Die Marionette

Kenner der Berliner Gemäldegalerie haben beim Anblick des am Samstag mit knapper Mehrheit gewählten neuen Berliner CDU-Vorsitzenden Joachim Zeller ein Déjà-vu-Erlebnis: Er ist dem von Albrecht Dürer gemalten sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen wie aus dem Gesicht geschnitten. Doch damit endet die Ähnlichkeit bereits. Der finster dreinblickende, bärtige Kurfürst, der vor knapp 500 Jahren nach dem Willen des Papstes deutscher Kaiser werden sollte, erkannte, daß seine Hausmacht nicht ausreichte, um die Krone gegen die Habsburger zu behaupten. Er wäre nie ein echter Kaiser, sondern nur eine Marionette gewesen. So übte er weise Verzicht – und erwarb sich Nachruhm als Beschützer des Reformators Martin Luther. Zu soviel Selbstbeschränkung hat Joachim Zeller nicht die Kraft aufgebracht. Kaum hatte sein Amtsvorgänger, der Historiker Christoph Stölzl, eingeräumt, an der Aufgabe gescheitert zu sein, aus dem Konglomerat innerparteilicher Kungelrunden, aus denen die Berliner CDU besteht, eine politische Formation zu machen, da ließ Zeller sich von der mächtigsten dieser Seilschaften, einer Gruppe karrieristischer Jünglinge um den erst vor kurzem gescheiterten Fraktionschef Frank Steffel, zum Nachfolgekandidaten ausrufen. Zeller wurde 1952 im schlesischen Oppeln geboren. Er wuchs im brandenburgischen Luckenwalde auf und studierte Slawistik. Da er erst 1990 in die CDU eintrat, also nicht zu den Blockflöten der Ost-CDU gehörte, und sein Bart an die DDR-Bürgerrechtler erinnert, wird er ihnen zugerechnet. Seit 1995 ist er Bürgermeister in Berlin-Mitte, wo eine klare linke Mehrheit existiert, die aber untereinander so zerstritten ist, daß Grüne und PDS den CDU-Mann als kleinsten gemeinsamen Nenner unterstützen. In einem Stadtbezirk, der seit 1989 mehr Veränderungen erlebt hat als jede andere Gegend in Deutschland, den sozialen Frieden gewahrt zu haben, ist nicht wenig. Zellers Arbeit bestand aber nicht in politischen, sondern in kommunalen Verwaltungsaufgaben. Als kurzzeitiger CDU-Generalsekretär hatte er gespottet, daß er erst im West-Berliner Filz den „wahren Sozialismus, den mit der harten Währung“, kennengelernt habe. Das ist seine einzige halbwegs politische Aussage. Im persönlichen Umgang angenehm, verfügt er weder über programmatische noch strategische Konzepte, auch nicht über Beredsamkeit und Mediencharisma. Niemand kann ihn sich als Regierenden Bürgermeister vorstellen. Er ist eine Schachfigur in einer Berliner Provinzposse. Auf dem Parteitag plädierte er für „innere Ruhe und Geschlossenheit“. Er ist also angekommen im Sozialismus der harten Währung! Sein eigentliches Ziel, so heißt es, sei ein Bundestagsmandat 2006. Als Berliner CDU-Vorsitzender wird er weder ein Martin Luther noch ein Friedrich der Weise sein, sondern nur als Joachim die Marionette in Erinnerung bleiben.

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