„Nicht ohne Not verzichten“

Herr Professor Hoberg, Bundeskanzler Schröder hat am Sonntag die erste deutsche Universität in Ägypten eingeweiht, was allgemein mit einem gewissen Stolz aufgenommen wurde. Was die Zeitungsmeldungen allerdings verschwiegen: Unterrichtssprache an der „deutschen“ Universität ist Englisch. Hoberg: Das muß auch so sein, denn sonst wäre diese Universität nicht lebensfähig. Ich hoffe aber, daß es auch Vorlesungen und Seminare in deutsch geben wird. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wird im kommenden Jahr in Kairo einen Zweig eröffnen, der dann mit der deutschen Universität zusammenarbeiten kann. Deutsch als Wissenschaftssprache sei „mittlerweile (fast) Geschichte“, so der Sozialökonom Christian Wey 2002 in der „Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“. Ist es bereits fünf nach zwölf? Hoberg: Insofern nein, als Deutsch in der deutschen Wissenschaft nach wie vor die dominierende Rolle spielt. Seine Bedeutung schwindet jedoch. Hoberg: Im Bereich der Naturwissenschaften trifft das in der Tat zu, Sozial- und Geisteswissenschaften jedoch sind weit weniger betroffen. Allerdings beobachten wir diese Entwicklung nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern verdrängt das Englische die jeweilige Heimatsprache aus den Naturwissenschaften. Also ein europäisches Problem? Hoberg: Ja, aber andererseits ist es natürlich ein Fortschritt, daß die Welt heute über eine so eindeutig durchgesetzte lingua franca verfügt wie das Englische. Man kann das nicht mit dem Französischen oder dem Lateinischen in der Vergangenheit vergleichen, die noch an den Kulturkreis des Abendlandes gebunden waren. Englisch dagegen spricht man heute auf der ganzen Welt. Mittlerweile betrifft die Anglisierung des deutschen Wissenschaftsbetriebes nicht mehr nur die Forschung, sondern auch die Lehre, das heißt deutsche Forscher schreiben nicht nur in englisch, sondern deutsche Studenten lernen zunehmend – ob aus Büchern oder in Vorlesungen – in dieser Sprache. Hoberg: Es stimmt, daß auch in der Lehre diese Tendenz existiert. Man muß allerdings feststellen, daß es sich dabei bislang um Ausnahmen handelt. In der Lehre wird fast ausschließlich deutsch gesprochen. Wenn es diese Tendenz gibt, ist aber Deutsch auch als Sprache der Lehre langfristig in Gefahr? Hoberg: Es mag sich im ersten Moment widersprüchlich anhören, aber eine gewisse Präsenz des Englischen in der Lehre ist auch für die deutsche Sprache von Vorteil. So bieten einige unserer Universitäten Veranstaltungen in englisch an, um ausländischen Studenten den Studieneinstieg in Deutschland zu erleichtern. Wer in Deutschland studieren möchte, hat damit die Möglichkeit, während der ersten vier Semester sein Studium in englisch aufzunehmen und nebenher Deutschkurse zu belegen. Im Hauptstudium, wenn eine gewisse Sicherheit im Deutschen erzielt worden ist, studiert man dann auf deutsch weiter. Ohne diese Chance zum Einstieg ohne Zeitverlust für das eigentliche Studium wären zum Beispiel amerikanische Studenten kaum zu einem Studium in Deutschland zu bewegen. So stärkt man die Attraktivität des Studienstandorts Deutschland, Grundlage dafür, daß auch die deutsche Sprache im Wissenschaftsbereich bestehen kann. Eine solche „List“ zugunsten der deutschen Sprache ist aber nicht die Regel. Hoberg: Natürlich gibt es auch deutsche Wissenschaftler, denen die deutsche Sprache völlig egal ist, die nur an ihrem Stoff interessiert sind. Ich möchte aber betonen, daß das Problem nicht die Ausbreitung des Englischen ist, sondern die Zurückdrängung der übrigen Sprachen. Darin aber liegt doch ein entscheidender Zusammenhang! Hoberg: