelle gefunden haben. Währenddessen verspricht die Politik künftig jedem Bewerber einen Ausbildungsplatz. Sie sind mittelständischer Unternehmer im Bereich Dienstleistungshandwerk und Vorstandsmitglied im Bund der Selbständigen (BdS) NRW. Bei
wem liegt aus Ihrer Sicht das Ende des roten Fadens in diesem Knäuel gegenseitiger Schuldzuweisung? Kesting: Das Problem ist das große Engagement der Politik für die Großkonzerne, während die mittelständischen Betriebe, die allerdings fast achtzig Prozent unseres Bruttosozialproduktes erwirtschaften, weitgehend alleingelassen werden. Viele Mittelständler befinden sich in einer Krise – voraussichtlich fünfzigtausend Insolvenzen in diesem Jahr sind eine alarmierende Zahl. Ganz zu schweigen von den Handwerkern, die ihre Lebensversicherung einsetzen um die Schulden im Betrieb zu zahlen, und anschließend ohne Insolvenz den Laden zumachen. Diese Betriebe sind es auch, die ursprünglich die Ausbildungsplätze zur Verfügung gestellt haben, wenn diese reihenweise pleite gehen, darf man sich nicht wundern, wenn mit ihnen auch 150.000 bis 200.000 Ausbildungsplätze verschwinden. Derzeit sind 83.000 Lehrstellen unbesetzt, 231.000 Lehrlinge suchen eine Stelle. Wieso findet nicht wenigstens die Schnittmenge zusammen? Kesting: Ein großes Problem ist natürlich, daß an gewissen Ausbildungsberufen heute kaum noch Interesse besteht. Jobs, bei denen man im Büro sitzt, sind oft gefragter als Berufe, bei denen man sich im Blaumann die Finger schmutzig machen muß. Manche Branchen, wie etwa das Gebäudereinigungswesen, in dem ich tätig bin, kämpfen sogar gegen das Unwissen an, daß es sich um ein ordentliches Handwerk handelt. In der Tat verwundert, daß der Gebäudereiniger drei Jahre lernen muß, bevor er seine Tätigkeit ausüben kann. Kesting: Weil Sie ein völlig falsches Bild von diesem Handwerk haben. Gebäudereinigen heißt nicht, in Büros Schreibtische abzuwischen oder die Einfahrt zur Tiefgarage zu fegen. Tatsächlich handelt es sich nicht um eine Aushilfstätigkeit à la Putzkolonne, sondern um ein Handwerk. Zur Ausbildung gehört Materialkunde – über Stein, Kunststoffe, Glas, Hölzer, Metalle in allen Variationen muß man Bescheid wissen – ebenso wie chemisches und elektrotechnisches Wissen – man muß mit den elektrischen Installationen auch großer Gebäude zurechtkommen – und Geräteeinsatzkunde, wir arbeiten schließlich nicht einfach mit dem Wischmop, sondern häufig mit teuren und großen Spezialgeräten. Es geht im Beruf um fachmännische Bauschlußreinigung und die kompetente Pflege hochwertiger Bausubstanz, bis hin zum Gebäudemanagement. Außerdem sind Gebäudereiniger in sensiblen Bereichen, etwa in der Lebensmittelbranche oder im Krankenhauswesen tätig, wo man ohne fachkundiges Wissen als angelernte Reinigungskraft gar nicht reinigen darf. Tatsächlich arbeiten zehn Prozent aller im Handwerk Beschäftigten im Beruf des Gebäudereinigers, dementsprechend viele Ausbildungsplätze stellt Ihre Branche. Da ist der geringe Bekanntheitsgrad als Ausbildungsberuf besonders erstaunlich. Kesting: Noch frappierender ist es, wenn man sich klarmacht, daß die von Ihnen genannten zehn Prozent immerhin zwei Prozent aller überhaupt in Deutschland Beschäftigten entsprechen, also über eine halbe Million Menschen! Der Gebäudereiniger ist bereits seit 1934 ein Ausbildungsberuf; inzwischen versuchen wir ihn durch eine Informations- und Imagekampagne unter dem augenzwinkernden Motto „Wischen ist Macht“ populärer zu machen. Im rheinländischen Sankt Augustin verzichtete die Belegschaft einer technischen Firma auf zwei Tage Urlaub, um zur Nachwuchsgewinnung einen Tag der offenen Tür zu organisieren. Fazit des Ausbildungsleiters der Firma, es hätten sich eher Ehemalige über die Veränderungen in ihren früheren Berufen informiert