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Der Großredner

Ich kann dem Leben in seiner Buntheit nicht gerecht werden. Mir fehlt ein Sinn für Realität im weitesten Sinn.“ In dieser Selbsterkenntnis steckt einiges von dem, was Walter Jens zu einer umstrittenen Persönlichkeit machte. Jens, der von 1962 bis 1988 den Tübinger Lehrstuhl für allgemeine Rhetorik innehatte und sich selbst mit seinen zahllosen Büchern, Reden, Aufsätzen und Stücken zu den „Anwälten der Humanität“ zählt, galt einstmals als erster Rhetor der alten Bundesrepublik. Denn alle Talente des Mannes konzentrieren sich im Genre der Rede, wobei er jederzeit die antike Tradition der aufklärerischen Ansprache hochhielt – auch wenn er deren Irrtum, die Annahme einer unbestechlich „objektiven“ Rede, stets verkannte. Und ausgestattet mit den Erfahrungen der Diktatur, gilt sein Lebenswerk auch der Abwehr der „Gegen-Aufklärung“, wo er sie – zumal bei seinen konservativen Gegnern – am Werk sieht. Zunächst Professor für Klassische Philologie, wandte er sich schon früh der Belletristik zu. Seine (wenig geglückten) Romane und Schauspiele, seine Essays und Glossen, seine Übersetzungen antiker Stücke, seine Predigten und theologischen Sendschreiben zwischen „Kanzel und Katheder“, seine literaturwissenschaftlichen Arbeiten: sie alle belegen, daß es Jens stets um die Verteidigung der „Bürgerrechte“ geht – gemeint waren freilich nur jene Rechtsgüter, die der Linksliberale darunter versteht. Als „radikalen Bürger“ hat er sich selbst bezeichnet, manchmal auch zum Spott seiner Gegner wie Freunde, die in seinem unverwechselbaren, leicht imitierbaren Stil das Pathos entdeckten, das Jens so verabscheut. Doch nicht jeder Bundesbürger mochte sich von ihm repräsentieren lassen, und auch seinerseits hat er sich zwar von seinem publizistischen Richterstuhl etwa gegen Notstandsgesetze oder den Olympia-Boykott 1980, nicht aber zum Beispiel für die Nöte der Heimatvertriebenen eingesetzt. Jens‘ Haltung machte ihn bald zu einem Verteidiger der sozialliberalen Politik. Kein Zufall, daß er seit 1976 der Präsident des PEN-Zentrums, später der erste Präsident der gesamtdeutschen Akademie der Künste Berlin war. Als poeta doctus holte er die Modernität der Antike, wie sie ihm bei Homer oder Aischylos begegnete, in eine Gegenwart hinein, mit deren Protagonisten er von ‚gleich zu gleich‘ redete, was mitunter unfreiwillig komisch anmutete. Lange Zeit gab es kein gesellschaftspolitisch relevantes Thema, das nicht von ihm mit pawlowscher Reflexhaftigkeit kommentiert wurde. Ihm war selbst das Kleinste nicht zu klein: die Rede zum Jubiläum eines Fußballclubs gehört ebenso dazu wie etwa eine Gedenkrede für den Komponisten Paul Hindemith: alles im Dienst einer Aufklärung im Geist des „aufgeklärten Sozialismus“, der zuweilen unter der Last des Gelehrten zu knirschen droht. Am 8. März vollendet Walter Jens, dessen Gesamtwerk so facettenreich schillert, das 80. Lebensjahr.

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