Systemlogik

Die deutschen Top-Manager trotzen der Krise. Unbeschadet eingebrochener Börsenkurse und nicht immer zufriedenstellender Erträge konnten sie ihre Bezüge im vergangenen Jahr erneut steigern. Der Durchschnitts-Vorstand eines Dax-30-Unternehmens verdient nunmehr rund 1,7 Millionen Euro pro Jahr. Das ist zwar weiterhin erkennbar weniger als das, was Manager-Kollegen in den USA einstreichen dürfen. Der Abstand zwischen den Bezügen diesseits und jenseits des Atlantiks verringert sich aber immer mehr. Die Neidkomplexe deutscher Vorstände gegenüber US-amerikanischen Top-Managern werden also vielleicht schon bald der Vergangenheit angehören. Vorbei sind jedenfalls bereits heute die Zeiten, in denen sich die Führungskräfte der freien Wirtschaft finanziell in einer Weise gewürdigt sahen, als handele es sich bei ihnen bloß um arrivierte Beamte oder Politiker. Dieser Mißstand war nicht nur für die Betroffenen entwürdigend, er war zugleich nicht im Sinne unserer Demokratie, da er die eigentlichen Machtverhältnisse verschleierte. Wer in unserer marktwirtschaftlich verfaßten Ordnung das Sagen hat, kommt jetzt endlich auch in den Einkünften zum Ausdruck. Die Befreiung der Vorstandsbezahlung von den oft nur aus der schlechten Gewohnheit falscher Bescheidenheit angelegten Fesseln wäre ohne äußere Anstöße nicht möglich gewesen. Aus sich selbst heraus hätte unsere dem Leistungsgedanken abholde und statt dessen einem sozialstaatlichen Egalitarismus verhaftete Gesellschaft nie und nimmer Impulse für eine derartige Deregulierung gegeben – wenigstens war sie zu schwach, um diesen Modernisierungsschritt zu verhindern. Wie immer, wenn sich ein Tor zu einer besseren Zukunft öffnet, war es auch hier die Globalisierung, die den notwendigen Anpassungsdruck in die richtige Richtung erzeugte. In einer Welt, in der Grenzen für das Kapital keine Rolle mehr spielen, gleichen sich die von ihm diktierten Lebens-, Arbeits- und Erwerbsbedingungen mehr und mehr an. Gesellschaften, die um des lieben sozialen Friedens willen bisher meinten, die Klassenunterschiede künstlich verringern zu müssen, werden sich einen solchen Luxus auf lange Frist nicht mehr leisten können. Sie erhalten aber die einmalige Chance, die die Leistungsanreize der Eliten hemmende Umverteilung peu à peu zurückzuschrauben, ohne daß man diejenigen, die davon de facto profitieren, persönlich dafür verantwortlich machen dürfte. Auch die Reichen, die reicher und reicher werden, sind lediglich die Getriebenen einer Entwicklung, an deren Ende, wo immer man dann hinblicke, keine Unterschiede in den Klassenunterschieden mehr zu erkennen sein werden. Es ist tröstlich und spricht für die soziale Rationalität unserer Ordnung, daß die Wohlstandsexplosion unserer Leistungseliten dem ökonomischen Abstieg der Massen zuvorkommt. Diese könnten sonst den Glauben an den Sinn ihres Opfers verlieren.

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