Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Wertvoller Versuch

Das Wichtigste am Petersburger Gipfel mit Putin, Schröder und Chirac ist, daß er stattgefunden hat – in einer Atmosphäre, in der viele westeuropäische Beobachter, die sich zuvor schadenfroh an den Schwierigkeiten des US-Aufmarsches im Irak delektierten, bereits dabei waren, die Seiten zu wechseln. Nachdem Saddam Hussein kein zweites „Stalingrad“ beisteuerte, verfuhr man in Europas Staatskanzleien nach dem Motto: „Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.“ Allerdings stehen die US-Erfolge auf wackligen Beinen. Das Chaos in den Städten zeigt, daß der Irak seine Stabilität eingebüßt hat – und daß es lange dauern könnte, bis er sie wieder findet. Von den angeblichen Massenvernichtungswaffen, derentwegen der Krieg überhaupt begonnen wurde, spricht schon niemand mehr. Doch der Riß durch das westliche Bündnis läßt sich nicht mehr leugnen und auch nicht durch Einheitsappelle gesundbeten. Es geht auch nicht darum, die Teilnehmer der „Achse Paris-Berlin-Moskau“ moralisch zu qualifizieren. Das ist keine „Wertegemeinschaft“, aber eine Interessengemeinschaft – und der gemeinsame Nenner ist, daß man sich bei allem Respekt nicht von der US-Hegemonialmacht an die Wand drücken läßt. Verbindungen, die auf gemeinsamen Interessen beruhen, sind oft tragfähiger als wacklige Wertedebatten. Zum ersten Mal seit 1945 machen sich im Falle Deutschlands Emanzipationsbestrebungen gegenüber den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges bemerkbar. Ob die Deutschen das durchhalten, steht auf einem anderen Blatt. Aber daß es einmal versucht wurde, war schon der Mühe wert.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles