Allerweltsbotschaften

Seit 50 Jahren gibt es das „Wort zum Sonntag“. Grund genug, zu feiern. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auch ein Grund, ihre offene Politik gegenüber anderen Religionen zu bekräftigen. So hat der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber jetzt in einem Zeitungsinterview vorgeschlagen, ein paralleles Sendeformat für die moslemischen Gemeinden in Deutschland zu etablieren. Ein eigenes Angebot für die 3,2 Moslems hierzulande wäre begrüßenswert, sagte Huber der Bild am Sonntag. Das „Wort zum Freitag“ solle in deutscher Sprache ausgestrahlt werden, um die Integration der Moslems stärker voranzutreiben. Doch wie? Vielleicht denkt Huber dabei – getreu der Harmoniebedürftigkeit, die die EKD im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog vertritt – an einen medientauglichen TV-Imam, dessen Verkündigung nicht wehtut. Ein smarter Typ wie Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege ließe sich sicherlich finden, um die gleiche substanzlose Allerweltsbotschaft von Frieden und Gleichheit zu predigen, nur daß Christus durch Allah ersetzt wird. Etwas anderes könnte man sowieso nicht senden, wollte man nicht das besonders in Deutschland gepflegte Klischee eines differenz- und problemlosen Nebeneinanders verschiedener Kulturen und Religionen gefährden. Ein islamistischer Brandredner wäre für die Logik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens genauso undenkbar wie ein Christ, der sein Bekenntnis gerade dann beim Namen nennt, wenn es unpopulär ist. Die Bezeichnung dieses Umstandes als „dogmatical correctness“ macht bei Theologen hinter vorgehaltener Hand schon seit einiger Zeit die Runde. Die Schwierigkeiten eines „Wortes zum Freitag“ zeigen, wie verzwickt die Debatte ist, die sich um den sogenannten christlich-islamischen Dialog schlängelt. Eine weichgespülte Koran-Auslegung, deren letztendliches Ziel die Anpassung an den amerikanisch-westlichen Lebensstil ist, könnte nur sehr bedingt Erfolge einfahren. Ob mehr dabei herauskäme als eine multikulturelle Selbstbeweihräucherung für Menschen, die die verfaßten Religionen längst verlassen haben, ist fraglich. Zwar gibt es längst das Phänomen eines liberalen Islams, nur bilden seine Vertreter genauso wie ihre christlichen Gegenstücke in den seltensten Fällen die Klientel für fromme Fernsehsendungen. Bei der großen Masse der moslemischen Bevölkerung besteht hingegen das latente Gefühl, daß die westliche Lebensart zutiefst vom Christentum beeinflußt ist. Dieses Gefühl besteht auch dann zu Recht, wenn in ihr das traditionell Christliche nur noch rudimentär bis gar nicht erkennbar ist. Denn die spezifische Rolle, die Religion in den westlichen Ländern spielt, ist in den Systemen anderer Religionen kaum denkbar. Die fundamentale Überzeugung aller christlicher Konfessionen, daß das Verhältnis zwischen Gott und Mensch in erster Linie durch Gottes Gnade unabhängig von der Vorleistung des Menschen geprägt ist, schafft einen Raum, in dem sich Religion stärker ausdifferenzieren kann – in dem die religiöse Selbstdeutung der Menschen bei weitem weniger abhängig ist von Normen, die eine konkrete Gemeinschaft oder Kirche vorgibt. Daß am Ende eines über Jahrtausende gehenden Prozesses der immer stärkeren Ausdifferenzierung und Individualisierung der Religion eine Gesellschaft steht, die den Traditionen der Kirchen immer weniger Glaubwürdigkeit zuschreibt, mag man bedauern. Es liegt aber in der Konsequenz eines christlichen Prozesses, den andere Religionen nicht durchlaufen haben oder wollen. Skepsis ist daher über die Erfolgschancen eines christlichen-muslimischen Dialoges angebracht. Das Interesse an einem interreligiösen Dialog ist auf christlicher Seite weitaus ausgeprägter als auf seiten anderer Religionen. Das verwundert nicht, ist doch die Flexibilität zur Aufnahme anderer Symbolsysteme in die eigene Religion im Christentum besonders stark. Anders gewendet: Ein gläubiger Moslem wird genauso wie ein Vertreter anderer Religionen im Regelfall die Notwendigkeit, mit Christen in einen ergebnisoffenen Dialog über letztinstanzliche Überzeugungen einzutreten, gering einschätzen. Angesichts der Tatsache, daß andere Religionen mit Recht nicht bereit sind, ihre Glaubensüberzeugungen aufzugeben, nimmt es nicht Wunder, daß bisherige Dialogversuche meist auf innerkirchliche Monologe hinausliefen. Ebensolche Skepsis ist gegenüber dem Suchen eines kleinsten gemeinsamen Nenners notwendig. Die Rechnung, daß konservative Christen mit konservativen Moslems immerhin die Religiosität an sich gegenüber einer laizistischen Umwelt gemeinsam haben, geht nicht auf. Diese Überlegung fußt genauso wie die Dialogmentalität auf einer Überzeugung religiöser Pluralität, die dem Christentum eignet, anderen Religionen aber nicht. So zielt die Ausübung konservativer Religionspraktiken – wie das Tragen eines Kopftuches – nicht in die gleiche Richtung wie das Tischgebet des konservativen Christen, sondern verkörpert einen Absolutheitsanspruch, der ins Mark einer christlichen Kultur trifft und nur auf Kosten ihrer eigenen Identität zu verwirklichen ist. Karsten Jung ist Diplom-Theologe in Berlin.

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