„Benachteiligt sind die Familien“

Herr Kraus, wie will sich die CSU mit ihrem von der CDU bereits heftig kritisierten Rentenreformvorschlag gegen die größere Schwester durchsetzen? Kraus: Es war in der Vergangenheit immer so, daß wir auf Augenhöhe verhandelt haben. Natürlich ist klar, daß es zu harten Diskussionen kommen wird, aber wir werden sachlich verhandeln und deshalb am Ende auch in der Lage sein, uns zu einigen. Die persönliche, beleidigende Kritik an Horst Seehofer klang nicht sehr sachlich. Und CDU-Präsidiumsmitglied Hildegard Müller zum Beispiel sprach bezüglich des CSU-Vorschlags gar von einer „Spaltung der Gesellschaft“ und nannte sie “ fast einen Enteignungstatbestand“. Kraus: Mit Verlaub, so ein Unfug! Ich glaube, wer sich mit unseren Vorschlägen wirklich ernsthaft beschäftigt hat, der reagiert gelassener. Von anderen Kritikern wird das Bekenntnis Edmund Stoibers zur „absoluten Priorität für Familien mit Kindern“ in der Rentenpolitik als Benachteiligung der Kinderlosen bewertet. Kraus: Davon kann keine Rede sein. Tatsache ist doch, daß bislang Familien mit Kindern eine Doppelleistung für unser Rentensystem erbracht haben. Dieser bisherigen Benachteiligung muß durch eine stärkere familienpolitische Komponente Rechnung getragen werden – um der Gerechtigkeit wie um des Fortbestehens unseres Rentensystems willen. Lassen Sie mich aber noch einen weiteren Punkt nennen, der uns ganz wichtig ist: Das Rückgrat der deutschen Industrie sind unsere Facharbeiter, die meist schon sehr früh in den Beruf gehen. Für diese Leute muß es eine Perspektive geben, nach einem vollen Erwerbsleben – mit entsprechender körperlicher Belastung – auch dann in Rente zu gehen, wenn sie noch nicht 65 oder 67 Jahre als sind. Der Renteneintritt muß sich deshalb nach der Lebensarbeit und nicht nach dem Lebensalter richten. Warum haben viele Menschen solche Vorbehalte dagegen, Kinder zu einer Grundlage der Bemessung der Rente zu machen? Kraus: Solchen Vorbehalten kann ich nur mit dem Hinweis begegnen, daß angesichts der Schwierigkeiten, die auf uns alle zukommen, künftig nicht weniger, sondern mehr Solidarität geübt werden muß. Also weg von der Gesellschaft der Individualisten, wieder hin zur Schicksalsgemeinschaft, wie Wolfgang Schäuble das einmal gefordert hat? Kraus: Absolut richtig! Wir müssen wieder lernen, in der Kategorie Solidarität zu denken, der reine Individualismus hat lange eine zu große Rolle gespielt. Entwickelt sich die CSU also doch immer mehr zum „sozialen Gewissen der Union“, auch wenn Peter Müller ihr das abspricht? Kraus: Die CSU hat sich immer um die Angelegenheiten der „kleinen Leute“ gekümmert, die Menschen wissen das. Woher kämen sonst die guten Wahlergebnisse? Es gilt der Grundsatz: „Leben und leben lassen“. Rudolf Kraus : Der CSU-Bundestagsabgeordnete, geboren 1941 in Amberg, war Parlamentarischer Geschäftsführer und Staatssekretär. weitere Interview-Partner der JF

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