als junge Leute über eine mögliche Lehrstelle. Wie reagieren Ihre „Kollegen“, die Sie im BdS vertreten, auf solche Situationen? Kesting: Unverständnis und Wut sind nach meiner persönlichen Erfahrung bei vielen bereits der Verzagtheit gewichen. In einem Fall schrieb ein Betrieb 85 Schulen der Region an, um Schüler zu Schnuppernachmittagen einzuladen. Geantwortet haben lediglich zwei Schulen, und nur eine schickte schließlich einige Schüler vorbei. Kein Wunder, wenn auch von seiten der Betriebe die Anstrengungen erlahmen. Liegt es also am Engagement der Jugendlichen? Kesting: Die Jugendlichen sind natürlich auch nur ein Produkt der Gesellschaft, die sie geprägt hat. Das Arbeitsamt verlangt zum Beispiel, daß sich die jungen Leute auf alle möglichen Angebote bewerben. So bekommen manche Unternehmer viele Bewerbungen von Kandidaten, die eigentlich gar kein Interesse haben, in dem angebotenen Beruf zu lernen. Ihre Bewerbungen behindern aber den Kontakt mit jenen, die sich mit aller Ernsthaftigkeit bewerben und die nun nicht mehr so einfach herauszufinden sind. Seit Florian Gerster die Leitung der Bundesanstalt für Arbeit übernommen hat, sind große Versprechungen gemacht worden. Wie bewerten Sie die Leistungen der Arbeitsämter bei der Ausbildungsplatzvermittlung? Kesting: Zwar gibt es in der Tat inzwischen viele tolle Förderprogramme für Jugendliche auf Ausbildungsplatzsuche, aber was die tatsächliche Betreuung von Betrieben und Azubis angeht, so ist das System bislang genauso unzulänglich wie früher. Nach wie vor frustriert bürokratische Inflexibilität meist diejenigen, die sich vom Arbeitsamt echte Hilfe bei ihrer Ausbildungsplatzsuche erhoffen. Die Industrie- und Handelskammer setzt Ausbildungsplatz-Akquisiteure ein, die Lehrlinge und Ausbildungsbetriebe vermitteln. Gibt es ähnliches auch von seiten des BdS? Kesting: Wir haben uns gesagt, wenn schon nicht die Schüler zu uns kommen, dann müssen wir eben in die Schulen gehen. Also haben wir uns kurzerhand angemeldet und stets mit Erfolg gewisse Gewerbe präsentiert. Dabei kam uns unser Status als Verband zugute. Denn wer als einzelner Mittelständler so etwas unternehmen möchte, der stößt meist auf eine Mauer aus Einwänden: von, dafür sei keine Zeit, bis zu, das sei ohne pädagogische Ausbildung nicht möglich. Also zu wenig Unterstützung von seiten der Schulen? Kesting: Leider ja, zum einen begreifen viele Schulen ihre Verantwortung immer noch nicht als über den Schulabschluß hinausreichend, zum anderen werden Schüler von manchen Lehrern ohne jedes Einfühlungsvermögen für deren tatsächliche Eignung zum Antritt eines beliebigen Praktikumsplatzes im Handwerk gedrängt, was nur Probleme schafft und keine löst. Ein ähnliches „Einfühlungsvermögen“ haben übrigens oftmals Vermittler des Arbeitsamtes, die in Betrieben auftauchen, um nach Gutsherrenart abzufragen, ob hier nicht noch ein Auszubildender unterzubringen sei, und für den Fall eines „Nein“ schon beinahe eine Sanktionsdrohung auf den Lippen haben. Unter Vermittlungshilfe stelle ich mir eine andere, sinnvollere und subtilere Art der Kommunikation vor. Stichwort Sanktionen: Die Politik droht in letzter Zeit, ausbildungsunwillige Betriebe künftig zur Strafe mit einer Ausbildungsabgabe zu belegen. Kesting: Das ist der völlig falsche Weg, hier sollen nur die Unternehmer für die Verfehlungen von Politik und Arbeitsämtern einstehen. Das Problem der Betriebe ist die mittlerweile geringe Kapitaldecke – verschärft durch die geringe Zahlungsmoral vieler Kunden, übrigens vor allem öffentlicher Auftraggeber – die dazu führt, daß schlicht kein Geld mehr für Ausbildung vorhanden ist. Wenn die Risiken für Unternehmer gemindert, die Anreize erhöht werden, wenn Hemmnisse – ich sage nur Kündigungsschutzgesetz – abgebaut und der