Der Westen bedarf der Besinnung

Die Neigung der Kanzlerin zu schwammiger Rede ist zur Leitlinie der guten alten Tante CDU geworden, wenn nicht gar zur deutschen Staatsräson. Die schwächelnde Volkspartei sieht sich als catch all-Partei, die niemand „ausgrenzen“ und alle „hereinholen“ will. Die Rücksicht auf wichtige Gruppen wie engagierte Katholiken, Gegner der Abtreibung, Vertriebene, Patrioten passen nicht mehr in diese Strategie, die da lautet „Wahlen werden in der Mitte gewonnen“, wie Heiner Geißler schon vor 30 Jahren propagierte.

Doch, man staunt, die Stimmen für die CDU sind seitdem immer weniger geworden bis zum vorläufigen Tiefstand bei der vorigen Bundestagswahl. Irgend etwas an der Mitte-Parole kann also nicht stimmen. Man sollte sich diese vielberufene Mitte daher genauer ansehen: Da sind die, die die „Diktatur des Relativismus“ (Benedikt XVI.) vertreten und die ihr Fähnlein allzu leicht nach dem Wind hängen; jene, die von „der Religion“ Abschied genommen haben und für die Sozialstaat und Wohlstand zum Religionsersatz geworden sind (Jörg Schönbohm); jene, die der US-Soziologe David Riesman schon vor über einem halben Jahrhundert beschrieb („Die einsame Masse“, 1950) und die in der modernen Informationsflut sich das eigene Denken schon längst abgewöhnt haben – kurzum: eine Mehrheit, auf die man nicht bauen sollte, da sie morgen schon ganz woanders stehen kann als in „der Mitte“. Die Erfahrung ab 1930 ist hier hilfreich.

Die Schönwetterzeiten der siebziger Jahre sind vorbei, die weltpolitische Großwetterlage hat sich dramatisch geändert und erinnert deutlich genug an die Krisen vor achtzig Jahren. Mehr denn je bedarf es nicht bloß der Quantitäten, die sich rasch ändern können, sondern der Menschen und Gruppen mit Standpunkten und Standfestigkeit, nicht nur in der politischen Führung, sondern auch bei den Wählern. Modernisierung als solche ist keine Richtungsangabe.

„Naturwissenschaftliche“ Neutralität und Säkularismus bieten „Fortschritt“ – ohne Ziel und Richtung, wie die tiefe Krise des Kapitalismus überdeutlich zeigt. Und die Herausforderung des totalitären Islamismus steht vor den Toren wie 1930 die beiden damaligen Großtotalitarismen. Der Westen bedarf der Besinnung auf den geistigen Kern seiner Kultur und entsprechender Führung. Der Brei der Mehrheiten in der „Mitte“, der rasch zerfließen kann, ist nicht die Kraft, mit der er die Herausforderungen der kommenden Jahre bestehen kann.

Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles