Eine Klasse für sich

In den letzten dreieinhalb Jahrzehnten ist es dem FC Bayern München gelungen, knapp die Hälfte der Meistertitel zu erringen, die der deutsche Fußball zu vergeben hatte. Immer wieder gab es dabei Phasen, in denen die Bundesliga so spannend zu werden drohte wie bayerische Landtagswahlen. Man wußte von vornherein, wer das Rennen machen würde und konnte sich allenfalls davon überraschen lassen, mit welchem Abstand die Verfolgermannschaften auf der Strecke blieben. In dieser Saison haben wir es mit einem besonders drastischen Fall von Marktbeherrschung zu tun. Die Bayern wurden schon vor Saisonbeginn nahezu einmütig als alleiniger Titelaspirant gehandelt. Anders als in vergangenen Jahren übten nicht einmal die Allgewaltigen des Rekordmeisters vornehme Zurückhaltung. Leider ist diese Großspurigkeit berechtigt gewesen. Fünf Spieltage vor Saisonende sieht es nicht so aus, als ob dem FC Bayern noch irgendein Verfolger einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Jammer ist darüber kaum zu vernehmen. Eine neue Bescheidenheit hat unter den fünf bis sechs Spitzenmannschaften aus der zweiten Reihe um sich gegriffen. Die Meisterschaft ist abgeschrieben, und dies im Grunde genommen nicht nur für diese Spielzeit. Da der FC Bayern Gott sei Dank nur einen der maximal drei deutschen Plätze in der Champions-League okkupieren kann, bleiben immer noch Anreize, bis zum Schluß Leistung zu zeigen. Das große Ziel, aus dem tristen Liga-Alltag ausbrechen und gegen wirklich große Mannschaften auflaufen und verlieren zu können, ist unterdessen vielleicht verlockender als die Meisterschale selbst. Seine permanenten Erfolge haben den FC Bayern zum Haßobjekt vieler werden lassen, deren Herzen aus Sentimentalität oder aus Prinzip für die Außenseiter schlagen. Im Kopfkino des Fußballs stehen Partien gegen den Dauermeister synonym für „Blood against Gold“. Das spornt Zuschauer und selbst Akteure an. Andererseits muß wohl die Tatsache akzeptiert werden, daß der FC Bayern der beliebteste deutsche Fußball-Verein ist. An seine Mitgliederzahl und seine Umsätze mit Fanartikeln kommen andere Traditions-Clubs nicht im entferntesten heran. Allerdings sind die Möglichkeiten, im Rahmen des Status Quo neue Einnahmequellen zu erschließen, weitgehend ausgeschöpft. Ein noch professionelleres Management ist kaum möglich. Die Chance des FC Bayern liegt langfristig darin, sich nicht mehr in Spielen gegen Bochum, Wolfsburg oder Rostock verschleißen zu müssen, sondern in einer europäischen Spielklasse gegen Spitzenmannschaften antreten zu können. Hier und nicht in dem Gerangel um die dubiosen Kirch-Zahlungen ist der Grund für das aktuelle Zerwürfnis mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) zu suchen. Das Ausscheren aus der „Solidarität“ des deutschen Profi-Fußballs ist die Konsequenz einer kaum verhohlenen Strategie. Die Bundesliga braucht zwar die Bayern. Die Bayern hingegen suchen ihre Gelegenheit, sich dieses Klotzes an ihrem Bein zu entledigen.

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