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„Die Amerikaner lächeln nur milde“

Herr Dr. Barnett, Tony Blair und George Bush haben sich am Dienstag in Belfast darauf geeinigt, der Uno eine „zentrale Rolle“ bei der Übergangsverwaltung des Irak nach einem Sieg über Saddam Hussein einzuräumen. Ein echtes Zugeständnis, oder sorgen die Amerikaner lediglich dafür, daß ihr Verbündeter Blair in Europa das Gesicht wahren kann, werden aber nach Abschluß der Kämpfe doch auf die unilaterale Karte setzen? Barnett: Darauf würden die Briten mit großer Verunsicherung reagieren, und Tony Blair würde politisch erheblichen Schaden davontragen. Man muß bedenken, daß die USA zum einen auf naive Art und Weise davon überzeugt sind, daß eine US-Verwaltung für den Irak das Beste ist, zum anderen wohl schon rein gefühlsmäßig davon ausgehen, daß sie, da sie die Hauptlast des Krieges tragen, danach auch das Sagen haben werden. Noch am Montag haben die USA erklärt, daß ein selbständige irakische Verwaltung nur unter US-Schutz gedeihen könne, da eine UN-Verwaltung – offenbar im Gegensatz zu einer amerikanischen Übergangsregierung – eine Art Fremdherrschaft darstelle. Barnett: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Während die britische Armeeführung im Irak plant, den Hafen von Umm Kasr möglichst bald wieder durch eine irakische Behörde verwalten zu lassen, wurde bekannt, daß die amerikanische Hilfsorganisation USAid diesen Auftrag schon an eine Firma in Seattle vergeben hat. Das zeigt, wie heuchlerisch die Argumentation der Amerikaner ist. Die Kritik an den USA ist in Großbritannien in den letzten Tagen allgemein gewachsen. Warum? Barnett: Die Mehrheit der Briten war von Anfang an gegen den Krieg. Premierminister Blair versuchte die USA auf eine neue Uno-Resolution zu verpflichten, aber schon bevor die US-Vertreter den Verhandlungsraum betraten, waren sie entschlossen, diesen Krieg zu führen, koste es, was es wolle. Dieser Krieg ist illegal. Diese über drei Wochen zurückliegenden Ereignisse können aber nicht der Grund für die jüngste Verstimmung unter den Briten sein. So bezeichnete dieser Tage der ehemalige britische Oberstleutnant und Golfkriegsveteran Stuart Crawford die Kriegführung der Amerikaner im Irak als „überwältigend arrogant, militärisch und kulturell“. Barnett: Das ist der Punkt, der amerikanische Stil ist so sehr verschieden vom britischen Stil! Die Amerikaner, vom Präsidenten an abwärts, neigen dazu, sich aufzuführen, als wären sie in einer Hollywoodshow. Sie befleißigen sich einer extravaganten Sprache und präsentieren alles in heroischer Pose. Bekanntlich sind die Briten einem gesunden Pathos auch nicht abgeneigt. Barnett: Doch gleichzeitig üben wir uns in Understatement. Können Sie ein Beispiel nennen für die Art des Auftretens der Amerikaner, das viele Briten so verstimmt? Barnett: Zum Beispiel war kürzlich im Fernsehen ein US-Soldat zu sehen, der auf einem Panzer stehend und herausfordernd mit den Armen rudernd lauthals forderte, endlich bis Bagdad vorzustoßen. Kein britischer Soldat würde sich derart halbstark exponieren, dazu sind die Briten zu ruhig und unsere Truppen zu diszipliniert. Oder denken Sie an den amerikanischen Kodenamen für diesen Krieg: „Operation Irakische Freiheit“. – Das könnte der Titel eines Hollywoodfilms sein! Vergleichen Sie damit den Namen für die britische Operation im Süden: „Telic“, das griechische Wort für „Grund, Ursache“. Deutlicher kann der Kontrast der Stile nicht dargestellt werden. Spielt die Tatsache, daß seit Beginn des Angriffes auf den Irak immer wieder britische Soldaten in amerikanischem Feuer sterben, eine Rolle für den Verdruß vieler Briten? Barnett: Es ist wohl durchaus ein gewisser unterdrückter Unmut vorhanden. Die Amerikaner tun das natürlich nicht mit Absicht, aber sie sind nicht umsichtig genug. Im Zweifel schießen sie gleich, das ist unprofessionell. Der Tenor hier ist: „Typisch, da ballern die US-Truppen wieder einfach drauflos …“ Zwar haben die Briten enormen Respekt vor der technischen Qualität der amerikanischen Ausrüstung, doch nur wenig vor der militärischen Qualität der amerikanischen Kämpfer. Allerdings ist Eigenbeschuß doch etwas ganz