Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Weiter in linker Gefangenschaft

Auf vielen unserer Kirchtürme steht neben dem noch immer festen Kreuz ein beweglicher Wetterhahn. Er erinnert uns nicht nur an den Verrat des Judas; er zeigt uns auch zuverlässig die Richtung an, aus der in Gesellschaft und Politik der Wind in die und in der Kirche weht – „eine nach allen Winden offene Halle“ (Schleiermacher). Damit wird die rasche Anpassung an den jeweils herrschenden Zeitgeist erheblich erleichtert.

Seit einiger Zeit ist in zunehmendem Maße die Bereitschaft zu einem Wandel zu erkennen. Namhafte Persönlichkeiten (allerdings nicht Institutionen) äußern sich beachtlich selbstkritisch zu ihrem eigenen Verhalten in der Vergangenheit, aber auch zu dem der Kirche und dem mancher Sympathisanten in Politik und Gesellschaft. Und das waren – beziehungsweise sind – nicht wenige. Das war so anläßlich der Auseinandersetzungen um den Religionsunterricht in Berlin, um die Wahlen zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD und des Präsidiums der EKD-Synode, den Kirchentag in Bremen und den Veranstaltungen zur Erinnerung an die Bekenntnissynode von Barmen vor 75 Jahren. In der veröffentlichten Meinung ist der Eindruck vermittelt worden, daß die sicher notwendigen Auseinandersetzungen in der Kirche weniger aufgeregt als bisher verlaufen und die Kirche sich wieder den spezifisch kirchlichen Aufgaben zuwendet. Dieser Eindruck ist auch nicht ganz falsch. Diese Feststellung entbindet nicht von der naheliegenden Frage, ob diese Entwicklung aus einem radikalen Sinneswandel oder lediglich aus einer taktischen Anpassung an den sich drehenden Zeitgeist zu erklären ist, nachdem entscheidende Positionen in der evangelischen Kirche erreicht und gleichgeschaltet worden sind. Klärung ist zur Vermeidung von Mißverständnissen dringend geboten! Die evangelische Kirche hat in den vergangenen Jahren viele „Zeichen“ gesetzt, die in der Regel als Schallverstärker aller möglichen linken Kampagnen „gegen Rechts“ verstanden worden sind; ganz aktuell beim Schlußgottesdienst des Bremer Kirchentages mit einem Kollektenaufruf für ein antifaschistisches Projekt in Thüringen sowie mit einem Wort zur Europawahl des Präsidiums der EKD-Synode.

Eine entsprechende Warnung vor dem Linksextremismus gab es erwartungsgemäß nicht. Von einer Bereitschaft zur Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft linker Zeitgeistideologien kann deshalb einstweilen noch nicht gesprochen werden.

Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin.

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