Rechtschreibreform rückgängig machen?

Die neuen Rechtschreibregeln haben sich als falsch und in ihren Auswirkungen verhängnisvoll erwiesen. Was die Schüler lernen müssen, also die amtliche Regelung von 1996, ist unterderhand längst außer Kraft gesetzt. Die Rechtschreibkommission hat den Wörterbuchmachern von Duden und Bertelsmann korrigierte Regeln diktiert, und irgendwann, spätestens 2005, müssen die Schulen davon Kenntnis nehmen – die Verwirrung wird also noch wachsen, ein Ende ist nicht in Sicht. Was die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung als „Kompromiß“ und „zweitbeste Lösung“ vorgeschlagen hat, ist erst recht widersprüchlich und weltfremd. Warum sollten wir uns mit einer „zweitbesten“ Rechtschreibung zufrieden geben? Wir hatten doch eine sehr gute und haben sie immer noch. Denn die Kenntnis der bewährten, ungemein leserfreundlichen Orthographie ist ja noch weit verbreitet, und in Milliarden Texten, die nicht einfach entwertet werden dürfen, ist sie dokumentiert. Aber es ist höchste Zeit zu handeln, sonst geht dieser kulturelle Wert tatsächlich verloren. Nun mein Vorschlag: Die bisherige Rechtschreibung wird weiterhin zugelassen, mit unbegrenzter Geltungsdauer, aber ohne das Dudenprivileg. Damit entfällt die berechtigte Kritik an einigen bekannten Duden-Haarspaltereien. Die Rechtschreibwörterbücher konkurrieren künftig um die beste Darstellung der tatsächlich in den seriösen Texten herrschenden Schreibweisen, sie werden aber für die Schulen einem Zulassungsverfahren unterworfen wie andere Schulbücher auch. Die reformierten Schreibweisen werden für eine Übergangszeit von zehn Jahren nicht als Fehler angestrichen, auch wenn sie objektiv falsch sind. Schulbücher werden nicht neu gedruckt, außer im Turnus der Ersatzbeschaffung; die Schüler können die notwendigen Korrekturen selbst vornehmen und daraus etwas lernen. So könnte die unselige Reform im Zuge ihrer Abschaffung noch einen gewissen pädagogischen Nutzen stiften. Prof. Dr. Theodor Ickler ist Leiter des Instituts für Germanistik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ist von Anfang an gegen die Rechtscheibreform gewesen und hat verschiedene Stellungnahmen dazu abgegeben. Mein Vorgänger Professor Christian Meier ist bei den Ministerien vorstellig geworden – alles hat nichts genützt, die sogenannte Reform wurde durchgesetzt. Inzwischen hat die Deutsche Akademie die Forderung nach der völligen Zurücknahme aufgegeben, weil sie glaubt, daß sie nicht wirklich zurückgenommen werden kann, da die Ministerien glauben, in diesem Fall ihr Gesicht zu verlieren. Deswegen hat die Akademie seit ein paar Jahren in ihrer Sprachkommission, zu der bedeutende Sprachforscher wie Peter Eisenberg, Harald Weinrich, Hans Martin Garinger und der Pädagoge Hartmut von Hentig gehören, einen Kompromißvorschlag erarbeitet. Dieser läßt einige Dinge stehen – wie zum Beispiel die Doppel-s-Schreibung -, aber er schlägt auch vor, einige Dinge zurückzubauen. Das betrifft vor allem die unsinnige Auseinanderschreibung von Wörtern. Zum Beispiel ist „schwerbeschädigt“ etwas ganz anderes, als wenn etwas „schwer beschädigt“ ist. Oder „schwerwiegend“ ist auch etwas anderes, als wenn etwas „schwer wiegt“. Das sind Differenzierungen, die die deutsche Sprache bislang hatte und die aufgegeben wurden. Außerdem die Uneinheitlichkeit in der Behandlung der Groß- und Kleinschreibung – das sind Sachen, welche die Akademie rückbauen möchte. Sie ist getragen von dem Wunsch, eine einheitliche deutsche Rechtschreibung wiederherzustellen und verbindlich zu machen. Woran sollen sich denn Schriftsteller und Lehrer halten? Es ist ja soweit, daß Lehrer bei einem Diktat dazuschreiben müssen, nach welcher Auflage des Duden sie korrigiert haben. Der Wildwuchs ist zu beenden. Eine Rückkehr zur Schreibung von vor 1998 ist nahezu auszuschließen. Manches an der Reform ist gut und zu übernehmen, anderes muß überdacht werden – wie gesagt, ein Kompromiß. Prof. Dr. Klaus Reichert ist Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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