Fern jeder Realität

Die Londoner Afghanistan-Konferenz ein großer Wurf? Ein „strategischer Neuanfang“, wie Außenminister Guido Westerwelle (FPD) bilanzierte? Nichts von dem. Wie schon die Petersberg-Konferenz im Jahr 2001 stand auch die Londoner Konferenz unter keinem guten Stern.

Am Hindukusch schaut der Westen immer noch gern an der Realität vorbei. Vor allem die Absicht, ein millionenschweres Aussteigerprogramm für gemäßigte Taliban zu finanzieren, offenbart, daß man die Lage falsch beurteilt. Man kann mit Geld nicht alles machen. Es sollte auch nicht darum gehen, die gemäßigten Gegner zu sich herüberzuziehen. Die harten Kämpfer müssen in das Gespräch einbezogen werden. Eine Beruhigung der Situation oder einen Waffenstillstand kann es nur dann geben, wenn man mit den wirklichen Führern des Widerstandes verhandelt. Das sind oft unerbittliche, aber zuverlässige Leute – jedenfalls verläßlicher als jene „Gemäßigten“, die man nun kaufen will, aber letztendlich nur mieten würde. Wie auch immer, prämierte Aussteigerprogramme gehen an der Mentalität der Afghanen vorbei. Gern nehmen sie das Geld. Verpflichtet fühlen sie sich dadurch nicht.

Ein wesentlicher Faktor der Unsicherheit ist und bleibt die afghanische Polizei. Die Isaf beweist viel Mut, wenn sie die Absicht hegt, westliche Ausbilder mit der afghanischen Polizei ins Feld zu schicken. Für die zwei, drei Instrukteure, die sich in der höchst unberechenbaren afghanischen Truppe aufhalten, wäre die Situation extrem gefährlich. So sehr man sich auf die Gastfreundschaft bei den Paschtunen verlassen kann, so wenig wird das bei jenen dubiosen Kräften der Fall sein, die in einer fremdbestimmten afghanischen Polizei Dienst tun.

Das Schwergewicht der US-Strategie wird neuerdings auf dem Ausbau der afghanischen Armee gelegt. Nur ist auch hier Vorsicht geboten. In Saigon hatten die USA eine südvietnamesische Armee von 500.000 Mann aufgestellt, die weit besser war als alles, was in Afghanistan zu erwarten ist. Doch eine halbe Million Soldaten versagten gegenüber den Kräften des Nordens, sobald sie auf sich allein gestellt waren.

Der Afghanistan-Krieg wird oft mit dem Vietnam-Feldzug (1965–1975) verglichen. Tatsächlich sind einige Parallelen erkennbar. So wurde in der Aufstandsbekämpfung in beiden Konflikten zunächst nach dem Vernichtungsprinzip „search and destroy“ verfahren. Die hohe Zahl ziviler Opfer von „Kollateralschäden“, die dabei verursacht wurde, veranlaßte den Übergang zu einer neuen Strategie – „clear and hold“ genannt. Ein weites Territorium sollte abgesichert und dauerhaft befriedet werden. Für solche Ambitionen ist jedoch das Truppenaufgebot am Hindukusch längst nicht ausreichend. Die Zauberformel heißt neuerdings, „Herzen und Gemüter“ zu gewinnen („to win hearts and minds“). Doch auch davon war bereits in Vietnam die Rede.

Die Befehlshaber der Nato-Allianz treiben zur Stunde die Aufstockung der eigenen Truppenpräsenz voran und hoffen auf eine militärische Trendwende. Sie sollten dabei jedoch nicht von dem Präzedenzfall Irak ausgehen. Dort war ein Nachlassen der Kämpfe im aufständischen sunnitischen Dreieck bereits eingetreten, bevor die massive alliierte Truppenverstärkung der USA – „surge“ genannt – überhaupt begonnen hatte. Die Lage im Irak war dadurch gekennzeichnet, daß die Sunniten die Befürchtung hegten, die schiitische Bevölkerungsmehrheit werde nach Abzug der U. S. Army die totale politische Macht ausüben. Sie haben sich auf eine Zusammenarbeit mit den Amerikanern eingelassen – in der Hoffnung, daß ihnen dadurch die Möglichkeit geboten würde, eigene Kampfeinheiten aufzustellen. Man verbündete sich mit den Besatzern – mit wenig Erfolg. Die Unzuverlässigkeit der sogenannten  „Erweckungs“-Milizen („Sahwa-Miliz“) und die wieder zunehmenden Terroranschläge in Bagdad beweisen die Fragwürdigkeit einer solchen Methode. Ein vergleichbares Vorgehen auf Afghanistan zu übertragen, macht wenig Sinn.

Die Truppenaufstockung, die die westliche Allianz ihrerseits vornimmt, sollte jedoch nicht pauschal verworfen werden. Bei den bevorstehenden Verhandlungen muß man von einer eigenen starken Position ausgehen.

Ein bemerkenswerter Wandel hat inzwischen stattgefunden. Die USA sind von der Illusion abgekommen, eine Westminster-Demokratie in Afghanistan einzurichten. Sie haben begriffen, daß sie auf die überlieferten Traditionen des Landes zurückgreifen müssen. Die Einberufung einer Loya Jirga, einer Versammlung der Stammesführer und der wichtigsten Warlords, wäre weit sinnvoller als das Pseudoparlament, das immer noch unter der Ägide Hamid Karsais als Staatschef fungiert. Dieser Freund des Westens verfügt bei seinen Landsleuten über keinen Kredit und hat nach der letzten getürkten Wahl Legitimität verloren.

Gewisse Zeichen deuten darauf hin, daß bei der westlichen Allianz die Absicht reift, mit dem Widerstand in Verhandlungen zu treten. Die größte Schwierigkeit wird darin bestehen, glaubwürdige und verantwortliche  Gesprächspartner zu finden.

Eins sollte man aber nie aus den Augen verlieren. Die islamischen Länder, Afghanistan insbesondere, werden dank ihrer asymmetrischen Kriegführung jeden Versuch verhindern, durch die Stationierung bewaffneter „Ungläubiger“ aus dem Westen in die Gestaltung ihres Schicksals einzugreifen.

Foto: Im Kampf um die Herzen und Gemüter „gemäßigter“ Taliban wird der Westen den Einsatz wohl erhöhen müssen

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