Nur bedingt, und es wäre falsch, ja sogar schädlich für uns, das Englische zu bekämpfen, wir müssen darauf zielen, die übrigen europäischen Sprachen zu fördern. Man kann von einem Physiker, der meint, er hätte etwas zu sagen, einfach nicht erwarten, daß er das auf deutsch tut, wenn das zur Folge hat, daß er dann international nicht wahrgenommen wird. Folgt man jedoch dieser Logik, so verständigt sich ein international orientierter Wissenschaftler der Einfachheit halber bald schon auch mit seinen deutschen Kollegen in englisch. Dann hat Deutsch in der Wissenschaft endgültig ausgedient. Hoberg: Das erscheint mir zu sehr zugespitzt. Man kann nicht sagen, Deutsch an sich sei in Gefahr, korrekt ausgedrückt: Deutsch verliert gewisse Domänen. Welche Konsequenzen hat dieser Prozeß? Hoberg: Dadurch gerät nicht gleich die ganze deutsche Wissenschaft in Gefahr, wie die Medien es immer wieder gerne darstellen. Natürlich gibt es aber gewisse Gefahren, so halte ich es zum Beispiel für ein ernstes Problem, daß in dem Maße, in dem deutsche Wissenschaftler zunehmend in englisch arbeiten, die Entwicklung einer Terminologie in deutsch zu kurz kommt. Im schlimmsten Fall ist man schließlich nicht mehr in der Lage, das Thema in deutsch überhaupt noch zu behandeln. Deshalb mahnt die GfdS die Wissenschaftler, die in englisch schreiben, die Terminologie immer auch in deutsch zu entwickeln. Allgemein jedoch schreiben ja gerade deshalb immer mehr deutsche Forscher in englisch, um den Anschluß unserer Forschung international sicherzustellen. Würde die deutsche Wissenschaft konsequent bei Deutsch bleiben, würde genau das die deutsche Position in Gefahr bringen. Das heißt, entweder unsere Sprache oder unsere Wissenschaft? Hoberg: Als Germanist bin ich natürlich von diesem Entweder-Oder auch nicht begeistert, aber es bleibt nur, sich der Realität zu stellen. Und die lautet, unsere Wissenschaft profitiert von einer rechtzeitigen Orientierung am Englischen. Im weiteren Sinne meint der Begriff „Wissenschaftssprache“ jene Sprachen, in denen international wissenschaftlicher Austausch betrieben wird. Wenn Deutsch schon zu Hause in Bedrängnis ist, wie sieht es dann erst international aus? Hoberg: Global gesehen kann keine Sprache mit Englisch mithalten. Immerhin aber gilt Deutsch in Osteuropa noch als Wissenschaftssprache, allerdings auch in Konkurrenz zu Englisch. Aber im Vergleich zu anderen Sprachen ist Deutsch hier in einer starken Position. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Deutsch die Wissenschaftssprache schlechthin. Infolge der Weltkriege ging es dann aber rapide bergab. Allerdings hätte sich Deutsch wahrscheinlich auch ohne die Kriege nicht auf Dauer an der Spitze halten können. Der Grund für die Bedeutung unserer Sprache vor hundert Jahren war zum einen der Erfolg der deutschen Wissenschaften, zum anderen die Tatsache, daß das Englische damals noch nicht die Bedeutung erlangt hatte, die es nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte. Schlimmer als 1918 oder 1945 war aber vermutlich das Jahr 1914, denn bis dahin hatte Deutsch beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika einen guten Stand. Um die Jahrhundertwende waren mehr US-Amerikaner deutscher als englischer Abstammung. Als aber der Erste Weltkrieg ausbrach – und erst recht, als die USA 1917 wegen der Versenkung des US-Passagierdampfers Lusitania durch ein deutsches U-Boot in den Krieg eintraten -, wurde alles Deutsche extrem unpopulär, und viele deutschstämmige Amerikaner begannen sogar ihre Namen zu amerikanisieren, um bloß nicht mehr als Deutsche erkennbar zu sein. Diese Situation hat sich durch den Zweiten Weltkrieg natürlich nicht verbessert. Wie war die Situation in den fünfziger und sechziger Jahren? Hoberg: Zwar hatte die Niederlage die frühere Stellung Deutschlands in jeder Hinsicht ruiniert, Englisch aber hatte, wie bereits angedeutet, noch nicht die dominierende Stellung, die es heute hat. Deshalb haben damals auch die deutschen Naturwissenschaftler noch fast alle in deutsch geschrieben. Ulrich Ammon, Präsident der Gesellschaft für Angewandte Linguistik, wies in der letzten Ausgabe dieser Zeitung darauf hin, daß seit dem Zweiten Weltkrieg ein „Brain drain“ aus Deutschland nach Übersee andauere. Hoberg: Ja, und ich kann die Untersuchung von Ulrich Ammon „Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache?“ nur empfehlen. Der „Brain drain“ – also der „Abfluß“ unseres Reservoirs an klugen Köpfen – begann mit der Flucht und Vertreibung jüdischer und politisch nicht genehmer Wissenschaftler in den dreißiger Jahren. Die Ursache dafür ist also nicht die Schwächung von Deutsch als internationaler Wissenschaftssprache, sondern diese Schwächung ist, wie der „Brain drain“ selbst, ein Symptom der Rückschläge, die Deutschland als Wissenschaftsstandort im 20. Jahrhundert hat hinnehmen müssen. Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt, der das Offenbarwerden der Krise von Deutsch als Wissenschaftssprache nach dem Zweiten Weltkrieg markiert? Hoberg: Nein, das war eine allmähliche Entwicklung, die Klagen darüber setzen übrigens, Sie werden sich wundern, schon erstaunlich früh ein. Schon 1899 erschien ein Buch mit dem Titel „Wider die Engländerei in der deutschen Sprache“, herausgegeben vom Allgemeinen Deutschen Sprachverein, der damals größten Sprachpflege-Organisation. Auch in der Literatur finden wir Hinweise, zum Beispiel im Theodor-Fontane-Roman „Der Stechlin“, 1899 erschienen: Der Sohn des alten Stechlin kommentiert eine französische Formulierung seines alten Herrn mit der Bemerkung „Kaum Papa, wie Du weißt, ist heute alles englisch“. Interessant ist übrigens, daß viele der damaligen Anglizismen in Deutschland heute völlig vergessen sind, was den Modecharakter solcher Wortschöpfungen deutlich macht. Interessant ist auch zum Beispiel die Mahnung des britischen Thronfolgers Prinz Charles, der warnte, man solle sich vor dem „Amerikanischen“ hüten. Das „Amerikanische“ wiederum, international auf dem Vormarsch, ist im eigenen Land von einer aus dem Süden heranschwappenden ungeheuren Welle von hispanischen Einwanderern bedroht, deren Spanisch in einigen Landstrichen der USA das Englische schon fast völlig verdrängt hat. Das hat allerdings nichts mehr mit dem Problematik der Wissenschaftssprachen zu tun. Hoberg: Das stimmt zunächst, wenn aber zum Beispiel immer mehr Kalifornier nicht mehr Englisch sprechen können, so werden die Universitäten dort künftig auch Kurse in spanisch anbieten müssen. Allgemeinsprache und Wissenschaftssprache sind doch immer auch verflochten. Natürlich wird dies die Position des Englischen als Publikationssprache nicht anfechten, Englisch als Lehrsprache wird dort aber in Zukunft sehr wohl betroffen sein. Welche Rolle spielt die Globalisierung für die europäischen Wissenschaftssprachen? Hoberg: Manche beschreiben die Globalisierung schlicht als eine Veränderung der Welt. Die Globalisierungsgegner verweisen allerdings darauf, daß dieser Prozeß von Amerika gesteuert wird. Wer das so sieht – und nach meiner Ansicht ist daran durchaus auch etwas Wahres -, sieht die Globalisierung natürlich in einem ganz anderen Licht, dann hat auch die Verbreitung des Englischen eine ganz andere Bedeutung. Ich frage mich aber, ob der Irak-Krieg dem Image