Normales im Krieg. Barnett: Das stimmt, aber es kommt bei den US-Truppen zu häufig vor. Es ist nicht akzeptabel, wenn die Verluste durch Eigenbeschuß genauso hoch sind, wie durch feindlichen Beschuß. Starben bisher keine amerikanischen Soldaten in britischem Feuer? Barnett: Falls dem so wäre, hätten wir doch alle davon in den Nachrichten gehört. Also gehe ich davon aus, daß dies bislang nicht passiert ist. Sie selbst haben in den letzten Tagen von „Washingtons desaströsen Intellektuellen und moralischer Arroganz“ gesprochen. Das ist mehr als Kritik am amerikanischen Stil. Barnett: Schauen Sie sich doch die Herren Wolfowitz, Rumsfeld, Perle und Edelmann einmal genauer an: Diese Menschen sind derartig von sich überzeugt und vollkommen erfüllt vom Bewußtsein Amerikas enormer militärischer Macht! Ganz offensichtlich pflegen diese Leute eine Haltung, die man wohl nicht anders als mit dem Wort „geistiger Führerbunker“ umschreiben kann. Da ist nicht das geringste Gefühl für die Welt außerhalb Amerikas und für die Sicht der Menschen dort vorhanden. Wenn diese Leute im europäischen Fernsehen von Journalisten mit dem Standpunkt der Europäer konfrontiert werden, so lächeln sie nur so milde paternalistisch, als müßten sie das dumme Kindergeschwätz der Europäer gar nicht ernst nehmen. Halten Sie diese Leute für subtile Zyniker der Macht? Barnett: Nein, ich nehme an, sie glauben an das, was sie sagen. Aber das ist gerade das Erschreckende, es handelt sich eben nicht um im Grunde weltoffene Pragmatiker, wie meintewegen Lord Salisbury oder Otto von Bismarck. Und während sie steif und fest in das Gute und Weltbeglückende ihrer Ansichten vertrauen, legen sie ohne mit der Wimper zu zucken die Hände auf die Ölkonzessionen des Irak, oder was immer ihnen dort von Nutzen ist. Mal tischen sie uns auf, es ginge um die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak, dann um den Kampf gegen den Terrorismus, den wir dort führen müßten, schließlich geschieht alles, um dem Irak die Demokratie zu bringen. – Oder handelt es sich nicht doch schlicht um den Versuch, die zweitgrößte Öllagerstätte der Welt in die Hand zu bekommen? Einige Intellektuelle analysieren das amerikanische Verhalten als imperial. Barnett: Wenn man sich die Unreflektiertheit, mit der die genannten Personen an ihre Mission und an das Heil glauben, das angeblich von ihrer Interpretation der Demokratie ausgeht, vergegenwärtigt und ihre gewaltigen militärischen Machtmittel in Betracht zieht, so kann man sich dieser Interpretation kaum verschließen. Ein Brite, der den Imperialismus kritisiert? Barnett: Imperialismus war in der Vergangenheit tatsächlich das Programm Großbritanniens, doch diese Epoche der europäischen Geschichte ist vorüber. Doch bitte bedenken Sie, daß selbst dann die Fairneß zu sagen gebietet, daß der Imperialismus Großbritanniens von anderer Art war, als das, was die Amerikaner heute betreiben. Großbritannien hat sich immer bemüht, sich in die Mentalität der Völker hineinzufühlen, die es beherrscht hat, schließlich haben wir ihnen zudem geholfen, unter britischer Oberhoheit eigene Institutionen auszubilden. Kommt da nicht auch der Neid einer ehemaligen Kolonialmacht zum Ausdruck, die ein Weltreich verloren hat, während ihre ehemaligen Kolonien sich daran machen, ein neues zu errichten? Barnett: Zugegeben, da mag etwas dran sein, vor allem wenn man sieht, wie ungeschickt sich die Amerikaner dabei anstellen. Doch es bleibt, daß uns das amerikanische Verhalten zurück in die Zeit vor 1939 wirft, als die Welt das selbstherrliche Verhalten großer Mächte noch ungestraft hinnahm. Unter anglo-amerikanischem Druck war Saddam Hussein keine Gefahr für irgendwen außerhalb des Irak. Tony Blair hätte den Amerikanern klar machen müssen, daß er Großbritannien, selbst wenn er es für richtig hält, nicht gegen den Willen des Volkes in den Krieg führen kann. Hätte das die Amerikaner beeindruckt? Barnett: Die Amerikaner stehen ungern alleine, und vielleicht hätte eine totale Isolierung sie doch davon abgehalten, diesen Krieg zu beginnen. Blair hatte die Möglichkeit, an entscheidender Stelle etwas zu bewirken, doch er hat darauf verzichtet und schließlich sogar die USA unterstützt. Angesichts dieser Entwicklung möchte ich die einzigen zwei deutschen Worte nennen, die ich beherrsche: „Ohne mich!