Insolvenzwelle entgegengewirkt wird, dann wird künftig von den Betrieben auch wieder mehr ausgebildet werden. Schuld ist also immer nur die Politik? Kesting: Nein, natürlich nicht. Es gibt auch in den Reihen der Betriebe schwarze Schafe, aber überlegen Sie doch selbst: Was passierte mit einem Betrieb, der aus finanziellen Gründen in diesem Jahr nicht ausbilden kann und deshalb Strafe zahlen muß? Der wird vermutlich auch im nächsten Jahr nicht ausbilden, weil es ihn dann nicht mehr gibt. Kommt die Ausbildungsabgabe? Kesting: Ich glaube nicht, daß es sich nur um eine Drohung handelt. Nach meinen Erfahrungen mit dieser Bundesregierung kommt die Abgabe, falls sich die Situation nicht bessert, früher oder später ohne Rücksicht auf Verluste. Leistet der Bund der Selbständigen keine gute Lobbyarbeit mehr? Kesting: Da beißen wir auf Granit, die Herrschaften lassen gar nicht mehr mit sich reden. Inzwischen bekommen wir bei der Regierung kaum noch Termine. Vor 1998 hatte man dort durchaus ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte des Mittelstandes, aber das hat sich drastisch gewandelt. Wenn ich nur an das Dosenpfand denke, etwas anderes als Dirigismus fällt den Herrschaften gar nicht mehr ein. Es geht der Bundesregierung nur noch um ihr Profil in der Presse, von Verantwortung und Voraussicht keine Spur. Wie bewerten Sie dagegen die Vorschläge der Opposition? Kesting: Die Vorschläge der Union enthalten interessante Ansätze, aber letztendlich fehlt auch ihr ein schlüssiges Konzept. Ich denke allerdings, das Problem ist sowieso ein grundsätzliches: Auf allen Seiten ist in Deutschland der Gedanke der Verantwortung verlorengegangen. Die Ausbildungsplatzmisere muß also als Teil der Gesamtmisere begriffen werden. Politiker – egal, welche Politik sie inhaltlich machen – sind nicht mehr bereit, Verantwortung zu übernehmen. Als 1998 der Wechsel kam, habe ich sehr gehofft, daß es der Regierung Schröder gelingen würde, Deutschland grundsätzlich umzubauen – man hat es nicht einmal versucht! Und auf der anderen Seite stehen die Bürger, die im Laufe der letzten Jahrzehnte eine „Der Staat schuldet mir was“-Haltung angenommen haben. Das rührt aus der Entartung der eigentlich noblen Idee, keiner solle mehr Not leiden, her. Aus diesem Gedanken heraus wurde ein System etabliert, das Leistung zu oft nicht mehr belohnt und in dem unverdientes Nehmen als gutes Recht erscheint. Vor dreißig Jahren war es den meisten Menschen peinlich, arbeitslos zu sein und vom Sozialamt Geld zu nehmen. Heute gilt doch als dumm, wer arbeitet und nur ein paar Euro mehr verdient als der, der von der Stütze lebt. Dabei bezieht sich diese Haltung nicht nur auf den Sozialstaat, unsere staatliche Gemeinschaft insgesamt wird von den vielen Deutschen gar nicht mehr wahrgenommen. Der Alte Fritz hat einmal gesagt, er sei der erste Diener seines Staates, damit hat er ausgedrückt, er, wir alle, sind der Staat! Dafür haben die Leute meist kein Empfinden mehr. Und die Politik traut sich nicht, dem zu widersprechen, aus Angst, Wähler zu verlieren. Wenn wir aber nicht bald kräftig die Notbremse ziehen, werden die Politiker nicht nur Wähler, sondern Deutschland Menschen verlieren. Fotos: Lehrlinge der Bielefelder Firma Gildemeister lernen an einer metallverarbeitenden Maschine: “ Jobs, bei denen man im Büro sitzt, sind oft gefragter als Berufe, bei denen man sich im Blaumann die Finger schmutzig machen muß“ Rainer Kesting ist Geschäftsführer des Dortmunder Reinigungs-unternehmens S&K mit 50 Mit-arbeitern, Vorstandsmitglied im Bund der Selbständigen des Landesverbandes NRW und Vorsitzender im Wirtschaftsausschuß des BdS-Bundesverbandes. Geboren wurde er 1948 in Dortmund. weitere Interview-Partner der JF

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