der Amerikaner nicht so sehr geschadet hat, daß auch der Import von populären Mustern der amerikanischen Sprache und Kultur nach Deutschland und Europa längerfristig darunter leiden wird. Bedeutet die bisherige bereitwillige Übernahme des Englischen in unserer Wissenschaft nicht einen Imageverlust für Deutschland, der nicht auf die deutsche Sprache beschränkt bleiben wird, sondern sich für unser Land insgesamt als Nachteil erweisen wird? Hoberg: Das glaube ich nicht, im Gegenteil! Derzeit bemüht man sich in Deutschland gerade durch die Übernahme des Englischen, die deutschen Produkte besser zu verkaufen. Dabei versucht man die deutsche Herkunft der Produkte zu verstecken, Beispiel die Firma Siemens: In Frankreich wirbt der Konzern mit französischem, in Deutschland aber mit englischem Motto. Fühlen Sie sich dabei noch wohl? Hoberg: Nein, denn es leidet die deutsche Kultur darunter. Die Kultur ist aber etwas anderes als die Wirtschaft. Unsere Exportzahlen belegen, daß Deutschland da nach wie vor einen guten Stand hat. Ich halte es aber in der Tat für einen Fehler, wenn Deutsche ohne Not auf ihre Sprache verzichten. Wenn zum Beispiel deutsche Politiker oder Geschäftsleute im Ausland lieber selbst in englisch verhandeln, als einen guten Dolmetscher zu Rate zu ziehen, dann bringen sie sich lediglich aus Geflissenheit in eine benachteiligte Situation gegenüber ihren Partnern, die sich in ihrer Muttersprache ausdrücken können und von Profi-Übersetzern adäquat übersetzt werden. Was könnte getan werden, um Deutsch als Wissenschaftssprache zu stärken? Hoberg: Wir sollten uns auf keinen Fall in Feindschaft zum Englischen begeben – da können wir nur verlieren. Und auf keinen Fall sollte man mit staatlichen Verboten arbeiten, denn dann hört uns keiner mehr zu. Tatsächlich geschieht schon einiges, so hat der Bundestag erst vorige Woche eine Resolution verabschiedet, die fordert, Deutsch müsse dritte Arbeitssprache in Europa werden. Als Vertreter der GfdS führen wir immer wieder Gespräche mit Politikern aller Parteien im Bundestag und in den Ministerien und stellen dabei fest, daß das Bewußtsein, daß für unsere und die übrigen europäischen Sprachen etwas getan werden muß, in den letzten Jahren erheblich gewachsen ist, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Prof. Dr. Rudolf Hoberg ist Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, der wichtigsten Organisation zur Pflege der deutschen Umgangssprache. Der Germanist ist außerdem Mitglied der zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission sowie der Jury zur Wahl des Unworts des Jahres. Geboren wurde er 1936 in Neukirchen/Rhein. Gesellschaftfür deutscheSprache e.V.:Die 1947 gegründete Gesellschaft widmet sich der Pflege und Erforschung der deutschen Alltagssprache, in Abgrenzung zur Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die sich der Pflege des Deutschen in der Dichtung annimmt. Die GfdS unterhält vierzig Zweigstellen in Deutschland und zwanzig im Ausland. Sie hat eine feste Beratungsstelle beim Bundestag und ist neben der Duden-Redaktion die wichtigste Sprachberatungsstelle der Nation. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut und dem Institut für deutsche Sprache schloß sich die GfdS im Frühjahr 2003 zum Deutschen Sprachrat zusammen. Kontakt: GfdS, Spiegelgasse 13, 65183 Wiesbaden
Foto: Bundeskanzler Schröder und Ägyptens Staatspräsident Mubarak eröffnen die „German University Cairo“: Immer mehr deutsche Wissenschaftler schreiben in englisch, die Entwicklung einer deutschen Terminologie kommt zu kurz weitere Interview-Partner der JF

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