“ Nach Beginn des Angriffs auf den Irak scheint sich aber die Meinung der Mehrheit der Briten gewandelt zu haben. Barnett: Nun, da unsere Truppen im Feld stehen, unterstützen wir sie natürlich in jeder Form, in der Hoffnung, daß sie mit einer möglichst geringen Zahl von Gefallenen ihren Auftrag professionell erledigen, wie sich das für britische Soldaten gehört. Die Briten spüren, daß es trotz der politischen Fehlentscheidung, sich am Krieg zu beteiligen, unsere Truppen sind, die nun am Golf im Feuer stehen. Wir stehen hinter unseren Soldaten, nicht hinter Tony Blair oder gar der Kriegspolitik der Vereinigten Staaten. Sie gelten als Konservativer, hätte ein Tory-Premierminister eventuell anders entschieden? Barnett: Ich glaube nicht, denn in dieser Frage geht der Riß quer durch die Parteien. Doch die Mehrheit der Führung der Torys ist für den Krieg der Amerikaner, ich gehe also davon aus, daß nichts anders gekommen wäre. Wird sich Blairs Kurs gegen das Volk bei den nächsten Wahlen rächen? Barnett: Auf jeden Fall wird ihm die Mehrheit in seiner eigenen Partei den Kriegskurs übelnehmen. Entscheidend könnte sein, ob es Blair gelingt, zumindest in der Frage der Nachkriegsordnung im Irak einen eigenständigen Kurs gegenüber den USA erfolgreich durchzusetzen: Je mehr er den Eindruck erweckt, doch nur der Hilfswillige Washingtons zu sein, desto mehr wird er an Unterstützung in Großbritannien verlieren. Sollten die Briten ihre politische und militärische Unterstützung der USA aufgeben, falls diese sich gegenüber Blair und der von ihm favorisierten Uno-Lösung für den Irak doch noch durchsetzten? Barnett: Es wäre in der Tat verhängnisvoll, wenn die Briten sich nun durch die aus dem Krieg folgenden Herausforderungen bedingungslos an die USA ketten würden. Könnte der Krieg also, nach Jahrzehnten der transatlantischen Sonderbeziehungen, eine Rückbesinnung der Briten auf Europa einläuten? Barnett: Großbritannien ist seit dem Zweiten Weltkrieg davon ausgegangen, es sei die Brücke zwischen Amerika und Europa. In dieser Tradition versteht auch Blair seine Rolle, doch das wird in Zukunft nicht mehr durchzuhalten sein. Entscheidungen stehen bevor – Blair wird nicht länger sowohl einer der führenden europäischen Staatsmänner als auch gleichzeitig loyaler Partner Amerikas sein können. Also heißt die Frage: Emanzipation oder Partnerschaft? Barnett: Emanzipation ist notwendig, aber bitte nicht mit unvernünftig dramatischer Geste. Wie denken Sie über die zielstrebige Schaffung einer gemeinsamen europäischen Atomstreitmacht, um Europa diesbezüglich den Vereinigten Staaten von Amerika in Zukunft gleichzustellen? Barnett: Europa hat noch einen langen Weg vor sich, bevor es soviel Homogenität erlangt hat, daß eine gemeinsame Außenpolitik, die die Grundlage für eine solche Streitmacht wäre, möglich sein wird. Vorerst kann Europa seine Form also nur in der möglichst gewinnbringenden Organisation selbständiger Nationalstaaten finden. Auch deshalb ist es wichtig, daß die britische Regierung nach Beendigung des Krieges endlich wieder verstärkt auf die Wahrung britischer Interessen achtet. Was die Amerikaner angeht, sehe ich mich allerdings verpflichtet zu sagen: Ich hoffe, daß ihr Krieg im Irak für sie zu einem Schlamassel wird, damit sich Washington nie wieder traut, so etwas erneut zu unternehmen. Moritz Schwarz Dr. Corelli Barnett der 1927 in London geborene renommierte konservative englische Militärhistoriker machte sich vor allem mit seinen Arbeiten über große Generäle sowie den Aufstieg und Fall des Britischen Empires einen Namen. Von 1977 bis 1995 war er Direktor des Churchill-Archives an der Universität Cambridge, das den Nachlaß des ehemaligen Premierministers verwaltet. Heute lebt der mehrfach ausgezeichnete Autor in Norwich. Wichtigste Veröffentlichungen: „The Collapse of British Power“ (1972), „Marlborough“ (1974), „Bonaparte“ (1978), „The Audit of War“ (1986), „The Lost Victory. British Dreams, British Realities“ (1995). weitere Interview-Partner der JF

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