Der Januskopf

Es gab eine Zeit – die noch gar nicht so lange zurückliegt -, da wurde der am 27. Mai 1923 im bayerischen Fürth geborene Henry (eigentlich: Heinz Alfred) Kissinger mit Superlativen überschüttet. Vielen gilt der nun bald Achtzigjährige noch bis heute als „Doyen der US-amerikanischen Außenpolitik“ bzw. als „Lichtgestalt der Diplomatie“. Dieses Bild ist allerdings, so behauptet zumindest der britische Publizist Christopher Hitchens in seinem Buch „Die Akte Kissinger“ (2001), nur die eine Seite des politischen Januskopfes Kissinger. Heinz Alfred Kissinger emigrierte 1938 mit seinen jüdischen Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA. Er diente bis 1946 in der US-Army, für die er in Deutschland zum Einsatz kam. 1962 wurde Kissinger zum Professor in Harvard berufen, wo er bis 1965 ein volles Lehrdeputat wahrnahm. Unter den Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson war er Berater für den Nationalen Sicherheitsrat und Abrüstungsfragen. 1965 wurde er als Berater in das State Department berufen. Präsident Richard Nixon erhob den außenpolitischen Experten in der Folge zum Leiter des Nationalen Sicherheitsrats. 1973 gelangte er in Südostasien zu einem Waffenstillstand, der ihm den Friedensnobelpreis einbrachte und den Abzug der US-Truppen aus Vietnam einleitete. 1973 war auch das Jahr, in dem Kissinger zum Außenminister unter Nixon aufstieg. Nach dessen Rücktritt wurde er in dieser Funktion für die Amtszeit des nachfolgenden Gerald Rudolph Ford von 1974 bis 1977 bestätigt. Doch hinter dieser Fassade, so Hitchens, verberge sich tatsächlich ein skrupelloser Machtpolitiker. So habe Kissinger nach Kräften versucht, den Amtsantritt des demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende zu verhindern. Zum Putsch kam es erst drei Jahre später, aber schon 1970 wurde der Allende-treue Militärchef General René Schneider bei einem Entführungsversuch durch eine von der CIA finanzierte Offiziersgruppe ermordet. Diesen Mord lastet Hitchens Kissinger an. Am schwersten aber wiegen die Vorwürfe, die Hitchens im Zusammenhang mit der rücksichtslosen Bombardierung Kambodschas im Windschatten des Vietnamkrieges gegen Kissinger erhebt. Hier klagt er ihn des Verbrechens gegen die Menschlichkeit an. Weiter soll Kissinger – aus wahltaktischen Gründen – maßgeblich die Verlängerung des Vietnamkrieges betrieben haben, der Hitchens‘ Meinung nach bereits 1968 hätte beendet werden können. Und auch die indonesische Invasion in Osttimor soll mit seiner wohlwollenden Unterstützung erfolgt sein. Keine Frage: Das Denkmal zu Lebzeiten, an dessen Errichtung Kissinger so sehr gelegen ist, hat Risse bekommen. Auffällig ist, wie wenige politsche Weggefährten heute Kissingers Rolle zu verteidigen versuchen. Auch Kissinger selbst zieht es vor, zu Hitchens‘ Vorwürfen zu schweigen.

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