Endsieg des Konsumenten

Deutschland hat seit dem Zweiten Weltkrieg drei gesellschaftliche Katastrophen erlebt, die unser soziokulturelles Gefüge tief zerrüttet haben oder dies noch tun werden: die Zerstörung unseres Selbstbewußtseins von der Re-education bis zur 68er-Kulturrevolution, die Zeitbombe der Masseneinwanderung und des demographischen Schwunds mit ihren erst in Zukunft durchschlagenden Kulturkonflikten und die Einführung des Privatfernsehens als Chiffre für die Überwältigung unserer Gesellschaft durch die kommerziellen Massenmedien. Nun steht uns eine vierte epochale Katastrophe bevor: die Freigabe der Ladenöffnungszeiten. Während einige Bundesländer noch bis ins Frühjahr verzögern, hat das Berliner Abgeordnetenhaus beschlossen, daß ab Dezember von Montag bis Samstag rund um die Uhr geöffnet werden kann. Daß das die kleinen Dienstleister, die auch mit drastisch zunehmender Selbstausbeutung den Konkurrenzkampf gegen die großen Handelsketten nicht bestehen können, langfristig die Existenz kosten wird, ist dabei noch nicht einmal das Entscheidende. Die Aufhebung des gesellschaftlich einheitlichen Zyklus des Lebens von Ruhe- und Arbeitsphasen, von verbindlichen gemeinsamen Feier- und Festtage, dieser letzten Relikte des Kultus, der am Beginn der Entstehung einer Gesellschaft steht, markiert die vollendete Erosion der sozialen Kulturgemeinschaft der Deutschen, den Endsieg der historischen Figur des Konsumenten über Religion, Tradition, Volk und Civitas.

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