„Augstein raus, und Strauß muß rein!“

Das Jahr „1968“ ist unsterblich, nicht anders als das Schreckgespenst Hitler/Nazismus, welches gebannt zu haben „die 68er“ als historische Leistung beanspruchen – einer der vielen Mythen von „68“. Die Auseinandersetzung mit den Wurzeln der deutschen Katastrophe hatte längst vorher eingesetzt. Auf die Fragen der mehr „vaterlosen“ als „skeptischen“ Generation vermochten weder Historiker (Heimpel), Philosophen (Jaspers) noch Theologen (Gollwitzer) Antwort zu geben. Zudem bevorzugte die jugendliche Unschuld meist leichtere Kost wie den Spiegel (der Verfasser die Zeit). Jedenfalls war man „links“. Die älteren Semester trugen noch den existentialistischen Chic, wegen des Algerienkrieges. „Links“ war chic, lange vor 1968. Für den eingelochten Augstein gingen wir erstmals 1962 auf die Straße. Dessen Mischung aus Besserwisserei, nationaler Aufmüpfigkeit und Zynismus entsprach dem Lebensgefühl, gelangweilt von der Biederkeit der Ära Adenauer, mehr als alle verkrampften Diskurse über „Schuld oder Verhängnis?“ (Dennoch: Die protestantische Schuldpsychologie auf dem Weg in den Terror ist nicht zu unterschätzen.) „Augstein raus, und Strauß muß rein!“ Die Kampfparole als Antwort auf den Polizeiknüppel, mit dem die Obrigkeit (OB H.-J. Vogel) auf russophile Lieder der Bündischen Jugend reagierte. Die pensionsberechtigten Nazi-Verbrecher im öffentlichen Dienst hatten uns stets empört. Psychologisch unerfreulich wurde es mit dem sich unendlich hinziehenden Auschwitz-Prozeß. Der Seelenhaushalt nährte sich von der „Blechtrommel“, Paul Celan, Brecht, Jazz und Folk. Wolf Biermann tourte damals noch im Westen. Im SDS München wuchs die Erregung über den US-Imperialismus in Vietnam. Zum Glück kam ich erst im Spätsommer 1967 aus den USA zurück. Den Frankfurter Kaufhausbrand nahmen viele billigend in Kauf. Der Anschlag auf Dutschke gab der Revolte neuen Elan, beraubte sie indes ihres Charismatikers (und der nationalen Stoßrichtung). Was sich in 1968 angestaut und nach dem Mord an Ohnesorg entladen hat, steht jeglicher Selbstinterpretation offen. Vermutlich hat jeder seine eigene Geschichte. Nur ist sie oft so inhaltsleer wie die Bücherflut, die bei jedem Jubiläum über uns hereinbricht. Von jener Romantik, die der deutschen Misere zu entkommen suchte, ist selten die Rede (bei Peter Brückner, 1978). Anstatt des ewigen Feuilleton-Geschwafels empfehle ich Edgar Reitz‘ „Zweite Heimat“. Der Rest ist Makulatur. Herbert Ammon lebt als Historiker und Publizist in Berlin.

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