Der rote Blitz

Er arbeitet zwar nur einen Tag im Jahr, aber an dem hat er verdammt viel zu tun: Rund 378 Millionen christliche Kinder in 91,8 Millionen Haushalten wollen mit Geschenken beliefert werden. Aufgrund der verschiedenen Zeitzonen ist er am Heiligen Abend einunddreißig Stunden im Dienst, muß 822,6 Besuche pro Sekunde absolvieren und kann sich für die Bescherung jedes Kindes nur 1/1000 Sekunde Zeit nehmen. Auch wenn er dabei, je nach örtlichem Brauch, von Knecht Rupprecht oder seinen schlittenziehenden Rentieren unterstützt wird, ist er arg im Streß.

Obwohl wir uns Weihnachten ohne den Weihnachtsmann kaum noch vorstellen können, und trotz seines langen weißen Bartes ist er doch eine verhältnißmäßig junge Gestalt des weihnachtlichen Brauchtums: Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Züge des Heiligen Nikolaus, des traditionellen Patrons der Kinder, mit solchen des Kinderschrecks Knecht Rupprecht zu einer sowohl belohnenden als auch bestrafenden Figur vereint, als deren Vorbild der von Moritz von Schwindt 1847 für den "Münchner Bilderbogen" entworfene "Herr Winter" gilt.

Der adventliche Nikolauskult ist freilich schon sehr viel älter: Im frühen Mittelalter in der griechisch-byzantinischen Heimat des um 270 n. Chr. geborenen und 342 n. Chr. verstorbenen Bischofs von Myra gepflegt, wurde er von der Kaiserin Theophano, der aus Byzanz stammenden Gemahlin Ottos II., Ende des 10. Jahrhunderts in Deutschland eingeführt. Seine Verehrung verband sich mit heidnischen Vorstellungen, die noch immer den Volksglauben prägten, wie derjenigen des die Wilde Jagd anführenden Wotan. Allmählich differenzierten sich die "guten" und "bösen" Seiten des Nikolaus derart, daß ihm beim seit dem 17. Jahrhundert bezeugten Einkehrbrauch, der Prüfung, Belohnung und Bestrafung der Kinder, sein finsterer Gehilfe Knecht Rupprecht beigesellt wird, dessen verschiedenen Namen, wie Crampus, Beelzebub, schwarzer Piet auf den Teufel verweisen. Ebenfalls auf die frühchristliche Nikolauslegende geht der Einlegebrauch zurück, bei dem der Nikolaus seine Gaben in die bereitgestellten Schuhe der Kinder legt; dieser Brauch ist seit dem frühen 16. Jahrhundert bezeugt und entwickelte sich aus der Legende von den drei armen Jungfareune, die durch ein Geschenk des Nikolaus – drei goldene Äpfel – vor der Prostitution bewahrt blieben.

Verglichen mit diesen christlichen und heidnischen Vorstellungen, aus denen unser Weihnachtsmann synkretistisch gebildet wurde, ist er also eine durchaus moderne Gestalt, eine Schöpfung von gründerzeitlichem Historismus und Liberalismus, die das Züchtigen und Rutenschwingen längst aufgegeben hat und nur noch Wunschzettel fristgerecht bearbeitet. Nun ist er wieder unterwegs – und zwar mit 1.040 Kilometern pro Sekunde, wenn er alle braven Kinder bedienen will.


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