Der Turmbau zu Mainz

Ohren auf Durchzug stellen, Augen zu und durch. Mit dieser Einstellung paukten die Kultusminister in der vergangenen Woche auf ihrer Mainzer Konferenz die Rechtschreibreform durch, gegen den Willen der Mehrheit der Schreibenden, gegen ein breites öffentliches Bündnis. Gleichzeitig genehmigten sie das Weiterflicken an den neuen Regeln, so daß wieder neue Wörterbücher gedruckt werden müssen. Ein neuer „Rat für deutsche Rechtschreibung“ soll im Dezember die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung ablösen, die Rechtschreibreform künftig beobachten und im Jahr 2010 wieder einen Bericht vorlegen. Angeblich sollen auch Kritiker zur Mitarbeit im Rat eingeladen werden. Mit einem vom Allensbacher Meinungsforschungsinstitut gerade erst im Mai ermittelten Rückhalt von sage und schreibe 13 Prozent der Bevölkerung genehmigten die Minister den vierten Bericht der Rechtschreibkommission. Diese bewußt gegen den Willen des schreibenden Volkes gerichtete Entscheidung bewirkt, daß ab dem Schuljahr 2005/2006 den Schülern ein „daß“ die Deutschnote vermiesen kann. Die bewährte Rechtschreibung wird dann an den Schulen als Fehler gewertet. Die Kultusminister mißachten mit ihrer Politik den seit Anfang des Jahres erneut stark angeschwollenen Protest gegen die Rechtschreibreform. Als im Januar der Inhalt des neuesten Berichts der Rechtschreibkommission bekanntgeworden war, schlugen die Wellen hoch. Die Aussicht auf Tausende Änderungen an der Reform und die Forderung der Kommission nach Erhebung zur letzten Instanz in Fragen der Rechtschreibung holten nicht nur zahlreiche Sprachvereine, sondern auch die Schriftsteller aus der Reserve. Monika Maron, Hans Magnus Enzensberger oder Reiner Kunze, der soeben erst einen Preis „für seinen Einsatz gegen die Unvernunft der Eingriffe in Sprache und Rechtschreibung“ erhalten hatte, empörten sich. Viele gesellschaftliche Gruppen meldeten sich in der Folge zu Wort. Im Februar richteten mehr als fünfzig Rechtsgelehrte eine Petition an die Parlamente in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darin forderten sie wegen „schwerwiegender Mängel“ der Reform die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung. Wenig später bezeichneten die Präsidenten von zehn deutschen Akademien in einem Offenen Brief an die Kultusministerkonferenz (KMK) das Ansinnen der Kommission als „eine Gefahr für Bestand und Entwicklung der deutschen Schriftsprache“. Es erschien zunächst wie ein Wunder, daß die KMK daraufhin die Kritik erstmals ernst zu nehmen schien und handelte: Am 4. März gab sie die faktische Entmachtung der Kommission bekannt, indem sie diese zwang, mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die die Reform immer abgelehnt hatte, Gespräche „über fachliche Fragen der Neuregelung“ der Rechtschreibung zu führen. Das war immerhin eine Reaktion auf den öffentlichen Druck und eine Ohrfeige für die Reformer, die den vor einem Jahr veröffentlichten Kompromißvorschlag der Akademie abgelehnt hatten. Kein Wunder, daß die Rechtschreibkommissare eine Trotzhaltung einnahmen und sich keinen Millimeter in die Richtung der Akademievorschläge bewegten. Ende Mai schrieb Akademiepräsident Klaus Reichert entnervt an die Kultusminister, daß die Verhandlungen gescheitert seien: „Als klar wurde, daß keine Konsensbereitschaft besteht und die Vertreter der Kommission nicht dazu bereit sind, den Auftrag der KMK an die Akademie tatsächlich als einen realen Auftrag aufzufassen, mußte das Gespräch abgebrochen werden.“ In die von den Kultusministern jetzt beschlossene Reform der Reform ging kein einziger Akademievorschlag ein. Da vielen aufmerksamen Beobachtern jedoch von vornherein klar war, daß die Gespräche zu nichts führen würden und jeder Kompromiß das Schreibchaos nur noch vergrößern würde, ging der Widerstand weiter. Die Medien begannen, ein größeres Interesse für das Thema zu zeigen. Immer offener wurde in Zeitungskommentaren die Rechtschreibreform abgelehnt und damit der Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung Rechnung getragen. Zum Welttag des Buches am 23. April verbreitete die Deutsche Sprachwelt eine vielbeachtete Resolution zur Wiederherstellung der Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung. Zu den Unterzeichnern zählten Altbundespräsident Walter Scheel, der Schauspieler Manfred Krug und der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi. Doch weder die Rückkehr des ersten Schulbuchverlages zur bewährten Rechtschreibung noch die Appelle von Politikern, Schriftstellern und Hunderten Schweizer und deutscher Deutschlehrer im Mai konnten die Kultusminister umstimmen. Künftig gelten nach deren Willen in vielen Fällen zwei Schreibweisen gleichberechtigt nebeneinander: vor kurzem neben vor Kurzem, Leid tun neben leidtun (leid tun bleibt verboten), Joghurt neben Jogurt, gewinnbringend neben Gewinn bringend und so weiter. Das Rechtschreibchaos wird also weiter zunehmen. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der Vierteljahreszeitung „Deutsche Sprachwelt“.

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