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Der Gigant

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Wie aus einer anderen Epoche, so ragt seine Gestalt in unsere Gegenwart: Alexander Isajewitsch Solschenizyn wird 85 Jahre alt. Bekannt wurde er, als er 1962, während der Entstalinisierung Chruschtschows, seine Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch“ veröffentlichen durfte. Hier wurde – erstmals in der sowjetischen Literatur – das Schicksal der unzähligen Gefangenen in kommunistischen Lagern beschrieben. Solschenizyn wurde über Nacht berühmt: Er hatte als erster das angsterfüllte Schweigen durchbrochen. Der am 11. Dezember 1918 in Kislowodsk geborene spätere Mathematiklehrer nahm als Artillerieoffizier der Roten Armee am Zweiten Weltkrieg teil. In einem seiner ganz frühen Werke, dem 1950 in sowjetischer Lagerhaft entstandenen Poem „Preußische Nächte“, beschreibt der Häftling, der wegen regimefeindlicher Äußerungen ins Lager geraten war, die Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee. Er schildert den Untergang der deutschen Bevölkerung, bis hin zu Einzelheiten, als ein sowjetischer Soldat mit seinem Spaten auf die Tasten eines „erbeuteten“ Klaviers eindrischt und die vormarschierenden Sowjetsoldaten sich in eine Orgie der Vernichtung steigern: „Brenne, rauche, du arbeitsames, fleißiges Land“. Am Schluß erinnert sich Solschenizyn der bekannten Worte, die er auf deutsch zitiert: „Komm mit!“ (womit die Massenvergewaltigungen begannen), und er sieht vor sich eine junge blonde Frau, die ihm zuflüstert: „Erschieß mich nicht !“ Da brach für ihn eine Welt zusammen. Aus der Lagererfahrung stammt sein Lob der Niederlage: Siege, so Solschenizyn, machten nur Appetit auf neue Eroberungen, die Niederlage aber bringe Freiheit. Während seiner Haft kam ihm die Idee zu seinen Büchern, die sich in authentischer, autobiographischer Form mit dem Sowjetsystem auseinandersetzen: „Krebsstation“ und „Der erste Kreis der Hölle“. Hier beschreibt er, wie die deutschen Gefangenen Weihnachten 1944 feierten, wobei erneut seine Sympathie für die Deutschen spürbar wird. Als ihm 1970 der Nobelpreis für Literatur in Stockholm verliehen werden sollte, verbot das Breschnew-Regime seine Ausreise. Als 1973 sein „Archipel Gulag“ auf russisch in Paris erschien, wurde er unter Aberkennung der sowjetischen Staatsbürgerschaft nach Westen ausgewiesen. Er siedelte sich mit Familie im US-Staat Maine an, wohl weil dieser klimatisch Rußland am ähnlichsten war. Erst nach dem sowjetischen Zusammenbruch kehrte er in die Heimat zurück. Zuletzt veröffentlichte er ein Werk in zwei Bänden über das Zusammen- und Gegeneinanderleben von Russen und Juden. Solschenizyn ist gewiß die bedeutsamste literarisch-politische Gestalt des zeitgenössischen Rußland, dessen Wege er ebenso kritisch kommentiert wie vorher manche Irrwege des Westens. Daß er sich der Deutschen in den Zeiten ihrer schwersten Not erinnerte, sollte ihm nicht vergessen werden.

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