Joachim Kuhs

 

Nazis sind leicht zu erkennen

Canan Bayram ist ein mutige Frau. Neulich war sie, wie sie in der taz vom vergangenen Montag bekannte, bei einem Thailänder im Berliner Bezirk Friedrichshain, als ein leibhaftiger „Nazi“ den Laden betrat. Dieser hatte zwar weder Springerstiefel noch kahlgeschorenen Kopf, trug aber als Erkennungsmerkmal praktischerweise „Thor-Steinar-Sachen“, so daß sich die türkischstämmige SPD-Parlamentarierin im Berliner Abgeordnetenhaus ganz sicher sein konnte. „Ich habe darauf den Wirt angesprochen, und der hat die Sache geregelt und ihm nichts zu essen verkauft“, womit der Gastronom aus Fernost auch brav der von Bayram initiierten Aktion „Service-Wüste für Nazis“ entsprochen hat. Diese fordert Berliner Gewerbetreibende auf, „deutlich zu machen, daß deren Angebot nicht für jeden gilt“. Mit einem Aufkleber an der Ladentür „Für Nazis keine Happy Hour“ kann die reine Gesinnung auch offen demonstriert werden. Damit auch wirklich nur Nazis diskriminiert werden, rät Rechtsanwältin Bayram aber, man solle „die Leute auf ihre Haltung ansprechen. Dann entwickelt sich hoffentlich ein Gespräch, bei dem der Nazi über sein Verhalten reflektiert.“ Die Frage, ob die Aktion öffentlicher Stigmatisierung nicht an das Dritte Reich erinnere, als Juden in vielen Läden als „unerwünscht“ ausgegrenzt wurden, beantwortet die 42jährige offenherzig: Diese Assoziation ist „in der Absicht gewollt“. Es sei „eine Umkehrung der Verhältnisse von damals — nun wird der ausgegrenzt, der damals ausgegrenzt hat“, weiß Bayram. Außerdem könne „ein Nazis ja seine Haltung ablegen“. Unklar ist jetzt nur noch, wer dann die Absolution erteilt.

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